Endlich zu den "Sachen selbst" kommen zu wollen, ist mitnichten ein frommer Wunsch, sondern der Anspruch eines überaus ambitionierten philosophischen Programms. Wobei mit den "Sachen selbst" nicht allein die handgreifliche oder sonst wie empirisch zugängliche Wirklichkeit gemeint ist; hier liegt ein leider nur allzu häufiges Missverständnis vor. Ein produktives Missverständnis allerdings, das in der Folge von Edmund Husserl, auf den die Sache mit den "Sachen selbst" eigentlich zurückgeht, zu weitreichenden Interpretationen geführt hat.
Im 20. Jahrhundert ist kaum ein Denker von Rang an Husserl vorbeigekommen: Adorno, Heidegger, Bloch, Wittgenstein, Merleau-Ponty, Sartre, Lévinas - um nur ein paar Namen zu nennen. Materialisten, Freudomarxisten, Idealisten, Sprachspieler, Wissenschaftstheoretiker und so weiter: Alle fanden die Sache mit den "Sachen selbst" überaus anregend, sogar noch in der Ablehnung. Auch ein ansonsten kühler Systemdenker wie Niklas Luhmann konnte sich für Husserl erwärmen.
Ohne Husserl geht im 20. Jahrhundert gar nichts, jedenfalls philosophisch betrachtet. Etwas, das den Juden allerdings nicht davor bewahrte, sich ab 1933 schwerste Demütigungen gefallen lassen zu müssen. Davor hat ihn auch sein begabtester Schüler nicht bewahren können, Martin Heidegger, der nicht einmal zehn Jahre zuvor die folgenden Worte seinem Werk "Sein und Zeit" voranstellte: "Wenn die folgende Untersuchung einige Schritte vorwärts geht in der Erschließung der ‚Sachen selbst', so dankt das der Verfasser in erster Linie Edmund Husserl".
Die von Husserl auf den Weg gebrachte phänomenologische Forschung beschäftigt sich mit den "Sachen selbst" und also mit dem, was sich von sich selbst her zeigt. Das sind mitnichten nur die Tatsachen der äußeren Welt, sondern vor allem auch die Strukturen oder Ordnungen, innerhalb dessen uns eine Sache erst erscheinen kann. Ganz einfach: Es ist der Mensch in seiner Alltäglichkeit, dem die "Sachen selbst" erscheinen, ohne dass ihm dies ein Thema oder Problem wäre. Die "Sachen selbst" sind immer schon da, und zwar bevor der Mensch sie bedenkt oder neugierig begrabscht. Für diese Einsicht vielen Dank, und ansonsten einen herzlichen Glückwunsch zum 150. Geburtstag.


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