stellen
auto
immobilien
marktplatz
inserieren
Kultur & Medien
09. Februar 2010
Anzeigenmarkt | Zeitungsanzeige aufgeben | Abo-Angebote

In- & Ausland
Frankfurt & Hessen
Marktplatz
Verlagsservice
ANZEIGE
Die FR auch bei
Feuilleton

Open Access

Die Autoren werden gestärkt!

VON MATTHIAS SPIELKAMP UND FLORIAN CRAMER

Können mehr als 1200 Unterzeichner eines Appells "Für Publikationsfreiheit und die Wahrung der Urheberrechte" irren? Können unzählige "public intellectuals", die diesen Aufruf unterzeichnet haben, darunter Hans Magnus Enzensberger, Adrienne Goehler, Alexander Kluge, Christina von Braun und Klaus Theweleit, irren, wenn sie den Schutz der "Freiheit von Literatur, Kunst und Wissenschaft" fordern? Zu ihrem Vorteil ist genau das zu hoffen. Denn wenn sie nicht irren, plädieren sie dafür, dass der Zugang zu "Kunst und Wissen" auf dem Stand der 1980er Jahre zementiert wird, und dass die geforderte Freiheit der Wissenschaft eingeschränkt wird, indem insbesondere naturwissenschaftliche Forschung weiterhin an Großverlage verschenkt und mit Steuermillionen zurückgekauft wird.

Der Aufruf stammt von Roland Reuß, Literaturwissenschaftler in Heidelberg. Unterstützt haben dürfte ihn beim Verfassen Uwe Jochum, Bibliothekar an der Universität Konstanz, auf dessen Veröffentlichungen sich Reuß in seinen Artikeln bezieht. Beide haben nicht nur im Appell, sondern auch in der FR den Standpunkt vertreten, das so genannte "Open Access" bedrohe die im Grundgesetz verbürgte Freiheit der Presse, von Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre. Das Gegenteil ist der Fall.

Was ist Open Access? Nichts anderes als eine Selbsthilfebewegung von Wissenschaftlern, die sich von den großen Wissenschaftsverlagen enteignet fühlten. Nachdem Verlage über eine lange Zeit den Austausch wissenschaftlicher Erkenntnisse erst möglich gemacht haben, begannen einige von ihnen, ihre Position als Gatekeeper auszunutzen. Allen voran die Großverlage der STM-Disziplinen (Science, Technology, Medicine) haben in den vergangenen Jahrzehnten ihre Oligopolstellung dazu genutzt, die Preise der Zeitschriften, in denen Wissenschaftler Erkenntnisse austauschen, so drastisch zu erhöhen, dass es zur so genannten "Zeitschriftenkrise" kam: immer mehr Bibliotheken mussten Zeitschriften abbestellen, weil sie die Abonnements nicht mehr bezahlen konnten.

Zur Sache
Open Access ist eine Internet-Plattform, die wissenschaftliche Informationen frei zugänglich macht, und die von der Max-Planck-, der Fraunhofer- und der Helmholtz-Gesellschaft unterstützt wird. Es gibt aber auch Kritik: In der FR äußerten sich am 12. März und am 7. April Roland Reuß und Uwe Jochum.

www.open-access.net/de/

In ihrer Erwiderung stellen Matthias Spielkamp und Florian Cramer die Frage, wem die Beschränkung des Zugangs dient. Spielkamp ist Publizist in Berlin und Projektleiter bei iRights.info. Cramer ist Literaturwissenschaftler und leitet in Rotterdam einen Mediendesign-Studiengang.
Was sich aber kaum vorstellen kann, wer mit diesem Publikationsbetrieb nicht vertraut ist: Wissenschaftler bekommen für ihre Artikel von den Verlagen keinen Cent, werden aber in vielen Fällen gezwungen, alle Rechte an ihren Beiträgen abzutreten. Die Steuerzahler zahlen so (mindestens) dreimal: einmal, indem sie die Wissenschaftler an Universitäten und anderen öffentlichen Forschungseinrichtungen finanzieren, dann noch einmal, wenn sie für die Bibliotheksetats aufkommen, aus denen die Abonnements bezahlt werden müssen. Zum dritten, weil Wissenschaftler die Qualitätskontrolle durch den so genannten Peer Review, also die Begutachtung der Artikel, ebenso übernehmen wie in inzwischen fast allen Fällen das Setzen und Layouten ihrer Artikel.

Zur gleichen Zeit entwickelte sich mit dem Internet eine Technologie, die die Wissenschaftler von den Verlagen unabhängiger machte. Denn nun war es möglich, ohne deren Hilfe zu publizieren. Open Access definiert Qualitätsstandards dafür, dies jenseits improvisierter Homepage-Publikationen wissenschaftlich und editorisch professionell zu tun. Autoren werden dabei gestärkt, denn sie entkommen dem Zwang, ihre Rechte an einen Verlag abzutreten.

Entgegen den Darstellungen von Reuß und Jochum wurde die Bewegung hin zu Open Access nicht von anonymen Wissenschaftsorganisationen ins Leben gerufen, um ihnen vorzuschreiben, wie und wo sie zu publizieren haben. Im Gegenteil: die Wissenschaftler selber haben zu Beginn bei ihren Organisationen für Open Access werben müssen, darunter Spitzenvertreter ihres Fachs wie der Mathematiker Donald Knuth, der Medizin-Nobelpreisträger Harold Varmus und der Linguist Stevan Harnad. Nur ihrer Hartnäckigkeit ist es zu verdanken, dass der Zugang zu - vor allem: naturwissenschaftlichen - Informationen immer weniger von Verlagskonzernen wie ReedElsevier oder Springer Wissenschaft abhängig ist.

In den Geisteswissenschaften herrscht eine andere Publikationstradition. Wenn Verleger wie KD Wolff mit großem persönlichen und finanziellen Einsatz Projekte wie Reuß' Kafka-Edition möglich machen, hat das mit dem Schröpfen der öffentlichen Hand nichts zu tun. In manchen Fällen ist es eher Mäzenatentum. Aber im "Heidelberger Appell" werfen Wolff und viele andere Verleger Open Access in einen Topf mit Google Books, einem Projekt, bei dem ohne Zustimmung der Autoren Millionen Bücher gescannt und verwertet werden. Google Books hat aber mit Open Access etwa so viel zu tun wie eine Buchclub-Drückerkolonne mit einer öffentlichen Bibliothek.

Vielleicht ist all das nur ein Missverständnis. Doch da Reuß und Jochum auf ihm, aller sachlichen Entgegnungen zum Trotz, beharren und sogar YouTube und Musik-Tauschbörsen ins Spiel bringen, wird man den Verdacht nicht los, dass Gelehrte und Schriftsteller hier ein diffuses allgemeines Unbehagen am Internet artikulieren sowie ihre Panik, von der Medienentwicklung überrollt zu werden. Genau solches Beharren auf lieb gewonnenen Strukturen wird aber letztlich nur den Global Playern nützen, denen das Internet zurzeit die Chance bietet, ihr Oligopol auch auf die Geisteswissenschaften, Literatur und Künste auszudehnen. Open Access ist jedoch kein "new economy"-Geschäftsmodell, sondern im Gegenteil der Versuch von Wissenschaftlern, das Heft des Handelns wieder selbst in die Hand zu nehmen und ein Medium für freie Forschung zu schaffen. Der "Heidelberger Appell" wird da, philologisch gesehen, zur Groteske, mit Potenzial zur Tragödie.
Lesen Sie auch


Pfeil-SymbolArtikel kommentieren (27 Kommentare)



Empfehlen via:    Twitter    Facebook    StudiVZ    MySpace
[ document info ]
Copyright © FR-online.de 2010
Dokument erstellt am 20.04.2009 um 11:56:01 Uhr
Letzte Änderung am 21.04.2009 um 07:36:21 Uhr
Erscheinungsdatum 20.04.2009
Kommentare
1. Irreführung der Leser
Das ist aber eine krasse Lesermanipulation, Herr Spielkamp. Der Heidelberger Appell richtet sich nicht gegen Open Access. Das wäre ja auch tatsächlich fragwürdig. OA ist der älteste Hut den es gibt. Im Prinzip wurde alles OA verbreitet, bevor es Bezahlmodelle wie Buchverkauf, Abo und Eintrittspreise gab. Wer heute OA publizieren will, der stellt seine Inhalte ins Netz, schreibt sie an die Hauswand, klebt sie an die Kirchenpforte...

Das kann jeder halten, wie er will. Der Heidelberger Appell sagt genau das: Das soll auch weiterhin jeder halten können wie er will. Die Allianz der Wissenschaftsorganisationen will einen Zwang zu Open Access. Wer nicht OA publiziert bekommt keine Forschungsgelder mehr. Das ist der Kritikpunkt, der Bruch der Verfassungsmäßig garantierten Forschungsfreiheit



Pfeil-SymbolVerstoß melden

2. Wer lesen kann, ist klar im Vorteil
Lieber Herr Ulmer,
die Frechheit, mit der sie argumentieren, nötigt mir schon fast Respekt ab. Lesermanipulation? Es hat seit langem keine dreistere Irreführung der Leser gegeben als den "Heidelberger Appell" selber und das, was Reuß und Jochum dazu veröffentlicht haben.
Ich habe an anderer Stelle bereits genug darüber geschrieben. Wen diese ausführlichen Auseinandersetzungen interessieren, für die hier kein Platz war, der lese meinen Artikel im Perlentaucher (http://www.perlentaucher.de/artikel/5347.html) und meinen Blogeintrag zu Jochums FR-Artikel (http://immateriblog.de/?p=466).
Wie es schon im obigen Artikel heißt: Vielleicht ist das alles nur ein Missverständnis. Allerdings wird mit jedem Kommentar wie Ihrem deutlicher, dass das eine Hoffnung ist, die wohl enttäuscht werden wird.



Pfeil-SymbolVerstoß melden

3. Fragen über Fragen
Seltsam, in dem Heidelberger Appell, den ich unterzeichnet habe, ist an keiner einzigen Stelle - weder wörtlich noch sinngemäß - von "Open Access" die Rede?! Und das wirft dann doch irgendwie Fragen auf...
Wenn "Google Books mit Open Access etwa so viel zu tun hat wie eine Buchclub-Drückerkolonne mit einer öffentlichen Bibliothek", was hat denn dann die (zurecht kritisierte) Musikpiraterie bei youtube mit Open Access zu tun?
Schreiben die Herren Spielkamp und Cramer hier gegen einen anderen Heidelberger Appell an als den, den Roland Reuß auf den Weg gebracht hat? Oder bin ich am Ende doch auch nur ein kulturpessimistischer Irrender mit Hang zur Groteske und Potenzial zur Tragödie?
Und vor allem: Geht es in diesem "Beitrag" vielleicht um etwas ganz anderes...???



Pfeil-SymbolVerstoß melden

4. Open Access
Ach so: Sie haben gar nicht verstanden, dass es um Open Access geht! Das hätten die Unterzeichner besser gleich sagen sollen. Jetzt wird mir allerdings einiges klar...



Pfeil-SymbolVerstoß melden

5. Im Gegenteil,
es geht ja gerade NICHT um Open Access, das hab ich trotz aller Irrerei durchaus kapiert.
Aber 's ist doch wenigstens schön, dass uns beiden jetzt einiges klar wird...



Pfeil-SymbolVerstoß melden


Seite 1 von 6 nächste Seite
FR-online.de interaktiv
Zur TV-Kritik

Gestern ferngesehen? Diskutieren Sie mit!

Becks Globalrundschau
Becks Globalrundschau

Ulrich Beck schreibt jeden Monat darüber, was ihm auffiel in den Medien und in der Wirklichkeit an Zahlen und Ideen.

Pfeil-Symbol Becks Globalrundschau
Lesestoff
Lesestoff

Pfeil-SymbolLiteratur-Rundschau: Mehrmals im Jahr und immer zur Buchmesse in Frankfurt und Leipzig.

Die Bestseller:
Pfeil-SymbolBelletristik Top Ten
Pfeil-SymbolSachbuch Top Ten
Kinoprogramm
Kino-Programm

Die Filmwoche: Alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

Pfeil-SymbolZum Kinoprogramm
FR Weinbar
Zum FR-Weinshop

In der FR Weinbar finden Sie eine exzellente Auswahl von über tausend Weinen, die von erfahrenen Sommeliers für Sie ausgesucht und verkostet wurden.

FR WeinbarZur FR Weinbar
Sudoku online
Sudoku online

Das Zahlenspiel, das süchtig macht!

Pfeil-SymbolHier online spielen
Der Freizeit-Planer
Terminkalender

Kino, Kunst, Konzert, Theater, Ausgehen: Nichts mehr verpassen in Frankfurt und der Region - mit dem

Pfeil-SymbolTerminkalender




Copyright © 2010 Frankfurter Rundschau
Startseite | Anzeigenmarkt | Hilfe | Politik | Wirtschaft | Frankfurt | Hessen
Sport | Fotostrecken | Kultur | Medien | Blogs | Auto
Reise | Videos | Spiele | Stellenmarkt | Kfz-Markt | Immobilien
Datenschutzerklärung | Abo-Service | Mediadaten | Kontakt | Impressum | Sitemap
realisiert von evolver media®