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14. März 2010
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Kasseler Fotofrühling

Your Photo. Your Art. Your Blog.

VON MICHAEL GIESECKE

Der Kasseler Fotofrühling widmete sich nun schon zum zweiten Mal den "unabhängigen Fotobüchern". Was sich hinter diesem Label verbirgt, wird zunehmend unklarer, denn in der Tat befindet sich dieses Medium in einem radikalen Umbruch. Daher lässt sich hier quasi mikroskopisch verfolgen, wie die digitalen Werkzeuge unsere Vorstellung über das Buch und die Aufgaben des Buchmarktes verändern.

Ursprünglich sammelten Fotografen ihre Arbeiten in meist teuren Kunstdruckbänden. Fotobücher kaufte man als Werkschauen von Fotografen, die dieselben Bilder schon in Ausstellungen gezeigt hatten und so einem breiteren Publikum bekannt waren. Oder sie gingen aus Fotoreportagen hervor, in denen der Text deutlich hinter den Fotografien zurücktrat. Künstlerische Fotografien und hochwertiger Fotojournalismus prägten unsere Vorstellung von Fotobüchern bis vor wenigen Jahren. Und an genau jene Produkte verliehen fast alle Kasseler Juroren auch den Photo Book Award.

Gerry Badger, der gemeinsam mit Martin Parr eine zweibändige Geschichte des Fotobuchs herausgebracht hat, wählte als seine Favoritin die Magnum-Fotografin Susan Meiselas mit ihrem bei Steidl erschienenen Fotostrecken "In History". Parr andererseits entschied sich für "cell", den gerade erschienenen irritierenden Kunstband des Japaners Taiji Matsue.

Wie überhaupt Ostasien mit acht von vierundzwanzig Auszeichnungen bemerkenswert stark repräsentiert war. Der ostasiatischen Kultur mit ihrer sehr kurzen Geschichte der Typographie und der langen Geschichte der Prämierung der Bildpublizistik scheint die Emanzipation sowohl vom Text als auch von dem vereinzelten Foto, wie es für den Galeriebetrieb im Westen typisch ist, am besten zu gelingen. Matsues Werk hätte es mit seiner pixeligen Optik und dem Charme eines vergrößerten Handyfotos - aber häufig aus der Vogelperspektive aufgenommen - vor Jahren gewiss nicht zwischen die Buchdeckel etablierter Verlage geschafft.

Aber dorthin wollen viele gar nicht mehr. Glaubt man dem Geschäftsbericht des größten deutschen Fotodienstleisters Cewe, dann wurden im Jahr 2008 allein bei ihm 2,6 Millionen Exemplare dieser Gattung hergestellt, was einer Steigerung gegenüber dem Vorjahr um 74,8 Prozent entspricht. 4,4 Millionen sollen es laut dem Bundesverband der Photo-Großlaboratorien im vergangenen Jahr allein in Deutschland insgesamt gewesen sein. Auf der Photokina 2008 stellten sich "individuelle Bildpräsentationen und personalisierte Fotoprodukte als klare Leittrends" heraus. Wachstumsraten deutlich über zehn Prozent erwarten die Branchenexperten auch für die nächsten Jahre.

Traditionelle Verlage können von solchen Verkaufszahlen nur träumen. Die überwiegende Anzahl dürfte aus digitalen Versionen von dem bestehen, was ehemals unter Fotoalben firmierte: Fotos von Familie und Kindern, Reiseerlebnisse, Blumen und Gärten in verschiedenen Jahreszeiten, Feiern von Vereinen, Jubiläen usf. Aber wenn nur ein Zehntel dieser auf CD-Rom gebrannten und in Formaten von 13x10 cm bis 43x30 cm mit Preisen von 7,95 bis 80 Euro und mehr dieser Produkte den typographischen Vorbildern in Form und Inhalt nachstrebten, dann wäre auch dies noch ein Quantensprung. Aber daneben bilden sich ganz neue Ideale und Ziele heraus.

In Kassel waren in einer Sonderschau, die als Nachwuchsförderung vom Vorstand des Kasseler Fotoforums und den Professoren Bernhard Prinz und Gabriele F. Götz von der Kunsthochschule Kassel kuratiert wurde, viele kreative Exemplare mit klarem künstlerischen Anspruch zu besichtigen. In der Ausschreibung wünschten sich die Veranstalter "unveröffentlichte Prototypen eines Fotobuches". Aber müssen sich diese Arbeiten tatsächlich als "Foto-Dummys" verstehen, als Vorstufen im typographischen Veröffentlichungsprozess? Einige tun dies gewiss, immer mehr Amateure und Semi-Professionals schielen jedoch gar nicht mehr auf den traditionellen Buchmarkt. Sowohl der Anbieter Lulu.com als auch die in Kassel vertretene Blurb.Com bieten den Vertrieb selbst produzierter Werke "for every one who has a story to tell" über Onlineshops an. Sogar ISBN-Nummern lassen sich für weniger als 100 Euro erwerben. Als Dummy könnte man da bestenfalls die Vorschau auf den Ausdruck im Internet bezeichnen.

Vermutlich war es in der Kulturgeschichte noch nie so einfach, die Funktionen von Bild- und Textproduzenten, von Verleger und Händler in einer Person zu bündeln. Hier entsteht den Verlagen eine unerwartete Konkurrenz, zumal gerade der Druck von Bildern und Fotos im herkömmlichen typographischen Medium extrem teuer ist.

Dass selbst professionelle Fotografen, die mit ihrem Kunsthandwerk ihren Lebensunterhalt verdienen (müssen), die mehrmedialen Realisierungsmöglichkeiten von digitalen Bildvorlagen nutzen, bewiesen eindrucksvoll Katja Stuke und Oliver Sieber, die am ersten Abend über ihr Projekt "Frau Böhm" referierten. Sie zeigen auf ihrer bereits 2005 eingerichteten Internetplattform virtuelle Fotoausstellungen eigener und nunmehr auch fremder Künstler, und sie produzieren und verkaufen ihre Fotojournale und Ausstellungsbände in kleinen Auflagen selbst über ihre Webseite und über einige wenige ausgewählte Buchhandlungen und Galerien (www.boehmkobayashi.de).

Bei diesem Vorgehen reduziert sich der gegenwärtige Streit um Autoren-, Verleger- und Nutzerrechte auf ein Minimum: Wer Anregungen haben will, dem reicht das kostenlose Internet. Wer anspruchsvolle Ausbelichtungen der Fotos oder Offsetdrucke haben will, kommt um die signierten Angebote von Stuke/Sieber nicht umhin, wer sich mit einfachen Reproduktionen und Fadenheftung begnügt, den beliefern die Autoren/Verleger gegen Honorare von 20 Euro aufwärts direkt.

Wir erleben hier, mit anderen Worten, die Geburt eines neuen panmedialen visuellen Kodes und von Medienhybriden mit eigener Ästhetik. Diese Kunst auf digitaler Basis lässt weit tiefere Auswirkungen auf unsere Kultur erwarten als jene Bildschirmtexte, die ihren mangelnden Eigenwert hinter dem Mantel eines Buches, "e-Book", verdecken müssen. Wir können gewiss sein: Fotobuch-Werkschauen wie die in Kassel (www.kasselerfotoforum.de) werden Fortsetzungen in den nächsten Jahren finden.

Michael Giesecke schrieb das Standardwerk "Der Buchdruck in der frühen Neuzeit" (Suhrkamp 1996, neu 2006) und lehrt heute an der Universität Erfurt.


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Dokument erstellt am 24.05.2009 um 17:16:03 Uhr
Letzte Änderung am 24.05.2009 um 19:09:00 Uhr
Erscheinungsdatum 25.05.2009
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