Nach den Regeln des Deutschen Filmpreises ist ‚Das weiße Band' ein deutscher Film": Man wird sich der Worte von Staatsminister Bernd Neumann, gefallen vergangene Woche in Cannes bei einem Empfang der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen, wohl noch erinnern, jetzt wo der Österreicher Michael Haneke das Festival gewonnen hat.
Einer der Produzenten des Films, der Berliner Stefan Arndt, hatte die Nationalfrage schon im Vorfeld auf die Agenda gebracht - was nicht ganz der Ironie entbehrte bei einem Stoff, der nicht von ungefähr unter norddeutschen Bauern am Vorabend des Ersten Weltkriegs spielt; er bohrt dabei auch sinnfällig im Nährboden des späteren Faschismus. Aber Cannes liegt nun einmal in Frankreich, der Heimat des Autorenfilms.
"Das weiße Band" des Österreichers Michael Haneke glänzte am Ende golden, weil in einem überdurchschnittlichen Wettbewerb doch kein überragendes Meisterwerk auszumachen war. Wieder einmal gewinnt damit ein anerkannter Protagonist des Weltkinos für einen Film, der nicht sein bester ist. Anders als Hanekes Welterfolg "Caché", 2005 am selben Ort nur mit dem Regiepreis ausgezeichnet, fehlt seinem "weißen Band" jene besondere, geheimnisvolle Nachhaltigkeit. Dass Jury-Präsidentin Isabelle Huppert bereits bei Haneke spielte, dürfte bei der Entscheidung nicht ganz unerheblich gewesen sein.
Und noch ein weiterer Österreicher gewann in einem Film, der überwiegend in Deutschland gedreht wurde: Christoph Waltz, der hinreißend sprachgewandte Schurke in Tarantinos Nazi-Farce "Inglourious Basterds", bedankte sich stilvoll, um dann im letzten Moment selbst zu unterbrechen für ein Geständnis an den anwesenden Regisseur: "Quentin, du hast mir meine Berufung zurückgegeben." Wieviel aufgestaute Bitterkeit bezüglich der eigenen Fernsehkarriere versteckte sich wohl in diesem Kompliment an den Hollywoodregisseur.
Waltz, wiedererweckt
Preise in Cannes
Zum Abschluss des 62. Filmfestivals in Cannes haben die Jurys unter anderem folgende Preise vergeben:
Goldene Palme (bester Film): "Das weiße Band" von Michael Haneke;
Großer Preis der Jury: "Un Prophète" von Jacques Audiard;
Preis der Jury zu gleichen Teilen an "Fish Tank" von Andrea Arnold und "Thirst" von Park Chan-Wook.
Bestes Drehbuch: "Spring Fever" von Lou Ye;
Beste Regie: "Kinatay" von Brillante Mendoza; Spezialpreis der Jury: Alain Resnais für "Les herbes folles";
Bester Schauspieler: Christoph Waltz;
Beste Schauspielerin: Charlotte Gainsbourg.
Fotostrecke:
Die Gewinner von Cannes
Goldene Palme (bester Film): "Das weiße Band" von Michael Haneke;
Großer Preis der Jury: "Un Prophète" von Jacques Audiard;
Preis der Jury zu gleichen Teilen an "Fish Tank" von Andrea Arnold und "Thirst" von Park Chan-Wook.
Bestes Drehbuch: "Spring Fever" von Lou Ye;
Beste Regie: "Kinatay" von Brillante Mendoza; Spezialpreis der Jury: Alain Resnais für "Les herbes folles";
Bester Schauspieler: Christoph Waltz;
Beste Schauspielerin: Charlotte Gainsbourg.
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Die Gewinner von Cannes
Mit einer Schweigepause und Buhrufen quittierte dagegen das Publikum den Regiepreis für den Philippinen Brillante Mendoza und seinen tiefschwarzen Gangsterfilm "Kinatay". Tatsächlich changiert auch dieser Film des kontroversen Regisseurs an der schwer verortbaren Grenze zwischen inszenatorischer Kühnheit und den kalkulierbaren Schauwerten des Genrekinos. Ein junger Mann will sich das Budget für seine bevorstehende Hochzeit verdienen - und bemerkt zu spät, dass man von ihm erwartet, dafür eine Frau zu töten.
Eine ganze Filmrolle, rund zwanzig Minuten, nimmt die zentrale Folterszene ein. Das Beklemmendste an diesem tief verstörenden Film ist dennoch das, was er der Sichtbarkeit entzieht und in ein pulsierendes, grauschwarzes Dunkel führt. Jury-Mitglied Hanif Kureishi verteidigte die Entscheidung mit den vieldeutigen Worten, nie habe er etwas Vergleichbares gesehen.
Man muss nicht in die Ferne schweifen, um in der Landkarte der Filmkunst klaffende Löcher auszumachen. Schon Griechenland ist selbst für Kenner des Weltkinos ein weißer Fleck - abgesehen von den Werken des nach wie vor aktiven Theo Angelopoulos. Der aufregendste Film des Festivals hat das schlagartig geändert. Er fand sich mit dem Psychodrama "Kynodontas" des 36-jährigen Griechen Giorgos Lanthimos nicht im Hauptwettbewerb, sondern in der Nebenreihe "Un certain regard", wo er den Hauptpreis erhielt.
Von der Landschaft des Landes bekommt man nicht viel mehr zu sehen als den Garten einer Nobelvilla. Für die drei jugendlichen Kinder einer Industriellenfamilie ist er das ganze Universum. Sie sind Gefangene ihrer Eltern, die selbst die Sprache umdeuten, um ihre Kinder in einer pervertierten Schutzzone der Überbehütung zu halten. "Zombies" sind im Wörterbuch dieser Unmenschen zum Beispiel harmlose Butterblümchen. Dafür gelten Hauskatzen als Menschenfresser.
Erst allmählich gibt der Film das Geheimnis dieser verkehrten Welt preis, lange bewegt er sich in einer surrealen, durchaus humorvollen Sphäre. Jede Szene aber führt ein neues Detail dieses schrecklichen Falles einer von den Opfern unbemerkten Freiheitsberaubung ein, während die Bildkompositionen mit der Klarheit eines Magritte aufwarten. Und anders als Hanekes filmischer Exkurs über den Faschismus ähnelt dieser Film keinem zweiten.
Was politisches Kino wert ist, wenn es nicht nur politisiert, zeigte der zweitplatzierte Beitrag dieser Festivalsektion, der rumänische Beitrag "Politist, adjejktiv" des 34-jährigen Autorenfilmers Corneliu Porumboiu. Ein junger Polizeibeamte will darin nicht einsehen, dass er Beweise sammeln soll, um einen Jugendlichen wegen banalen Marihuana-Konsums für Jahre hinter Gitter zu bringen. Das aber verlangt das rumänische Recht. So dienen all seine Ermittlungen dem Beweis der Harmlosigkeit des Verdächtigen und der Hinfälligkeit eines seiner Ansicht unzeitgemäßen Gesetzes.

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