Milan Kundera hat uns vor einiger Zeit wieder daran erinnert ("Der Vorhang", Hanser Verlag 2005), dass der Begriff von "Geschichte" und seine Bedeutung abhängig ist vom Gegenstand der Geschichte.
Die Geschichte der Menschengattung handelt von Vergangenem, von Objekten, die nicht mehr existieren und deswegen in unserem Leben keine unmittelbare Rolle spielen. Die Geschichte der Wissenschaft oder der Technologie ist eine Geschichte des Fortschritts - sie handelt von höher entwickelten Lösungsansätzen und Werkzeugen und davon, wie die weniger entwickelten Vorgänger ersetzt und aussortiert wurden.
Wenn es aber um Kunst geht, dann spielt das Altern, das Vergehen und das Aussortieren keine Rolle. Die Geschichte der Kunst ist keine Fortschrittsgeschichte, sondern eine Geschichte von Werten, die, wenn sie einmal in unserem Leben etabliert wurden, uns für immer erhalten bleiben.
Zur person
Zygmunt Bauman wurde 1925 in Polen geboren und war bis zu einer Emeritierung 1990 Professor für Soziologie in Leeds.
Während die Geschichte von Wissenschaft und Technologie letztendlich nichts mit dem Menschen zu tun hat, ist die Geschichte der künstlerischen Errungenschaften immer eng an bestimmte Personen gebunden. "Hätte Edison nicht die Glühbirne erfunden, dann wäre früher oder später ein anderer darauf gekommen"; "aber wenn Laurence Sterne nicht die verrückte Idee gehabt hätte, einen Roman ohne stringente Handlung zu schreiben, hätte es statt seiner auch niemand anders getan, und die Geschichte des Romans wäre eine andere."
Kunderas Interesse gilt natürlich besonders dem Roman und der Aufgabe des Romanciers, aber seine Betrachtungen treffen auf alle Schriftsteller zu, die sich berufen fühlen, Aspekte der menschlichen Existenz zu beleuchten, die sonst unsichtbar bleiben würden, und einen Zugang zu eröffnen zu Dingen, über die bis dahin nicht gesprochen wurde.
Menschen, die sich bemühen, Worte zu finden
Dies betrifft im weitesten Sinne auch die Geisteswissenschaften, besonders die Philosophie und Soziologie, da diese sich mit der menschlichen Erfahrung beschäftigen, genauer gesagt, mit Menschen, die darum bemüht sind, Worte zu finden, die das Erlebte adäquat beschreiben, um es sich selbst und ihren Mitmenschen verständlich zu machen. Hätten wir ohne die Erkenntnisse von Jürgen Habermas heute das gleiche Verständnis unserer Lebenswelt? Eine rein rhetorische Frage. Die Antwort ist natürlich nein.
In seinem Nachruf auf Richard Rorty, einen großen Philosophen, Freund und Mitstreiter, schrieb Habermas: "Richard Rorty hat sich vor dreieinhalb Jahrzehnten aus dem Korsett eines Faches, dessen Konventionen ihm zu eng geworden waren, gelöst , um fortan auf unausgetretenen Pfaden philosophieren zu können."
Genau das praktiziert Habermas selbst seit mehr als 50 Jahren. Er war immer damit beschäftigt - um es noch einmal mit Kundera zu sagen -, "den Vorhang wegzureißen", der die Erfahrungen des Lebens vor den Lebenden verbirgt.
Indem er sich der höchsten und schwierigsten Aufgabe verschrieb, die uns die Geisteswissenschaften stellen, ist Habermas zu einer Größe geworden, an der wir uns messen, die aber die meisten von uns niemals erreichen. Seine Werke "Erkenntnis und Interesse", "Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus", "Die Moderne: Ein unvollendetes Projekt" und schließlich "Die postnationale Konstellation" sind für mich Meilensteine auf meinem beschwerlichen Weg entlang der gewundenen, komplizierten, rätselhaften und verzerrten Route, die die Menschheit im 20. Jahrhundert eingeschlagen hat.
Bei der Lektüre konnte ich das Zerreißen der Vorhänge hören. Und ich bin nicht der einzige, der sich beim Studium der Gesellschaft und Politik des 20. Jahrhunderts an Habermas orientiert. Zehn Jahre nach Beginn des 21. Jahrhunderts ist Habermas' Werk immer noch eine unverzichtbare Referenz.
Habermas und die Nation
Hier ein Beispiel: Wir stehen jetzt vor der Aufgabe, auf den gesamten Globus zu übertragen, was dem modernen Staat auf einer kleineren, nationalen Ebene gelungen ist - nämlich Macht und Politik wieder zu vereinen, die getrennt wurden und sich in unterschiedliche Richtungen bewegen, weil sich Handel und Wirtschaft vom Netz menschlicher Institutionen emanzipiert haben. Der Weg, der jetzt vor uns liegt, ist ebenso beschwerlich wie damals, voller Fallstricke und unvorhersehbarer Risiken. Wir wissen nicht, wo es lang geht, und jeder Schritt ist ein Sprung ins Ungewisse.
Für die Skeptiker gibt es über der Nation kein brauchbares demokratisches Gebilde, wobei sie die Erfahrungen aus der Vergangenheit ins Feld führen und darauf beharren, dass Staatstreue kein Ersatz für "ethno-kulturelle Bindungen" sein kann und dass die Staatsbürgerschaft auf einer rein "zivilisatorischen" (rechtspolitischen) Basis nicht funktionieren kann ohne den "Eros" (die "emotionale Dimension"). Wobei auch davon ausgegangen wird, dass dieser "Eros" untrennbar verknüpft ist mit der Vorstellung von einer gemeinsamen Vergangenheit und Zukunft, die wir aus der Geschichte unter der Bezeichnung Nationalismus kennen.
Habermas' umfassende und geschliffene Analyse in "Die postnationale Konstellation" weist in eine andere Richtung: "Die hochartifiziellen Entstehungsbedingungen des nationalen Bewusstseins sprechen gegen die defätistische Annahme, dass sich eine staatsbürgerliche Solidarität unter Fremden nur in den Grenzen einer Nation herstellen kann. Wenn sich diese Form der kollektiven Identität einem historisch folgenreichen Abstraktionsschub vom lokalen und dynastischen zum nationalen und demokratischen Bewusstsein verdankt, warum sollte sich ein solcher Lernprozess nicht fortsetzen lassen?"
Die Zugehörigkeit zu einer Nation ist keine notwendige Bedingung für die Legitimation der staatlichen Autorität, wenn der Staat ein wirklich demokratisches Gebilde ist: "Die Bürger eines demokratischen Rechtsstaates verstehen sich als die Autoren der Gesetze, denen sie als Adressaten zu Gehorsam verpflichtet sind." Man kann sagen, dass der Nationalismus die fehlende Legitimation ausnutzt, die durch ein Defizit in der demokratischen Partizipation der Bürger entsteht. Wenn die politische Partizipation seiner Bürger ausbleibt, bleibt dem Staat nichts anderes übrig, als die nationalistische Gesinnung wieder zu propagieren.
Das ist nur einer der vielen Vorhänge, die Habermas aufgerissen hat und uns damit den freien Blick und unsere Stimme wieder gab. Dafür sind wir ihm dankbar - und warten gespannt auf mehr.


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