Wie leidenschaftlich sich Hamburgs Ballettchef John Neumeier für die Ballets Russes - und besonders für ihren Tänzer und Choreografen Vaslav Nijinsky - interessiert, belegt nun die gewaltige Hommage, mit der er die Truppe ehrt. Doch in den 20 Jahren, in denen es die Ballets Russes gab (1909-1929), kamen eben von dort die entscheidenden Impulse, die den klassischen Tanz aus diversen Fesseln lösten und in die Moderne führten. Der junge Balanchine choreografierte, Picasso schuf für das Ensemble Serge Diaghilews ebenso ein Bühnenbild wie Braque, Strawinsky komponierte sein unerhörtes "Sacre du Printemps". Und Nijinsky choreografierte dazu eine Ungeheuerlichkeit, die 1913 bei der Uraufführung in Paris zu solchen Tumulten führte, dass Beobachter sich wunderten, dass Diaghilew nicht die Polizei zu Hilfe rief.
Eine Rekonstruktion dieses "Sacre", an der die Choreografin und Tanzhistorikerin Millicent Hodson jahrelang arbeitete, steht am Ende der dreieinhalbstündigen "Hommage aux Ballets Russes": Da es keinerlei bewegte Aufnahmen der ursprünglichen Choreografie gibt, befragte Hodson zuerst (1979) noch lebende Beteiligte, allen voran die damals 90-jährige Marie Rambert, die Nijinsky assistiert hatte. Oder eher: Die mit den Tänzern die diffizilen Rhythmen paukte und "erste Verteidigungslinie" war gegen ihren Zorn.
Denn Nijinsky forderte von ihnen, die sie alle viele Jahre investiert hatten in eine saubere, zivilisierte klassische Technik, ein wahrhaft barbarisches Tänzeropfer: Stets mussten sie die Füße nach innen kehren, selbst bei den Sprüngen, oft mussten sie gebeugt gehen, hörbar schlurfen und die Hände locker ballen zu dem, was er "kuluchi" nannte, Fäustchen. Wie in ägyptischen Reliefs ist der Oberkörper nach vorne gedreht, Arme und Hände sind angewinkelt, der Kopf schief gelegt. Im Verein mit den Kostümen (Kenneth Archer rekonstruierte Bühnenbild und Kostüme des russischen Malers Nicolaus Roerich) entsteht heute der Eindruck eines seltsamen Stil-Mischmasches: Indianische Squaws bewegen sich wie vor Jahren Discobesucher zu "Walk like an Egyptian" von den Bangles.
Fremd weht einen die Nijinskysche Kompromisslosigkeit auch heute noch an, dieser unbedingte choreografische Formwille, dem doch die voluminösen Kostüme - hohe rote Zauberhüte für die Priester, lange Bärte, Bärenfelle - schon damals widersprochen haben mussten. Aber es ist eine Fremdheit, eine Distanz, die doch erlaubt, milde angerührt zu sein wie von einem alten Stummfilm.
Das letzte Werk, das die Ballets Russes vor ihrer Auflösung zeigten, eröffnet den Abend: Balanchines "Der verlorene Sohn" zu Musik von Prokofjew. Der 25-Jährige hat sich darin noch nicht vom expressionistischen, pantomimischen Stil der Zeit gelöst - mit dramatisch aufgerissenem Mund etwa springt der Sohn in die vermeintliche Freiheit -, doch besticht die Choreografie bereits durch Balanchine-Klarheit. Nie wird gewuselt, alle Bewegungslinien haben ihr Ziel, Motive werden sorgsam wiederaufgenommen. Die bekannte Geschichte wird so schlicht wie nachdrücklich erzählt. Patricia Neary, die in den 60ern "Die Sirene" tanzte, studierte das Stück in Hamburg ein.
Denn dieser Abend widmet sich einer Zeit, in der der Tänzerkörper in der Regel das einzige Archiv war, das das Gedächtnis an Choreografien bewahrte. So fand John Neumeier wenig Spuren auf der Suche nach Originalchoreografie-Informationen zu Michail Fokines "Le Pavillon d'Armide", dem Stück, mit dem die Ballets Russes 1909 begannen. Nicht einmal die Musik von Nikolai Tscherepnin ist vollständig erhalten.
Besagten Pavillon (in dem im Original ein Gobelin hängt, dessen Figuren zum Leben erwachen) macht Neumeier zu dem Pavillon im Park eines Sanatoriums, von dem Nijinsky 1936 erzählte, er "wohne" dort. Hier besuchen ihn nun Figuren aus der Vergangenheit, Neumeiers Nijinsky (Otto Bubenícek) halluziniert, träumt, probt, tanzt, fürchtet sich. Ein wenig verliert sich die Choreografie in den Vergangenheits-Kameen, vermutlich wollte Neumeier die Musik in der Fassung, die er für eine gültige hält, nicht kürzen. Doch so wird das ans Herz gehende Porträt eines großen, kranken Tänzers unnötig aufwattiert.
Staatsoper Hamburg: 30. Juni, 11. Juli. www.hamburgballett.de


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