Langsam geht's los mit den E-Books. Der Sony Reader liegt als brauchbares Lesegerät in den Läden. Amazons Kindle, der nicht ein reines Lesegerät ist, sondern zudem einen ständigen Onlinezugang zum gesamten Amazon-Angebot hat, wird wohl auch in Deutschland nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen. Und textunes (www.textunes.de) bietet im Stil von iTunes eine Möglichkeit zum Herunterladen von E-Books aufs iPhone und macht damit dem Kindle bereits jetzt Konkurrenz.
Doch während die Hardware bereit liegt, muss man nach der Software noch suchen: Der Börsenverein des deutschen Buchhandels hat zwar libreka (www.libreka.de), eine Plattform zum Vertrieb von E-Books bereitgestellt, aber das Angebot steckt noch in den Kinderschuhen. Bei der Vermarktung seiner Titel als E-Book hat sich bisher noch kein Verlag im deutschen Sprachraum besonders hervorgetan. Diese Zurückhaltung hängt damit zusammen, dass sich eine der wichtigsten Fragen für die Verlage noch nicht recht kalkulieren lässt: Die Akzeptanz des rein digitalen Formats unter den Lesern.
Der Blick auf die Musikindustrie lässt hoffen: Hier hat der Verzicht aufs haptisch und optisch erfassbare Trägermedium Vinyl, Tape, CD letztlich doch verblüffend unkompliziert geklappt. Der Anteil des Dateidownloads am Gesamtmarkt beträgt dem Verband der amerikanischen Musikindustrie RIAA zufolge bereits 32 Prozent - illegale Downloads nicht mitgerechnet.
Doch der Vergleich mit der Musikindustrie ist sehr viel weniger tragfähig, als man auf den ersten Blick annehmen könnte. Denn Musik ist historisch in weitaus geringerem Maße an sein Trägermedium angebunden gewesen als Literatur. Musik hat in der recht kurzen Geschichte ihrer Aufzeichnung, Vervielfältigung und Vermarktung bereits öfter ihr Trägermedium gewechselt: Tonwalzen, Schellack- und Vinylschallplatten, Tonbandkasetten, CDs und schließlich die immateriellen MP3- oder AAC-Dateien.
Die relative Leichtigkeit, mit der die Musikhörer diese Veränderungen des Trägermediums akzeptiert haben, mag damit zu tun haben, dass, wer Musik hört, ein recht lockereres Verhältnis zum Trägermedium hat: Ob die Musik von einer CD, einer Vinylplatte oder einer MP3-Datei kommt, hört der Hörer ja zumeist nicht mit. Im Gegenteil: Die Tatsache, dass das Medium sich nicht - kratzend, rauschend, knatternd - bemerkbar macht, ist sogar ein Qualitätsmerkmal. Wer jedoch liest, behält neben dem Text auch das Trägermedium - das Buch - stets in den Händen und in den Augen. Das haptische und optische Element ist für den Literaturkonsumenten deshalb ungleich bedeutender als für den Musikkonsumenten. Dies mag mit dazu beigetragen haben, dass die physische Form des Buches - abgesehen von Veränderungen im Format und in der Art der Bindung - seit mehr als 500 Jahren konstant geblieben ist.
Die Relevanz, die das physische Erscheinungsbild des Trägermediums für Literaturkonsumenten hat, wird noch deutlicher, wenn man an die Präsentations- und Statusfunktion von Büchern denkt: Ich kann mich zwar nicht entsinnen, je ein Buch gekauft zu haben, um meine Wohnung damit schmücken zu können. Wenn ich in meine Regale schaue, sehe ich da aber trotzdem viele Bücher, die ich gekauft, doch nicht gelesen habe. Daneben stehen die CDs - keine einzige davon ungehört, wie auch keine MP3-Datei auf meinem Rechner. Wer Literatur liebt, kauft Bücher nicht, um sie sich ins Regal zu stellen. Aber kauft er auch Bücher, die er sich nicht ins Regal stellen kann? Und kauft er davon genauso viele?
Für den Käufer scheint der Wert des Buches vor allem an seiner physischen Form und deren statusdienlicher Sekundärfunktion zu haften. Daran sind im übrigen die Verlage durch die markanten Preisunterschiede zwischen Hardcover- und Taschenbuchausgaben historisch nicht ganz unschuldig.
Erst wer einmal hinter den Kulissen eines Verlages erfahren hat, wie gering eigentlich der Materialanteil am Preis selbst eines aufwändig gebundenen Buches ist, gewöhnt sich daran, dass der größere Teil des Kaufpreises schon immer für ein immaterielles Gut gezahlt wurde: Für die Arbeit der Autoren, Agenten, Übersetzer, Lektoren, Layouter, PR-Abteilungen. Wenn die Verlage derzeit davon ausgehen, dass sie für ein E-Book den vollen Preis eines gedruckten Buches, oder zumindest 80 Prozent davon verlangen können, vernachlässigen sie diese Vorstellung, die der Buchkäufer vom Gegenwert seiner Investition hat. Da das Buch als ein überaus materielles Gut in der kollektiven Wahrnehmung verankert ist, werden derartige Preisvorstellungen für immaterielle E-Books mit Wucht nach hinten losgehen. Das Unverständnis über diese Preisgestaltung wird vorhersehbar viele Leser dazu führen, sich das gewünschte E-Book kostenlos und illegal zu beschaffen. Die Kanäle dazu wird es geben, soviel ist sicher.
Norbert Bolz formuliert diese Beobachtung, die die Verlage derzeit noch nicht wahr haben wollen, einmal äußerst bündig: "Wer nicht bestohlen werden will, sollte seine Kreationen leicht und billig zugänglich machen, damit sich Illegalität nicht lohnt." (www.welt.de/kultur/article3633552/Nur-starke-Marken-helfen-gegen-Online-Piraterie.html)


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