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Börsenberichte, die vom Himmel regnen

Von Harald Keller

Die partielle Zweisprachigkeit dieser zehnteiligen französischen Reihe tröstet über den deutschen Nonsens-Titel hinweg. "Mystères d'archives" haben Serge Viallet und Cédric Lépée ihr Projekt überschrieben, und das hört sich doch gleich ganz anders an als das widersinnige "Verschollene Filmschätze" wären sie verschollen, könnten sie ja nicht gezeigt werden.

Viallet und Lépée aber zeigen uns eine Menge. Wenn sie sich historische Ereignisse wie Charles Lindberghs Atlantikflug, die Mondlandung, Marilyn Monroes Truppenbetreuung in Korea oder das Begräbnis John F. Kennedys vornehmen, dann betrachten sie sehr genau, was von den zeitgenössischen Kameraleuten aufgenommen wurde. Wer da vielleicht glaubt, über Lindberghs Ankunft in Paris bestens Bescheid zu wissen, weil man die damaligen Wochenschauaufnahmen ja schon etliche Male gesehen hat, muss sich eines Besseren belehren lassen. Serge Viallet, der Autor dieser ersten Folge, geht sehr viel weiter. Denn Charles Lindbergh verbrachte mehrere Tage in Paris. Dabei wurde er ständig von Filmkameras begleitet.

Gewisse Bilder bestimmen unsere Wahrnehmung bis heute. Charles Lindbergh ist wohlbekannt, im Gegensatz zu John Alcock und Arthur Whitten Brown, denen der Nonstop-Flug von Amerika nach Europa schon 1919 gelungen war. Nur waren anders als bei Lindbergh weder beim Start noch bei der Landung Filmkameras zugegen.

1927 dagegen standen zahlreiche Kameraleute bereit und miteinander im Wettbewerb, als der US-amerikanische Botschafter in Paris das Medium Film schon bewusst in seine Öffentlichkeitsarbeit einbezog und den etwas linkischen Rekordpiloten Lindbergh geschickt in Szene setzte. Denn er wusste: Allein in den USA würden die Berichte der Filmreporter von über 50 Millionen Kinobesuchern pro Woche gesehen werden.

Mit Hilfe von optischen Hervorhebungen, Zeitlupen, Standbildern geht Viallet mehrfach ins Detail, weist auf Kleinigkeiten hin, stellt mittels Rückblenden politische Zusammenhänge her. Basis all dessen sind detektivische Recherchen. Der Autor verrät sogar, wo das Konfetti herkam, das bei Lindberghs ebenfalls präzis geplantem Triumphzug von den New Yorker Wolkenkratzern regnete: Es handelte sich um Börsenberichte aus der Wall Street. Welch eine Symbolik.

Diese frappierende Medienkunde ist unterhaltsam und ungemein aufschlussreich geraten. Schon wer nur die erste Folge gesehen hat, wird die Verwendung von Wochenschauschnipseln in historischen Dokumentationen künftig mit größter Skepsis betrachten. Aber nicht allein die filmische Mechanik eines Guido Knopp und seiner Epigonen steht hier in Frage, sondern der dokumentarische Wert nachrichtlicher Filme schlechthin. Und man kommt gar auf die ketzerische Idee, ob ein auf präzisen Recherchen basierendes Reenactment nicht unter Umständen wahrhaftiger ausfällt als ein vermeintlich authentisches filmisches Zeugnis. In jedem Falle lautet die Devise: Obacht. Und: keine voreiligen Schlüsse.

"Verschollene Filmschätze: 1927. Charles Lindberghs Atlantiküberquerung", Arte, 17.45 Uhr. Weitere Folgen jeweils freitags, 17.45 Uhr.


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Dokument erstellt am 09.07.2009 um 16:16:02 Uhr
Letzte Änderung am 09.07.2009 um 16:35:15 Uhr
Erscheinungsdatum 09.07.2009 | Ausgabe: d
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