In der Geographie der globalen Ökonomie hat der Erfolg seinen Preis. Wie New York oder London bezahlt auch Paris seine Mitgliedschaft im exklusiven Club der wirtschaftlichen Steuerungszentren mit einer wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich.
In der französischen Hauptstadt konzentrieren sich die Konzernzentralen der international verflochtenen Ökonomie, die neuen Dienstleistungsberufe, der erwirtschaftete Reichtum und die luxuriösen Konsumangebote für diejenigen, die an diesem Reichtum teilhaben. Wo das Netzwerk der Globalisierung seine Knoten knüpft, verschärfen sich auch die Konflikte um die Nutzung der Stadt. Auf der Strecke bleiben die Armen und Geringverdiener. Sie werden an den Rand der Stadt gedrängt, damit sich die neue urbane Schicht der Wohlhabenden im Zentrum ausbreiten kann.
Selbst vor den abgewirtschafteten Wohnvierteln im Norden und Osten der Stadt, die bislang der ärmeren Bevölkerung noch eine billige Bleibe boten, macht die Gier der Immobilienspekulanten nicht mehr Halt. Daran hat auch die Koalition aus Sozialisten, Kommunisten und Grünen nichts zu ändern vermocht, seit sie im Jahr 2001 die bürgerliche Vorgängerregierung von Bürgermeister Jean Tiberi im Pariser Rathaus ablöste.
Es mangelt nicht an politischem Willen
Dabei mangelt es dem Linksbündnis weder am politischen Willen noch an medienwirksamen Plänen, sich dem Erbe von 20 Jahren neoliberaler Stadtpolitik zu stellen. Gleich nach ihrem Wahlsieg nahm die Koalition unter Bürgermeister Bertrand Delanoë den Kampf gegen die Verdrängung der einkommensschwachen Schichten auf und belebte die Förderung des siechen öffentlichen Wohnungsbaus.
Mit seiner Idee, Sozialwohnungen auch im reichen Westen der Metropole einzurichten, erntete Delanoë beim fortschrittlichen Bildungsbürgertum allerdings deutlich mehr Sympathien als bei den Armen selbst, die lieber unter Ihresgleichen leben wollen.
Auch professionelle Beobachter wie die Pariser Soziologen Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot maßen dem Versuch, das Gefälle zwischen dem wohlhabenden Westen und dem armen Osten der knapp 2,2 Millionen Einwohner zählenden Stadt auf diese Weise zu glätten, allenfalls symbolische Bedeutung bei. Sie sollten Recht behalten. Bei den Reichen und Superreichen im Pariser Westen stieß die annoncierte Zuwanderung aus der Unterschicht auf Widerstand. Ein Übriges tun die Bodenpreise, die es der Stadt nahezu unmöglich machen, dort Flächen für den sozialen Wohnungsbau zu erwerben.
Stadtpolitik verschärft Ungleichverteilung
Enttäuscht konstatierten die beiden Soziologen, dass die neue Stadtpolitik die räumliche Ungleichverteilung der Bevölkerung noch weiter verschärft, statt den sozialen Mix zu befördern. Zwar ist es der Koalition im Rathaus in den beiden zurückliegenden Jahren gelungen, jeweils rund 6000 Sozialwohnungen neu auf den Markt zu werfen. Immerhin nahezu eine Verdoppelung der Jahresquote gegenüber 2001.
Aber die Mehrzahl der Sozialwohnungen entsteht genau dort, wo sich die Armut seit jeher konzentriert: in den äußeren nördlichen, östlichen und südöstlichen Arrondissements, den traditionellen Arbeiter-, Handwerker- und Arme-Leute-Vierteln, die sich in einem Halbkreis um das reiche Stadtzentrum legen. Schon heute verteilen sich 40 Prozent der als arm geltenden Haushalte und die Hälfte der rund 185.000 Pariser Sozialwohnungen auf drei der östlichen Arrondissements.
In Stadtteilen wie Goutte d'Or im Norden unterhalb des Montmartre-Hügels oder Belleville im östlich gelegenen 20. Arrondissement, in denen in den vergangenen Jahren bereits größere Stadt-erneuerungsprogramme umgesetzt wurden, lebt im Schnitt bereits jeder Dritte in einer öffentlich geförderten Wohnung. Die Armutsquote liegt hier deutlich über der 20-Prozentmarke und der Ausländeranteil bei bis zu 50 Prozent, während er in Paris insgesamt knapp 15 Prozent erreicht.
Kritiker warnen vor weiteren Armutskonzentrationen
Kritiker warnen deshalb vor einer Armutskonzentration wie in den staatlich geförderten Großsiedlungen der 1960er und 70er Jahre vor den Toren von Paris, der "Banlieue", wo Jugendliche ihrem Frust über Arbeits- und Perspektivlosigkeit, wie auch jetzt wieder, zum Jahrestag der Großen Revolution, mit Randale Luft machen.
Auch das Gros der mehr als 110.000 Bewerber um eine Sozialwohnung, die auf den Wartelisten des Pariser Wohnungsamtes registriert sind, kommt aus den den östlichen Arrondissements. Die Zahl der Antragsteller steigt seit Jahren kontinuierlich. Nicht nur, weil das Heer der Armen wächst.
Auch Lehrer können sich Wohnungen nicht leisten
Auch die traditionellen Stützen der Stadtgesellschaft, einfache Angestellte und Beamte mit ihren Familien, ja selbst Lehrer können sich auf dem freien Markt keine Wohnung mehr leisten. Sie konkurrieren um die wenigen Sozialwohnungen für mittlere Einkommensgruppen, bei denen die Mietobergrenze bei 9,14 Euro pro Quadratmeter gedeckelt ist. Auf diese Weise will die Stadtregierung die weitere Abwanderung der Mittelschicht in die suburbane Eigenheimidylle stoppen.
Doch die hält unvermindert an. Denn allein seit dem Jahr 2000 haben sich die Preise für Eigentumswohnungen im Altbaubestand verdoppelt auf durchschnittlich rund 6000 Euro für den Quadratmeter. Für eine Mietwohnung fallen zwischen 17 und 23 Euro pro Quadratmeter an. Die Finanzkrise hat dem Pariser Immobilienmarkt zwar einen leichten Dämpfer versetzt. Größere Eigentumswohnungen lassen sich zurzeit nur schwer vermarkten. Von sinkenden Preisen kann jedoch keine Rede sein. Besonders die Jüngeren unter den Besserverdienern, Kreative und Künstler weichen auf der Suche nach bezahlbaren Wohnungen verstärkt in die ärmeren östlichen Arrondissements aus.


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