TV-Kritik "Illner intensiv"
Surreale Verschwörungstheorien
Von Volker Schmidt
"Politik ist ja so dröge, Politik mag keiner mehr / drum machen wirs jetzt spannend: Frau Illner, bitte sehr", mögen die Lerchenberglerchen beim ZDF gezwitschert haben.
Deshalb wird’s jetzt intensiv, will heißen, in Illners Wahlkampfshow haben die Eingeladenen noch weniger Zeit, einen Gedanken zu Ende zu führen, als in herkömmlichen Talkshows. Wenn ein Sachverhalt nicht in zwei Sätzen à Subjekt, Prädikat, Objekt erklärt ist, wird gnadenlos dazwischen geplaudert. Das heißt dann "Illner Intensiv" und läuft Dienstags um 22.45 Uhr.
Dreißig Minuten dauert eine Sendung, minus Vorspann, Abspann, Einspielfilmen, Publikumsfragen, Moderatorenphrasen und ein bisschen Schnickschnack bleiben allenfalls 15 Minuten für drei Eingeladene, also fünf pro Person.
In dieser Zeit unterzieht Illner jeweils eine Partei einem "Check auf Herz und Nieren", so das ZDF – dafür nimmt sich der Hausarzt sogar bei Kassenpatienten mehr Zeit. Aber hier geht es ja nicht um die persönliche Gesundheit, sondern um unwichtige Fragen etwa nach dem besseren Gesellschaftsmodell oder der Zukunft des Landes.
Jede Partei wird von drei Vertretern repräsentiert, laut ZDF von "einem Mitglied der Parteiführung, einem jungen Politiker und einem möglichst originellen oder prominenten Sympathisanten". Für Die Linke ist Oskar Lafontaine als Parteiführung da, der Jungspund heißt Diana Golze, MdB, und ist Wahlkreis-Gegenkandidatin von SPD-Spitzenmann Frank-Walter Steinmeier.
Wladimir Kaminer ist eher originell als prominent. Der Schriftsteller und Russendisko-Miterfinder verläuft sich gern mal in seinen Gedankenwelten und schreibt zwar ein ausgezeichnetes, spricht aber ein schwer gebrochenes Deutsch. Das bremst das Tempo von "Inside Illner", oder wie die hektische Veranstaltung gleich wieder heißt, ungewollt ab – also vollendet die Moderatorin kurzerhand seine Sätze und sagt, was sie glaubt, dass er sagen will. Hauptsache, es geht weiter.
Auch Einspielfilmchen gehören zu "Illner Intim" (oder so). Da tanzen Marx, Lenin, DDR-Funktionäre und Linke-Personal als Zombies zu Michael Jacksons "Thriller" über die Gräber. Da werden Linke-Forderungen vor rosa Hintergrund als Seifenblasen auf den Schirm gepustet. Da fragt Kevin Kunkel aus Aschaffenburg per YouTube-Video, ob es denn nicht irgendwie Ärger mit den anderen Staaten gebe, wenn man aus Afghanistan abziehe.
Es ist ein surreales Theater, das Illner da dirigiert. Kaminer schwadroniert, Golze bemüht sich mit immer irritierterem Gesichtsausdruck, noch die deppertsten Fragen stotterfrei zu beantworten, Lafontaine spult routiniert seine Platitüden ab.
Verschwörungstheorie à la Lafontaine
Und dann wird es wirklich peinlich. Das Team von "Illner irre" hat die Forschungsgruppe Wahlen herausfinden lassen, dass selbst unter den Linke-Wählern nur 22 Prozent der Partei zutrauen, Arbeitsplätze zu schaffen. Woran das liegt, wird Lafontaine gefragt. Und der holt zur ganz großen Verschwörungstheorie aus: Die Medien in Deutschland, sagt er ungestört in einem deutschen Medium, seien ja in den Händen von zehn reichen Familien, und in deren Interesse liege es nun mal, die Linke klein zu halten. Jetzt muss er nur noch von jüdischen Familien reden, dann darf er bei der NPD eintreten, die redet genauso.
Damit hat der Saarkasper denn auch das Mitleid verspielt, das angesichts der ZDF-Inszenierung aufkommen könnte. Denn mit ein paar Höhenmetern Abstand, schon von der alleruntersten Metabene, sieht "Illner intrigant" ganz, ganz hässlich aus. Zombie-Filme, DDR-Gesichter, wertend inszenierte Umfragen und als Maskottchen ein zwar knuffiger, aber in Akzent und Diktion an Chruschtschow (wenn auch ohne Schuh) erinnernder Ex-Russe: Die Ecke, in die die Linke hier mit Macht gerückt wird, ist nicht sonderlich originell.
Eigentlich ist das surreale Theater also eine Tragödie. Denn die drei Linken drehen sich nicht einfach um und gehen. Der saarländische Napoleon-Imitator in seiner grenzenlosen Gier nach Aufmerksamkeit quält sich sogar noch ein falsches Lachen ab über das unsägliche Zombiefilmchen. Nicht, dass wir bei dem Herrn ein Rückgrat vermutet hätten – aber jeden Blödsinn muss man nicht mitmachen, selbst um der Sache willen nicht, falls die bei dem Herrn noch eine Rolle spielt.
Die "kleine Entscheidungshilfe", die "Irgendwie Illner" nach Angaben der Moderatorin bieten will, funktioniert: Nie wieder ZDF. Intendanten und Programmverbrechern gehört diese Sendung in den Schlund gerammt, bis ihnen das letzte "Drei Chinesen mit dem Kontrabass" vergeht.
Eine Frage bleibt aber noch offen: Welche Drogen nimmt Wladimir Kaminer, und kann ich auch was davon haben?
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Dokument erstellt am 28.07.2009 um 23:22:44 Uhr
Letzte Änderung am 04.08.2009 um 10:23:23 Uhr
Erscheinungsdatum 29.07.2009
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