Wenn ein Kind bei Dunkelheit ohnmächtig in den Main fällt, schwimmt es dann oben und bleibt es an einer Stelle, so, dass ein alter Mann, der hinterherspringt, ihm helfen kann? Diskret verzichtet "Der Mann auf der Brücke" darauf, die Rettung zu zeigen. Aber schon denkt der Zuschauer nach, anstatt sich mit dem Fluss der Erzählung mitreißen zu lassen, wie es dem Kind im Main zum Glück nicht geschieht.
Der neue Film von Rolf Silber, eine Produktion des Hessischen Rundfunks, hat drei Seiten. Auf der ersten findet eine Schmonzette statt, die sich gewaschen hat. Peter Lerchbaumer spielt einen suizidalen Kiosk-Besitzer. Schon muss man sagen: Ex-Kiosk-Besitzer. Ein Immobilienhai lässt die Bude gerade abreißen.
Der Mann also wollte just in den Main springen, aus dem er dann das Kind retten musste. Es ist der Sohn vom Oberbürgermeister, seine Mutter ist tot, er will nicht ins Internat zurück. Da sein Retter vorübergehend bei Oberbürgermeisters einzieht, keimt bald Freundschaft zwischen dem murrenden Alten und dem sehnenden Jungen. Das Konstrukt aber schaut stets durch, keiner soll versäumen, dass der Alte knorrig, aber auch gutmütig ist, und der Junge lieb, aber auch traurig.
Die zweite Seite ist eine Politsatire, die Spaß macht und noch mehr Spaß machen würde, wenn sie nicht von der Schmonzette jederzeit ins Liebe, allzu Liebe gedrängt würde. Der OB, unsüßlich gespielt von Stephan Kampwirth, ist mitten im Wahlkampf. Seine Rivalin, Claudia Michelsen, pocht auf Sachthemen, von denen aber nie die Rede ist. Auf seinem Plakat steht: "Ein Mann. Eine Stadt". Auf ihrem Plakat steht: "Ein Mensch für die Menschen der Stadt". Ja, fürwahr, das ist der Biss moderner Wahlkampfstrategie. Es wirkt, als hätte noch ein zweiter Drehbuchautor mitgewirkt und sich mehr Böses gewünscht, das jedoch letztlich nicht durchsetzen können. Aber es müssen zwei Seelen in einer Brust gewesen sein.
Die dritte Seite ist Frankfurt. Endlich einmal nicht nur Hochhäuser von weitem, sondern auch Berger Straße von nahem. Dazu Kurzauftritte von Lokalmatador Heinz Werner Kraehkamp und einer namhaften Wurstsorte (nein, nicht Frankfurter Würstchen).
Kann aber ein alter Ex-Kioskbesitzer alle Strophen von Georg Kreislers "Was für ein Ticker ist ein Politiker" auswendig? Manchmal muss man unbedingt auf etwas verzichten. Und wenn Lerchbaumer noch so klasse singen kann.
"Der Mann auf der Brücke", ARD, 20.15 Uhr.


Bookmark
Verlinken














