Am 16. September wird das Jüdische Museum in Frankfurt seine Ausstellung "Die Frankfurter Schule und Frankfurt. Eine Rückkehr nach Deutschland" eröffnen. Zu diesem Anlass und zur Erinnerung an die bahnbrechenden Arbeiten des Instituts für Sozialforschung drucken wir in Zusammenarbeit mit dem Fritz Bauer Institut und dem Jüdischen Museum noch einmal die legendäre F-Skala ab, die Angehörige des Instituts für Sozialforschung in den USA entwickelten, um auch dort faschistische und antisemitische Tendenzen zu messen.
Ein Unterfangen, von dem Optimisten heute sagen könnten, es sei nach mehr als sechzig Jahren Demokratie überflüssig geworden. Wir wollen die Probe aufs Exempel starten und laden Sie daher ein - selbstverständlich anonym - an unserem historischen Experiment teilzunehmen. Füllen Sie bitte den folgenden Fragebogen, der in dieser Form in Deutschland nie herausgebracht wurde, aus.
Die Mitarbeiter des alten Instituts für Sozialforschung waren von dem Siegeszug der Nazis, von deren Politik der Ausgrenzung und Vertreibung doppelt betroffen: als linke Intellektuelle und als Juden.
Aber die Institutsleitung unter Max Horkheimer hatte die Gefahr kommen sehen. Nicht zuletzt dank einer Erhebung, die schon vor 1933 mit einem Vorläufer dieses Fragebogens, das Gemütsleben der Deutschen erforscht hatte. Das Ergebnis der unter anderen von Erich Fromm geleiteten Untersuchung fiel so katastrophal aus, dass das Frankfurter Insitut beschloss, sein Vermögen, ja fast die gesamte Infrastruktur sofort nach Genf und 1934 dann nach New York an die Columbia University zu verlegen.
Der Fragebogen
Während in Deutschland Fragebogen ausgefüllt wurden, um den Alliierten zu zeigen, dass man schon immer gegen die Nazis war, entwickelten die Emigranten des Frankfurter Instituts für Sozialwissenschaft einen Fragebogen, um dem autoritären Charakter auch in den USA auf die Schliche zu kommen. Diesen Fragebogen veröffentlichen wir hier erneut und bitten unsere User, ihn auszufüllen.
Das ist eine Aktion der Frankfurter Rundschau in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum Frankfurt und dem Fritz-Bauer-Institut. Am 16. September wird im Jüdischen Museum die Ausstellung "Die Frankfurter Schule und Frankfurt. Eine Rückkehr nach Deutschland" eröffnet. Das Gesamtprojekt wird unter der Leitung von Raphael Gross durch Monika Boll und Erik Riedel durchgeführt.
Die Autoren unseres Einführungstextes sind Jörn Pyhel, Soziologe in Hamburg, und Werner Konitzer, Philosoph am Fritz Bauer Institut. Datenerhebung und Auswertung der Fragebogen: curth+roth.
Das ist eine Aktion der Frankfurter Rundschau in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum Frankfurt und dem Fritz-Bauer-Institut. Am 16. September wird im Jüdischen Museum die Ausstellung "Die Frankfurter Schule und Frankfurt. Eine Rückkehr nach Deutschland" eröffnet. Das Gesamtprojekt wird unter der Leitung von Raphael Gross durch Monika Boll und Erik Riedel durchgeführt.
Die Autoren unseres Einführungstextes sind Jörn Pyhel, Soziologe in Hamburg, und Werner Konitzer, Philosoph am Fritz Bauer Institut. Datenerhebung und Auswertung der Fragebogen: curth+roth.
In Kooperation mit Wissenschaftlern der Universität Berkeley und dem American Jewish Committee dessen wissenschaftliche Forschungsabteilung Horkheimer leitete, entstand eine der ersten breit angelegten sozialwissenschaftlichen Studien über Antisemitismus und Faschismus. Die F-Skala - der Ausdruck F steht für Faschismus - wurde in diesem Zusammenhang konzipiert.
Wichtige theoretische Grundlagen der Skala gehen auf den 1939 aus dem Institut ausgeschiedenen Erich Fromm zurück. Dieser entwickelte bereits in den 30er Jahren in seinem Werk "Die Furcht vor der Freiheit" das theoretische Fundament der Skala. Sein Begriff des "sozialen Charakters" hebt sich von individuellen Charaktereigenschaften insofern ab, als die beschriebenen Charakterzüge gesellschaftlich vermittelt werden (zum Beispiel in der Familie). Das Konzept ist von hoher Nützlichkeit für die Faschismusforschung, weil es soziale Bedingungen jenseits des Individuums berücksichtigt und deswegen auch den Einfluss politischer Bewegungen erfassen kann.
Die F-Skala geht in ihrem Kern davon aus, dass bestimmte Persönlichkeitsstrukturen für antidemokratisches Handeln anfällig machen. Für sie prägten die Autoren des Instituts den Ausdruck "der autoritäre Charakter". Er ist der Idealtyp eines faschistisch handelnden Individuums. Er zeichnet sich durch starres Festhalten an Konventionen, Machtorientierung und Unterwürfigkeit, Destruktivität und Zynismus aus. In passenden Situationen wird er seinen Vorurteilen entsprechend handeln, was ihn besonders anfällig für Ideologien und charismatische Führungen macht.
In den 40er Jahren wurde die F-Skala in den USA und später auch in europäischen Staaten eingesetzt. Am Frankfurter Institut für Sozialforschung, das 1950 an seinen Gründungsort zurückkehrte und an dem Adorno seit dem forschte, beeinflusste die F-Skala Anfang der fünfziger Jahre das erste große empirische Projekt: das "Gruppenexperiment". Es zielte auf das "Verhalten und die Meinungen charakteristischer Gruppen der westdeutschen Bevölkerung zu weltanschaulichen und politischen Fragen". Das Gruppenexperiment wurde nur in Teilen veröffentlicht, aber seine Ergebnisse flossen ein in Adornos und Horkheimers öffentliche Stellungnahmen, Vorträge und Vorlesungen über die Aufarbeitung der Vergangenheit. So trug die Studie zur Aufklärung der bundesrepublikanischen Gesellschaft über sich selbst und ihre Haltung zum Nationalsozialismus bei.
Die Veröffentlichung der deutschen Fassung der F-Skala - in den Studien zum autoritären Charakter - dagegen lies bis 1973 auf sich warten. Dies ist um so erstaunlicher, als es sich seinerzeit geradezu anbot, die Persönlichkeitsstrukturen von NSDAP-Mitgliedern und -Tätern zu untersuchen.
Das Wort vom "autoritären Charakter" war in den Jahren der Studentenproteste zu einem Schlagwort geworden, einer Argumentkeule, könnte man sagen. Desto wichtiger war die Veröffentlichung der Studien, in denen der Begriff entwickelt worden war. Er wurde so historisch verständlich und selbst historisiert. Das Schlagwort kam aus der Mode. Stattdessen entdeckte die Postmoderne die multiple Persönlichkeit. Von Charakteren sprach man in den Zeiten von "ich bin viele" nicht mehr.


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