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Jahrestag Bankencrash

Wäre Lehman gerettet worden...

Von Niall Ferguson

Wenn Lehman gerettet worden wäre, hätte es keine Kreditklemme gegeben und es wäre nicht beinahe zu einer Weltwirtschaftskrise gekommen. Der S&P 500 wäre letzten März nicht auf seinen Tiefstand von 682 gesunken; und jetzt wären wir vielleicht schon wieder auf 1500.

Wenn Lehman gerettet worden wäre - so mögen es die Republikaner sich ausmalen -, hätte es bei den US-Wahlen im November keinen erdrutschartigen Sieg der Demokraten gegeben. Statt Präsident Obama säße jetzt John McCain im Weißen Haus - schließlich war im Sommer letzten Jahres bei der Präsidentschaftswahl noch alles offen.

John McCain hat seine Niederlage der Zuspitzung der Finanzkrise nach dem 15. September zu verdanken - nicht zuletzt, weil er zuvor von sich selbst gesagt hatte, er habe von Wirtschaft keine Ahnung.

Wir können die Sache auch noch weiter treiben: Wenn Lehman gerettet worden wäre und McCain gewonnen hätte, wäre die grüne Revolution im Iran von Amerika unterstützt worden und Mahmud Ahmadinedschad wäre nicht länger Präsident.

Wenn Lehman gerettet worden und der Aktienmarkt nicht zusammengebrochen wäre, hätte Michael Jackson nicht 50 Comeback-Konzerte in London geben müssen. Dann wäre er nicht so gestresst gewesen und hätte nicht all die Beruhigungsmittel nehmen müssen. Wenn man Lehman nur gerettet hätte, dann wäre auch Jacko noch am Leben. Tja, wenn.

Rettung wäre wahrscheinlich noch schlimmer gewesen


Aber das hätte auch nichts genützt - selbst wenn im besten Fall Lehman tatsächlich gerettet worden wäre. Im Gegenteil, Fuld und sein Unternehmen zu retten, hätte höchstwahrscheinlich viel schlimmere Folgen gehabt, als die Entscheidung, das Schiff untergehen zu lassen.

Zum Autor

Niall Ferguson lehrt Geschichte an der US-amerikanischen Harvard University. Auf Deutsch erschien gerade sein Buch "Der Aufstieg des Geldes - die harte Währung der Geschichte" (Econ).

Spezial: Erst kippen die Banken - dann wackelt die Weltwirtschaft. Nun wird die Finanzbranche umgebaut. Analysen und Kommentare, Fotostrecken und Abstimmungen im Spezial: Banken im Umbruch.

In einer Parallelwelt hätte zweifelsohne ein anderer Mr. Fuld sich mächtig angestrengt, Lehman zu verkaufen. Nach der Übernahme von Bear Stearns hatte er noch sechs Monate, um ebenfalls einen Käufer für seinen Laden zu finden. Es gab mindestens drei Interessenten: die Korean Development Bank, die Bank of America und Barclays.

In dieser Welt jedoch hat der Chef von Lehman sein Blatt gnadenlos überreizt, indem er die Immobilienwerte in der Firmenbilanz um 25 bis 30 Milliarden Dollar überschätzte.

In einer anderen Parallelwelt hätten vielleicht ein anderer Finanzminister und ein anderer Notenbankchef das Geld zur Verfügung gestellt, um einem potentiellen Käufer von Lehman das Geschäft schmackhaft zu machen (so wie sie das bei der Übernahme von Bear Stearns durch JPMorgan Chase mit einem Kredit über 30 Milliarden Dollar von der Zentralbank gemacht haben).

Es gab allerdings einen Grund, warum in dieser Welt kein Käufer gefunden werden konnte. Lehman lag schon in den letzten Zügen. Innerhalb von sechs Monaten hatte das Unternehmen 6,7 Milliarden Dollar verloren. Die Schulden beliefen sich auf 600 Milliarden und die Aktivposten fielen rapide im Wert. Und als ein Deal mit Barclays möglich schien, legte die britische Finanzaufsichtsbehörde ihr Veto ein. Schatzkanzler Alistair Darling drückte sich unmissverständlich aus: "Euer Krebsgeschwür werden wir nicht übernehmen."

In einer dritten und letzten Parallelwelt hätten ein anderer Henry Paulson und ein anderer Ben Bernanke Lehman sofort verstaatlichen können - so wie sie es mit Fannie Mae und Freddie Mac am 7. September und einen Tag, nachdem Lehman Bankrott angemeldet hatte, auch mit AIG gemacht hatten. Hier wäre wegen "Gefahr im Verzug" doch ein sofortiges Eingreifen der Notenbank bestimmt zu rechtfertigen gewesen.

In dieser Welt hatte sich Henry Paulson allerdings dazu entschlossen, nicht mehr "Mr. Rettungsplan" zu sein. Bei mehr als einer Gelegenheit erklärte er, dass es "keine Steuergelder für Lehman" geben werde. Als Fulds Leute zu bedenken gaben, dass der Zusammenbruch der Bank einen Tsunami in der Finanzwelt zur Folge haben würde, warf Paulson ihnen vor, nur darauf bedacht zu sein, ihre eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen. Offensichtlich hatte er die Auswirkungen von Lehmans Zusammenbruch unterschätzt. Vielleicht ließ er sich als ehemaliger Chef von Goldman Sachs von Vorurteilen gegen Fuld leiten. In einer Hinsicht hat Paulson allerdings - wenn auch unfreiwillig - etwas Positives bewirkt. Indem er dem amerikanischen Volk - und besonders seinen Vertretern im Kongress - vor Augen führte, was passiert, wenn nur die viertgrößte Investmentbank des Landes pleite geht, schuf er die bis dato fehlenden Voraussetzungen, nämlich den politischen Willen, für die Auflage eines Programms zur Rettung des gesamten amerikanischen Finanzsystems.

Lehman nur extremes Beispiel für allgemeines Phänomen


Im Grunde war Lehman - genauso wie Bear Stearns - nur ein extremes Beispiel für ein allgemeines Phänomen. Einige wenige der großen Finanzinstitute waren zu diesem Zeitpunkt zu einem gefährlich großen Anteil durch Fremdkapital finanziert und steuerten rapide auf die Insolvenz zu, weil ihre Immobilien-Werte einbrachen. Sie verließen sich auf unpassende Risikomanagement-Modelle und auf den Versicherungskonzern AIG, wenn jemand zahlungsunfähig werden würde.

Die Rettung bestand nicht in einer Reihe von schnellen mit Steuergeldern finanzierten Übernahmen. Bob Diamond kann seinem Schöpfer danken, dass die britische Finanzaufsichtsbehörde ihr Veto einlegte, denn sonst wäre Barclays vielleicht ebenfalls baden gegangen. Stattdessen bekam er, was er wollte: Lehmans Investment-Geschäft, und zwar spottbillig aus der Insolvenzmasse.

Ein allgemeiner Rettungsplan für alle musste her. Und das war der so genannte Troubled Asset Relief Plan (Tarp), ein Rettungspaket über 700 Milliarden Dollar. Man erinnere sich, dass es selbst nach der Lehman-Pleite zwei Anläufe brauchte, um das Rettungspaket durchzubringen. Wenn Paulson und Bernanke Lehman eigenständig übernommen hätten, wäre im Kongress ein Aufschrei laut geworden gegen eine weitere Staatshilfe für ein offensichtlich schlecht geleitetes Institut. Tarp hätte genauso gut nicht durchkommen können. Das wiederum wäre das Todesurteil für Citigroup gewesen, ein drei Mal größeres Unternehmen als Lehman.

Die wahre Tragödie besteht darin, dass nach dem Zusammenbruch von Lehman die Überlebenden an der Wall Street erstens größer sind und zweitens sich politisch sicherer fühlen können. Solange die Banken darauf vertrauen dürfen, dass die Regierung ihnen aus jeder Notlage helfen wird (denn wer würde jetzt eine zweite Lehman-Pleite riskieren?), können sie mehr oder weniger alle Rufe nach geringerer Fremdfinanzierung und vernünftigeren Bonuszahlungen ignorieren.

Wenn wir aus der Lehman-Pleite nur gelernt hätten, dass keine Bank "too big to fail" ist, hätten wir vielleicht noch einen echten Kapitalismus, statt des unverhältnismäßigen staatlichen Garantiesystems, das uns die Krise beschert hat. Tja, wenn...

(Übersetzung: Andrian Widmann)


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Dokument erstellt am 22.09.2009 um 11:32:03 Uhr
Letzte Änderung am 22.09.2009 um 20:36:32 Uhr
Erscheinungsdatum 22.09.2009 | Ausgabe: fr
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