Auf Arte lief vor ein paar Tagen eine Dokumentation über Petitionen in China. Sie zeigt, wie die Behörden der Volksrepublik diejenigen verfolgen, die ihr Recht wahrnehmen und sich mit Fragen und Einsprüchen an die Staatsorgane wenden. Man sieht, wie die Armen drangsaliert und schikaniert werden. Man ist erschüttert. Es wächst die Wut.
Plötzlich aber kommt ein anderer Gedanke: Das wurde alles gefilmt. Die Betroffenen treten vor die Kamera und sagen, was ihnen angetan wird und sie sagen, was sie davon halten. Das ist die andere Botschaft des großartigen Films "Petition" von Zhao Liang. China ist eine Diktatur. Aber es ist eine weniger diktatorische Diktatur als vor vierzig Jahren, als ich der mörderischen Kulturrevolution zujubelte. Es geht den Menschen besser. Deutlich besser. Nicht nur wirtschaftlich. Das macht die Lage nicht einfacher. Ein paar Bücher helfen, Chinas Situation zu verstehen.
Ohne "Chinas Weg in die Moderne" (Hanser) wird man schwer begreifen, worum es heute in China geht. Und wie es zu den gewaltigen Umwegen kam, die China auf seinem weiten Weg nach Westen zurücklegte. Vor allem aber wird man mit Hilfe des Buches des 1936 in England geborenen Yale-Professors Jonathan Spence zu verstehen beginnen, dass die Moderne nach der Moderne – nicht zu verwechseln mit der kurzatmigen Modeerscheinung Postmoderne – wesentlich chinesisch sein wird.
Wir Westler werden einen neuen Weg antreten müssen. Den nach Osten. Keine Morgenlandfahrt, sondern der Versuch zu begreifen, dass die Moderne, solange Asien sie sich nicht angeeignet und anverwandelt hat, unvollendet ist. Jonathan Spence macht uns klar, dass die europäischen Verzögerer des Gangs in die Moderne – Nationalsozialismus und Stalinismus – es mit der Gewalttätigkeit der chinesischen Sozialexperimente kaum aufnehmen können.
Die letzten Millionen Toten, die Bürgerkrieg und Revolution kosteten, starben während der chinesischen Kulturrevolution. Das Regime, das sie betrieb, regiert noch. In China behaupten eben die, die die Revolution anheizten, sie wären die geeignetsten, ihre Wunden zu heilen.
Mit so geschärften Augen wird man begeistert "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser – Chinas Gesellschaft von unten" (S. Fischer) lesen. Es ist Band mit Interviews. Liao Yiwu, Jahrgang 1958, hat ihretwegen immer wieder ins Gefängnis gemusst. Zu genau schaut er mit seinen Interviewpartnern auf die chinesische Wirklichkeit.
Bei der Lektüre des Bandes – viele der Gespräche erschienen bereits in der deutschen Ausgabe von Lettre International – erinnert man sich an die "Bottroper Protokolle" von Erika Runge, an Alice Schwarzers "Der kleine Unterschied". Es gibt offenbar Phasen in der Entwicklung einer Gesellschaft, in der der Hunger nach Selbsterkenntnis so groß ist, dass die langsam mahlenden Mühlen von Literatur und Wissenschaft ihn nicht befriedigen können – das sind die Stunden der Interviews.
Es sind auch Zeiten, in denen zu viel zu schnell passiert, als dass die traditionsgesättigten und also auch den Traditionen verhafteten Großsysteme Wissenschaft und Literatur angemessen reagieren könnten. Zur gleichen Gattung gehört "Dagongmei – Arbeiterinnen aus Chinas Weltfabriken erzählen" (Assoziation A), herausgegeben von Pun Ngai und Li Wanwei.
Allen voran steht freilich wie in Stein gehauen, eines der wichtigsten Bücher aus dem China der letzten Jahre: "Zur Lage der chinesischen Bauern" (Zweitausendeins) von Chen Guidi und Wu Chuntao. Der Band ist beim Verlag leider vergriffen, aber mit ihm muss jeder Versuch beginnen, das China von heute zu verstehen. "Es geht den Menschen besser", habe ich oben geschrieben. Hier kommen die vor, denen es schlechter geht.
Hier wird geschildert, wie sie ihre Lage beurteilen und was sie es anstellen, um sie zu verbessern. Das Buch erschien in China vor fünf Jahren. Es wurde ein Riesenerfolg und sofort verboten und danach ein noch größerer Erfolg. Es ist das Buch, das China half wie kein zweites, sich selber zu sehen.
Die verblüffendste Einführung in das Denken der allerobersten Elite geben die Aufzeichnungen des ehemaligen Präsidenten der Volksrepublik China Zhao Ziyang. Er war 1989 entmachtet worden, weil er die Armee nicht hatte gegen die Demonstranten auf dem Platz des Himmlischen Friedens einsetzen wollen. Er bekam Hausarrest. 2005 starb er. Teile seiner Aufzeichnungen wurden aus China geschmuggelt und liegen in einer englischen Übersetzung vor. "Prisoner of the State – The secret journal of Premier Zhao Ziyang" (Simon & Schuster) heißt das Buch.
Es macht deutlich, wie sehr die Volksrepublik auf der Kippe steht. Wenn einer ihrer ehemaligen Ministerpräsidenten über die Notwendigkeit der Gewaltenteilung und über die Vorzüge eines Mehrparteiensystems nachdenkt, dann ist alles möglich. Die offiziellen Verlautbarungen sagen nichts über die Wirklichkeit. Schon gar nicht über die Wirklichkeit in den Köpfen derer, die diese Verlautbarungen abgeben.
Und die Literatur? Was sagt sie? Wir müssen uns eine Sekunde lang klarmachen, dass diese Buchmesse zwar China als Ehrengast begrüßt, in Wahrheit aber die Volksrepublik China meint. Neben ihr aber gibt es noch das Greater China, zu dem dann auch Macau und Taiwan gehören, vor allem aber gibt es noch die etwa 35 Millionen Überseechinesen. Nahezu überall auf der Welt.
Etwa Hunderttausend davon leben wohl inzwischen in Deutschland. In allen Ländern, in denen Chinesen leben, gibt es auch Chinesen, die schreiben. Auf chinesisch, englisch, französisch oder deutsch. Das alles ist – mal mehr, mal weniger – chinesische Literatur. Auch der einzige chinesische Literaturnobelpreisträger, der Dramatiker, Romancier, Essayist und Maler Gao Xingjian lebt im Exil. Seit 1998 als französischer Staatsbürger.
Er hatte vom Deutschen Akademischen Austauschdienst – der sei gepriesen dafür – 1985 ein Stipendium für Berlin bekommen. Eine Ausstellung im Künstlerhaus Bethanien wurde ein Erfolg. Er konnte in Europa bleiben. Auf deutsch erschienen zuletzt von ihm der Erzählungsband "Die Angel meines Großvaters" (S.Fischer) und ein Katalog zur Ausstellung seiner Bilder "La Fin du Monde" (Kerber Verlag).
Bücher aus der Volksrepublik lesen wir immer auch, um etwas über das Land zu erfahren. Wir benutzen sie als Fernglas oder als Mikroskop. Das mag strenge Literaturliebhaber verdrießen, aber so ist es. Man liest dann auch Mian Mian. Sie gehört zu den sogenannten Shanghaigirls, die vor ein paar Jahren die Sprache von "Sex and the City" in die chinesische Literatur einführten.
Mian Mian besingt in dem kleinen Büchlein "Panda Sex" (Kiepenheuer & Witsch) wieder das Clubleben, die Räusche und die Abstürze der fickenden und fixenden Schanghaier Jugend. Ihre Bücher dürfen in China nicht erscheinen. Berühmt ist sie dennoch oder gerade darum. Sie ist in keinem Arbeitslager. Sie ist eine der Clubqueens Schanghais. Das Land hat sich gewaltig geändert.
Am anderen Ende des Spektrums der Gegenwartsliteratur der Volksrepublik China steht Jiang Rong mit seinem Roman "Der Zorn der Wölfe" (Goldmann), einer der Megaseller der letzten Jahre. In zwanzig Ländern soll das 700-seitige Buch inzwischen in Übersetzungen zu haben sein. Eine zivilisationskritische Beschwörung der Schönheit des Lebens der nomadischen Mongolen. Der Freiheitswille der Wölfe als ein Gegenentwurf zu den Idealen von Anpassung und Karriere.
Der studierte Sozialwissenschaftlers Jiang Rong stellt verweichlichten Chinesen kämpferische Wölfe gegenüber. Interessant an dem Buch ist, dass es nicht so sehr eine Kritik des politischen Systems Chinas, als vielmehr des Lebensentwurfs der Moderne überhaupt ist. Das wird nicht unwesentlich zu seinem Welterfolg beigetragen haben. Auch in China gehört zur Moderne die Kritik an ihr und die auch uns vertrauten Mythen vom einfachen Leben und vom Kampf ums Dasein.
Einer der Eröffnungsredner der Buchmesse ist der Koloss der Gegenwartsliteratur der Volksrepublik: Mo Yan. Seit 1987 "Das rote Kornfeld" (Unionsverlag) erschien, gilt er als einer der bedeutendsten chinesischen Autoren. Er wurde 1956 geboren. "Das Kind armer Bauern" – so sagt man in der Volksrepublik – ging zur Volksbefreiungsarmee, entdeckte sich dort als Schriftsteller, studierte an der Akademie der Armee und unterrichtete dort.
Er ist bestes Partei-Establishment. Witzig, sarkastisch, umwerfend komisch. Wer seinen jüngsten Roman "Der Überdruss" (Horlemann) liest, der wundert sich, was alles gesagt, gedacht, beschrieben werden kann, in einem Land, in dem doch die Zensur jeden Lufthauch überprüft.
"Der Überdruss" ist ein galliger Rückblick auf die Geschichte der Volksrepublik China. Sie wird niedergelacht. Sie geht unter im Hohngelächter. Aber dass das möglich ist, setzt die Gegenwart und die gegenwärtige Regierung in ein positives Licht. Mo Yans scharfer Witz mag ätzen, aber mehr noch als er den Herrschenden schadet, schützt er den Autor. Aus manchem Konflikt hilft ein Witz und das ihm folgende Gelächter. Das ist nicht Literatur. Das ist das Leben. Das macht die Größe von Mo Yans Texten aus.
Fliehen wir ein wenig in die Vergangenheit. Fliehen wir an den "Törichten Bach" (Friedenauer Presse), eine kleine Anthologie mit Prosa und Gedichten von Liu Zongyuan (773-819), übersetzt von Raffael Keller und Jürgen Theobaldy. Wenn es einmal so etwas geben sollte wie eine Weltliteratur – die kleinen Prosatexte von Liu Zongyuan werden unbedingt dazu zählen.
Sein Beinahe-Zeitgenosse Du Fu (712-770), einer der bedeutendsten Dichter Chinas, hat endlich eine Übersetzung bekommen, die einen ahnen lässt, was einem entgeht. Einhundert seiner etwa 1400 überlieferten "Gedichte" (Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung) hat wiederum Raffael Keller übertragen und kommentiert. Es dauerte noch Jahrhunderte bis in Europa soviel Ich war wie in diesen Texten der chinesischen Dichter. Wir haben viel gelesen über die orientalische Despotie, über die Bedeutungslosigkeit des Einzelnen im alten China, darüber dass es darum den Kommunisten leicht fiel, das Ganze vor das Individuum zu stellen. Aber in diesen Gedichten spricht jenes freie, traurige und lachende, wütende und betrunkene, liebende und hassende lyrische Ich, auf dessen Entdeckung die europäische Literatur so stolz ist. Offenbar zu Unrecht.
Eine der schönsten Neuerscheinungen dieses Herbstes ist eine Neuübersetzung des Tao te king von Laotse. Es heißt jetzt "Daodejing" (Reclam), sein Autor heißt Laozi und Rainald Simon legt den chinesischen Text vor, eine wörtliche Übertragung, eine Übersetzung und einen Kommentar. Man sollte dieses Angebot annehmen und viel Zeit mitbringen, die Texte sehr genau lesen. Auch das Chinesische, das man nicht versteht. Man beginnt dann zu ahnen, mit welchen Schwierigkeiten die Übersetzer zu tun haben.
Schon eine Stunde mit diesem Buch wiegt die Lektüre der gesamten Wilhelm-Übersetzung auf. Der berühmte Paukenschlag-Anfang: "Dao – kann es ausgesagt werden, / ist nicht das beständige Dao" klingt auf chinesisch noch viel gewaltiger: "Dao ke dao, / fei chang dao". Und aussehen tut es noch dazu! Dreimal dasselbe Schriftzeichen. Das sind Donnerworte. Es werden aber keine Gewissheiten vorgetragen, sondern sie werden zerstört. Hier wird wirklich mit dem Hammer philosophiert.
Wer über chinesische Philosophie lesen möchte, der kommt nicht vorbei an dem französischen Sinologen François Jullien. Er beschäftigt sich mit China, um aus den eingefahrenen europäischen Denkperspektiven herauszukommen. China war und ist für den 1951 geborenen Philosophen das ganz Andere. Diese Dichotomisierung stößt auf großen Widerspruch. Sie hilft aber erst einmal das Spezifische herauszuarbeiten. Wer sich also fürs fremde China, zum Beispiel die ganz andere Ästhetik Chinas interessiert, der lese Julliens "Vom Wesen des Nackten" (Diaphanes). Das Buch geht von einem zentralen Gedanken aus: "Nicht nur findet man keine Akte in der chinesischen Tradition, viel grundlegender: Alles in ihr drückt die Unmöglichkeit des Nackten aus." Es ist wunderbar, wie es Jullien gelingt, das scheinbar Sinnlichste – den Akt – als Erscheinung des Ideals plausibel zu machen, so dass es gerade der chinesische Realismus ist, der den chinesischen Künstlern und der chinesischen Kunst den Akt verbietet.
Daran erinnert sich, wer die Erklärung des 1963 in Jincheng geborenen Malers Liu Xiaodong list, sein Lieblingsmotiv sei der weibliche Akt. Das ist eine Revolution. Wer über die aktuelle Kunst Chinas informiert sein möchte, der lese und blättere in den Heften 193 und 194 von "Kunstforum International" 600 Seiten, Bilder ohne Ende, jede Menge Interviews und Texte aus und über China. Man findet dort auch die Erklärung des Pekinger Ausstellungsmachers Pi Li, der auch in Berlin eine Galerie betrieb: "In China kennen wir die im Westen praktizierte Art von Körperkult nicht. Wir Chinesen denken, der Körper ist der Körper. In der Performance wurde er Mitte der 90er Jahre mit Bedeutung aufgeladen. Doch hatte der Nackte, der durch die Straßen lief, nichts mit Fluxus zu tun. In China sind die Nacktheit des Körpers oder das Rasieren des Kopfes Ausdruck eines Protestes und dadurch von politischer Tragweite. Die Körperproblematik änderte sich um das Jahr 2000. Da wurde der eigene Körper im Lichte der Frage nach der Identität in einer Gesellschaft gesehen, in der auch der Künstler entfremdet ist. In dem Kontext erschien der Körper stellvertretend für das Schicksal und das Leben. Mit Einführung des Körpers in die Kunst wurde die Gesellschaft quasi auf die Probe gestellt." Blickt man von einer solchen Bemerkung zurück auf Jonathan Spence, dann wirken die notwendigen wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen winzig neben den – nennen wir sie – intimen.
Wer nur die Großprojekte der chinesischen Gegenwartskunst und die knalligen Popplakate der Kulturrevolution kennt, der wird überrascht sein von Lothar Lederose, Professor für Ostasiatische Kunst in Heidelberg von einer ganz anderen chinesischen Tradition zu erfahren: "In China haben buddhistische Mönche seit dem 6. Jahrhundert nach Christi Geburt Sutren, also die heiligen, von Buddha gesprochenen Texte, in Stein gemeißelt. Das taten sie teils unter freiem Himmel auf dem gewachsenen Fels, sozusagen als Land-art oder in Kulthöhlen oder auch einfach auf steinernen Platten. Das größte Meißelprojekt der Weltgeschichte begann 616 nach Christi Geburt in einem Kloster bei Beijing. Die Mönche arbeiteten mehr als ein halbes Jahrtausend. Als sie um 1180 aufhörten, hatten sie auf circa 15.000 Steinplatten circa 25 Millionen Zeichen eingemeißelt. Dann vergruben sie alles unter der Erde, damit die Texte den Weltuntergang überdauern."
Das einzig Vergleichbare in der europäischen Geschichte sind die Endlager für den atomaren Abfall.


Bookmark
Verlinken














