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Kunst aus Indien

Der angeschossene Elefant

Von Julia Kospach

Das erste, worüber man - beinahe - stolpert, ist ein lebensgroßer, liegender Elefant aus Glasfaser, dessen Haut über und über bedeckt ist mit in kunstvolle Wirbel und Strukturen gelegten, spermienförmigen Bindis. Der Elefant, in der indischen Mythologie Symbol für Wohlstand und Erwachen, scheint in dieser Skulptur der Künstlerin Bharati Kher, Jahrgang 1969, eher in Agonie zu liegen als das entspannte Nickerchen eines Wohlgenährten und Prosperierenden zu schlafen.

Indien löst China ab


Der große indische Elefant - angeschossen am Boden. Der indische Subkontinent zwischen Industrialisierung und Fortschritt auf der einen, Chaos, Erschöpfung und Traditionsmacht auf der anderen. "Chalo! India. Eine neue Ära indischer Kunst" heißt die bisher größte jemals in Österreich gezeigte Ausstellung mit Kunst aus Indien, die das Essl-Museum in Klosterneuburg bei Wien derzeit präsentiert. Übernommen wurde sie vom Mori Art Museum in Tokio. In über 100 Werken wirft sie Blicke auf die indische Kunstproduktion der letzten Jahre und gibt Auskunft über die Kunstszenen der indischen Metropolen, in denen mit einem Mal seit den 1990er Jahren eine lebendige Galerienlandschaft für zeitgenössische Kunst entstanden ist. Seit 2008 hat die Hauptstadt Delhi mit der Devi Art Foundation auch sein erstes bedeutendes Privatmuseum für indische Gegenwartskunst.

Zur Sache
Chalo! India. Eine neue Ära indischer Kunst, Essl-Museum, Klosterneuburg, bis 1. November.

www.sammlung-essl.at

Republic of Illusions, Galerie Krinzinger, Wien, und "Mithu Sen und Bharat Sikka", Krinzinger Projekte, Wien. Beide bis 17. Oktober.

www.galerie-krinzinger.at
Die indische Kunst ist dabei, die chinesische als neues großes Zugpferd der internationalen Kunstwelt abzulösen: Die Kunstmesse Arco in Madrid präsentierte Indien dieses Jahr als Gastland, bedeutende Sammler wie Charles Saatchi oder François Pinault haben Werke indischer Kunst in ihre Kollektionen aufgenommen, die Preise sind gestiegen, die Galerien haben nachgezogen.

Vorreiterin in Österreich war die Wiener Galerie Krinzinger, die ebenso derzeit eine neue Indien-Ausstellung zeigt. "Republic of Illusions" heißt sie und ist bereits der dritte Teil einer schon im Herbst 2008 begonnenen Ausstellungsserie über zeitgenössische indische Kunst. Nach Bangalore und Mumbai steht nun das aktuelle Kunstschaffen der Hauptstadt New Delhi im Mittelpunkt.

Überschneidungen mit der Ausstellung im Essl-Museum gibt es. Sie stören in keiner Weise. Im Gegenteil: Gerade für Sammler, die in die indische Gegenwartskunst einsteigen wollen, erweist sich diese Kombination aus Museums- und Kaufausstellung als ideal.

Eine Künstlerin, die doppelt vertreten ist, ist Pushpamala N. mit ihren einprägsamen, witzig-zynischen Fotoarbeiten. Die 1956 geborene Künstlerin, die in Bangalore lebt und arbeitet und häufig mit Cindy Sherman verglichen wird, inszeniert sich selbst in ihren Fotografien - häufig üppig kostümiert vor gemaltem Hintergrund: als indische Göttin, Bollywood-Darstellerin oder Frauen-Figur der Volkskunst ebenso wie als Eingeborene in Schwarz-Weiß, deren Körper zum Zwecke ethnografischer Studien vermessen wird. Kolonialismuskritik trifft hier auf ironisch bearbeitete Kitsch-Topoi und Klischeebilder indischer Frauen.

Ein wunderbares Objekt der Indien-Klischee-Aufarbeitung, auf das man beim Rundgang durchs Essl-Museum stößt, ist auch "Autosaurus Tripous" des in Mumbai arbeitenden Jitish Kallat, Jg. 1974: Eine Auto-Rikscha als Dinosaurier-Skelett - quasi das Relikt eines im Aussterben begriffenen Alltagsgegenstands, der langsam der Musealisierung einverleibt wird.

Aber es sind weit nicht nur Indien-Klischees wie Bollywood-Plakate, Farbenpracht, die indische Götterwelt, Großstadtarmut oder Verkehrschaos, die künstlerische Bearbeitung finden. Es gibt sie, klar, wie in den großformatigen Aludosen-Slumlandschaften von Hema Upadhyay, in der Collage-Gemälde-Serie "Scenes from Marriage" von Atul Dodiya oder den Abfall- und Müll-Fotoserien von Vivan Sundaram. Aber abseits davon zeugen andere Arbeiten davon, dass die zeitgenössische Kunst des Subkontinents sich bei weitem nicht nur mit Indien-typischen oder sozialpolitisch relevanten Themen befasst. Beispielhaft dafür sind die großartigen Arbeiten von Nataraj Sharma, Jg. 1958, dessen Installationen wie ins Dreidimensionale transponierte, schraffierte Schwarz-Weiß-Grafiken wirken. Das Essl-Museum zeigt seine "Air Show" aus dem Jahr 2008, eine raumhohe, ungeheuer dynamisch wirkende Gitterkastenkonstruktion, in der sich Quer- und Längsbalken je nach Betrachtungswinkel zu helleren oder dunkleren Flächen verdichten, in denen Formationen aus Kupferflugzeugen ihre Bahnen ziehen. Vollkommen für sich stehen auch die großformatigen Farb-Fotoarbeiten von Justin Ponimany, Jg. 1974, die Köpfe oder kugelige Objekte wie einen Ball in der horizontalen, zweidimensionalen Auffaltung von Weltkarten zeigen. Der Effekt ist ebenso unheimlich wie faszinierend.

Delhi als Kunsthauptstadt


Auch in der um vieles weniger umfangreiche Ausstellung der Galerie Krinzinger, in deren Dependance "Krinzinger Projekte" als zweitem Standort die beiden Künstler Mithu Sen und Bharat Sikka ihren Blick auf Delhi präsentieren, zeigt sich das ganze breite Spektrum indischer Gegenwartskunst. Nachdem die Hauptstadt Delhi das Lebens- und Arbeitszentrum der dort gezeigten Künstler ist, grundiert das Politische viele ihrer Arbeiten: Anita Dubes "Ah (a Sigh)" ist ein auf drei mal drei Meter aufgeblasenes, grobkörniges Zeitungsfoto von einer Menschenmenge, die mit ausgestreckten Armen nach von einem Hilfskonvoi abgeworfenem Essen giert. Darauf formen aus dem Bild wachsende, samtverkleidete Wurzelfragmente den ersten Buchstaben des Hindi-Alphabets "Ah", der zugleich ein Ausruf für Verzweiflung ist, wie er im Westen Überraschung ausdrückt. Mit der Ikone Gandhi beschäftigt sich Probir Gupta in "The National Product (Gandhi)", einer großen Gandhi-Skulptur im Lotussitz, die über und über mit politischem Graffiti bedeckt ist. Im Hintergrund Billboards, die für die Kommerzialisierung des Gandhi-Erbes stehen.

Die Wiener Ausstellungen präsentieren eine hochinteressante, anregende Mischung, die ebensoviel Eigenständigkeit zeigt, wie sie international integriert ist und gleichzeitig spezifisch Indisches aufgreift. Hält der Indien-Boom an, ist zu hoffen, dass er noch viel mehr von diesem extrem lebendigen, facettenreichen und vielfältigen Kunstschaffen in westliche Galerien und Museen bringen wird.


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Dokument erstellt am 14.10.2009 um 17:14:05 Uhr
Letzte Änderung am 14.10.2009 um 21:34:56 Uhr
Erscheinungsdatum 15.10.2009 | Ausgabe: d
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