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"Atlas der Globalisierung"

Die Welt, wie sie nicht sein darf

Von Arno Widmann

Die lose beigelegte, mit der Hand gezeichnete Karte zeigt "Die Welt von morgen". In der Mitte ein hauptsächlich grün gefärbtes Ei, das im Norden ans sibirische Eismeer grenzt, im Süden hinter Indonesien endet, im Westen Japan einschließt und im Osten Iran und das asiatische Russland. Dieses "Asiatische Ei" beherbergt zwei Drittel der Weltbevölkerung. Und mit China, dem asiatischen Russland und Indien auch alle Mächte von morgen - mit Ausnahme Brasiliens.

Es ist gut, eine Weile auf diese Karte zu schauen. Sie verrückt die Gewichte und unsere Weltanschauung. Und man muss sie ganz genau betrachten: Neben den grünen Regionen, den neuen Mächten, gibt es die braunen. Das sind die alten Mächte: USA, Kanada, Australien und Europa. Und außerdem noch - in rotbraun - instabile Regionen. Die liegen vorzugsweise in Afrika und im Nahen Osten.

Das ist eine sehr fragwürdige Einteilung. Ist das sibirische Russland, sind China und Indien stabile Regionen? Eine Karte schafft Eindeutigkeiten. Das ist ihr Vorteil und ihre Crux. Man muss sie zu lesen verstehen, und man muss verstehen, sie nicht zu lesen.

In dieser Kunst unterrichtet uns seit vielen Jahren der "Atlas der Globalisierung". Er ist gerade in einer neuen Ausgabe erschienen. Im Zentrum dieses Atlas steht das Ganze und die es erzeugenden Interaktionen der Migranten- und Ideenströme, der Kapital- und Rohstoff-Bewegungen. Daneben gibt es aber immer wieder auch Karten, die sich mit dem scheinbar Einzelnen beschäftigen. Zum Beispiel Sri Lanka oder "Kosovo und Bosnien, zwei Versuche der Staatsgründung". Ganz zentral sind die Karten, die uns erklären, wie die Erdölproduktion der Zukunft aussehen wird, wie die Rolle von Staatsfonds - vor allem der Öl und Gas produzierenden Länder - wachsen wird. Das Kapitel zwei mit 35 Grafiken und Karten ist ganz und gar dem Thema "Kapitalismus in der Krise" gewidmet.

Der "Atlas der Globalisierung" ist ein Produkt von Le Monde diplomatique, einer der Politik der USA sehr kritisch gegenüber stehenden Zeitschrift. Einem Blatt, dass die Kosten der Hegemonie des Westens und der durchkapitalisierten Welt detailliert aufzuzeigen versteht. Das macht auch die Qualität dieses "Atlas" aus. Sicher drischt er dem einen oder anderen zu sehr immer wieder in die gleiche Kerbe, aber die Zahlen stammen aus seriösesten Quellen. Und angesichts des propagandistischen Aufwands, mit dem uns seit Jahrzehnten klar gemacht wird, dass der einzige Weg zu Freiheit und Wohlstand der sei, die Reichen noch reicher zu machen, ist es gut, gezeigt zu bekommen, was sich wirklich abspielt.

Zum Beispiel die Grafik auf Seite 46/47. Sie zeigt die Entwicklung der Finanzmärkte vom Börsenkrach von 1903 ("Rich Man´s Panic") bis zum August 2009. Mit einem Blick ist zu sehen, dass die Kapitalmärkte seit Reagan explodiert sind. Mehr als 14-mal so viel Kapital wie 1979 war 2007 unterwegs. Der Zuwachs zwischen 1903 und 1979 war verglichen damit in absoluten Zahlen minimal. Leider sind die finanztechnischen Maßnahmen, die zu dieser Explosion beitrugen, in der Karte nicht eingetragen. Dafür gibt es eine Karte, die klarmacht, wo überall auf der Welt der "Steuerzahler als Bankenretter" auftritt.

Atomenergie ist unberechenbar


Natürlich spielen auch die Entwicklung des Klimas, die Frage nach der Herkunft der für die Weltwirtschaft unbedingt nötigen Energie im "Atlas der Globalisierung" eine wichtige Rolle. Ein Blick auf die Karten macht klar, dass im Ernst von einer Renaissance der Atomenergie nicht gesprochen werden kann. Ihr Anteil an der Energieerzeugung sinkt kontinuierlich. Aus guten Gründen: Atomenergie ist im doppelten Sinne unberechenbar. Man kann nicht wissen, was in 10.000 Jahren mit den atomaren Abfällen geschehen wird, und ebenso wenig sind ihre Gestehungskosten errechenbar. Das neue Kernkraftwerk im französischen Flamanville ist heute schon, zwei Jahre nach Beginn der Bauarbeiten, 20 Prozent teurer als 2007 geplant.

In der Mitte des Bandes befindet sich ein kurzes "Lob der Skizze" des Herausgebers Philippe Rekacewicz, in dem es heißt: "Die Kartografie beruht auch auf der Verschmelzung verschiedener Fachgebiete - Wissenschaft, Technik, Ethik, Politik -, von denen sie sich einzelne Elemente borgt. Das gilt besonders für die Kunst, zu der sie eine enge Beziehung unterhält, denn sie nutzt deren Mittel und Materialien: Formen, Oberflächen, Linien und Punkte, Farben und Kontraste, Schwung, Intensität, Helligkeit usw. Diese Beziehung drückt sich vor allem in der Skizze aus, die der Karte vorangeht. Die Recherche, die grafische Untersuchung des Geländes und die Entwürfe werden - auch in diesen hochtechnologischen Zeiten - immer noch mit Buntstift ausgeführt. ,Oh, ihr afrikanischen Götter, wie wütend muss der Kartograf gewesen sein!´, rief ein nigerianischer Besucher aus, nachdem er eine der Skizzen betrachtet hatte, die den Tod tausender illegaler Einwanderer an den Schutzwällen der Europäischen Union symbolisieren."

Dem "Atlas der Globalisierung" geht es um die Tatsachen, aber wir sollen sie nicht betrachten und weitermachen. Sie sollen uns aufrütteln, uns zur Umkehr aufstacheln.


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Dokument erstellt am 27.10.2009 um 16:44:04 Uhr
Letzte Änderung am 28.10.2009 um 10:38:03 Uhr
Erscheinungsdatum 28.10.2009 | Ausgabe: d
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