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Mit Dai Qing in der Schirn

Eine Lektion in Oral History

Von Natalie Soondrum

Lebhaft und zielstrebig wie sie ist, hätte man gedacht, sie würde sofort in den Raum schreiten. Sie würde direkt vor einer der Figuren stehenbleiben, die den vom Großgrundbesitzer Liu ausgebeuteten Bauern nachempfunden sind, und anfangen zu sprechen. Doch die chinesische Dissidentin Dai Qing steht stocksteif mit versteinerten Gesichtszügen am Eingang des Ausstellungssaals. Der Vertreter der Schirn Kunsthalle erklärt, man habe den Hof für die Pachteinnahme primär unter dem Aspekt der Kunst betrachten wollen. Nicht als Werk aus der Kulturrevolution, sondern als Zeugnis der ersten unabhängigen Skulptur in der Kunstgeschichte Chinas.

Die Lüge aufklären


"Dann ist meine wichtigste Botschaft, dass es China fünf Millionen Euro wert war, um seine größte Lüge nach Frankfurt zu bringen." Alle ihre Freunde, die ganze chinesische Intelligenz, seien schockiert, dass der Pachthof in Deutschland derart unkritisch ausgestellt werde, dass so "die Lüge zur Kunst erhoben wird". Fast meint man, Dai werde sich auf dem Absatz umdrehen. Doch dann betritt sie endlich den Saal. Schnell setzt sie sich auf die Bank gegenüber dem Figurenensemble, das den westlichen Betrachter durch seine enorme emotionale Ausdruckskraft besticht. Sie will die 103 Skulpturen nicht noch einmal ansehen. "Wollen Sie mir jetzt gerne zuhören?" Ihre Schärfe irritiert. Hat man sie aus Versehen beleidigt? Es scheint ratsam, jetzt nur zuzuhören, ihr einfach Raum zu geben für eine Weile - sie wird drei Stunden dauern.

Kunst für Millionen

"Hof für die Pachteinnahme": Die Skulpturengruppe aus der Mao-Zeit ist noch bis zum 3. Januar 2010 in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt zu sehen.

Offiziell heißt es: "Die Figurengruppe stellt die erbarmungslose Ausbeutung der Landbevölkerung durch einen reichen Großgrundbesitzer der vorkommunistischen Ära dar. Das Werk wurde 1965 von einem Künstlerkollektiv (...) im Dialog mit der Landbevölkerung als ortsspezifische Installation geschaffen."

Am Expertengespräch "Die Situation der Landbevölkerung in China von 1949 bis heute" am morgigen Freitag ab 19.30 Uhr nimmt auch Shi Ming teil, der bei dem Museumsbesuch mit Dai Qing als Dolmetscher tätig war. (soo)
Dai berichtet, was sie die wahre Geschichte des Pachthofes nennt: Dass der Großgrundbesitzer Liu Wen Cai nicht auf dem Rücken der Reisbauern reich wurde, sondern durch Opiumanbau. Wie sein Bruder, der Warlord Liu Wen Hui unter dem Einfluss von Maos späterem Premierminister Zhou Enlai zur KP überlief und die Propagandalüge, sein Bruder habe die Bauern ausgebeutet, stützte. Wir erfahren, dass Mao es nach dem 20. Parteitag der KPDSU im Jahr 1956 mit der Angst zu tun bekam. Nikita Chruschtschow begann nach Stalins Tod an dessen Thron zu rütteln. "Mao fürchtete nichts mehr, als dass ihm ein ähnliches Schicksal blühen könnte. Um jede abweichlerische Tendenz im Keim zu ersticken, schloss Mao die Reihen seiner Kader immer enger." Einer profitierte, so Dai Qing, ein ehrgeiziger Politsekretär aus der Provinz Sichuan. Seit 1959 sei Li Jin Quan beauftragt gewesen, den verwaisten Hof Lius in eine Gedenkstätte zu verwandeln. Unter seiner Ägide, ab 1965 auch unter dem Einfluss von Maos Frau sei die Figurengruppe entstanden, ohne jede künstlerische Freiheit. Die Wirkung sei gänzlich politisch kalkuliert gewesen.

"Es gibt in China die Oral-History-Bewegung", sagt Dai Qing. Ja, das wissen wir, sie ist im Ausland eine der prominentesten Vertreterinnen dieser Bewegung. "Viele Menschen haben mit Zeitzeugen über den Pachthof gesprochen. Ihre Interviews und Aufzeichnungen sind gerade in einem Band in China verlegt worden. Ich will ihn auszugsweise ins Englische übersetzen lassen." Dai Qing zeigt auf die Rückseite des Ausstellungskatalogs der Schirn: "Sehen Sie diese Frau, die zu den Jugendlichen spricht? Das ist Mama Leng, die angeblich von Liu in einen Käfig gesteckt wurde." Die Analphabetin habe mit ihren Geschichten Karriere gemacht. Dass Maos Kader ihr jedoch nahe legten, sie zu erzählen, dafür liefere ein Interview mit ihr jetzt Beweise.

Einen Moment herrscht Schweigen, der Blick fällt auf die Figur einer Mutter, an der zwei Kinder zerren. Ihr Blick ist so hoffnungslos, dass es schmerzhaft ist, ihren gläsernen Blick zu erwidern. Die emotionale Qualität dieser Figuren übertrage sich so unmittelbar auf das westliche Publikum, so die Journalistin, hier nicht von Kunst reden zu dürfen, sei absurd. Ein neuer Anlauf, dem Gespräch eine Wendung zu geben.

"Ja", sagt Dai Qing. "Die Künstler haben ihre Arbeit gut gemacht. Ich habe ihnen auch alles geglaubt, 30 Jahre lang. Während der Kulturrevolution schrieb ich in mein Tagebuch, dass ich mir wünschte, alle jungen Menschen könnten Mao einige Stunden ihres Lebens schenken, damit er nie sterben müsse." Dai Qings chinesischen Freunde lachen herzlich.

Plötzlich ist es klar: "Sie fühlen sich um Ihre Jugend betrogen. Und je größer die emotionale Wirkung des Pachthofes auf das westliche Publikum ist, desto mehr bekommt es einen Eindruck davon, mit welcher Ungeheuerlichkeit zwei Generationen Chinesen um ihren Idealismus und um die Wahrheit gebracht wurden. "

Dai Qing dreht sich um, sie lächelt das erste Mal jetzt und schließt die Journalistin in ihre Arme. Ich habe verstanden.
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Dokument erstellt am 28.10.2009 um 16:38:04 Uhr
Letzte Änderung am 28.10.2009 um 17:25:56 Uhr
Erscheinungsdatum 28.10.2009 | Ausgabe: d
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