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09. Februar 2010
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Interview mit Reinhard Jirgl

Vor allem war es keine Revolution

"Weil die Welt sich dreht, kommt der Westen vorbei"

Mit diesem Spruch tröstete sich Reinhard Jirgl, bis die Mauer fiel - dann war es mit dem Trost vorbei.

Wie denken Sie heute über die Ereignisse im Herbst 1989?

Zur Person

Reinhard Jirgl, 1953 in Ost-Berlin geboren, veröffentlichte 1990 bei Aufbau seinen Roman "Mutter Vater", der 1985 noch abgelehnt worden war. Aufsehen erregte 1995 "Abschied von den Feinden" (mit dem Döblin-Preis ausgezeichnet). In diesem Jahr erschien bei Hanser der Roman "Die Stille". (fr)
Vor allem war es keine Revolution. Die heroische Rhetorik jener Wochen war in typischer DDR-Manier mit einem christlichen Unterton verquickt, hatte einen Sakristei-Geruch. Das ist mir sehr zuwider. Heute noch sind die Leute ja auf diese angeblich "friedliche Revolution" stolz. Das ist idiotisch. Es war kein Staatsstreich und keine Revolution, es war die beamtische, teils feindliche Übernahme eines Betriebs namens DDR, der ökonomisch, militärisch und moralisch bankrott war. Die in diesen Bereichen etwas solventere Firma BRD hat das übernommen und sich, wie bei allen Fabrikübernahmen, damit verändert. Denn die alte Bundesrepublik gab es danach ja auch nicht mehr. Natürlich kann so auf keiner Seite ein heroisches Gefühl aufkommen, das ausländische Journalisten oft vermissen. Heroismus - im klassischen Sinne - kann nur Folge einer heroischen Tat sein. Ich bin nicht böse darüber, dass es kein Blutvergießen gab, aber es gibt die alte Redeweise, dass aus dem getrockneten Blut der Revolutionen die neuen Gesetze entspringen. Wenn das Blut ausgeblieben ist, kommt etwas Diffuses, und der Gesetzgeber stellt sich bis heute darauf ein mit Sondergesetzen für den Osten. Und seit einigen Jahren kommt in den alten DDR-Gebieten etwas sehr Bedenkliches hoch: eine Geschichtsklitterung, aus der eine Art Ideal-Leiche entsteht. Eine DDR ohne Schießbefehl, ohne politische Häftlinge, umgeben von der Mauer als durchlässiger Membran.

Wurde das Leben nach 1990 dort für manche schwieriger?

Man muss sehen, wie viel Pseudobedeutung Leute wegen und in dieser Mangelwirtschaft haben konnten. Das schöne "Vitamin B" wie es hieß: Beziehungen. Viele Leute haben sich durch Vermittlertätigkeiten und Tauschgeschäfte, die eigentlich einer feudalistischen Lebensweise entsprachen, ein Wohlleben organisiert. Und jeder ist sauer, wenn seine Pfründe verschwinden.

Wie haben Sie damals gelebt?

Ich arbeitete als Beleuchtungsingenieur an der Volksbühne Ost, aber nur, weil ich Zeit fürs Schreiben brauchte. Es war eine merkwürdige Mischung aus Arbeit und Freizeit am Theater, und der Verdienst reichte zum Überleben. 1989 lagen, durch Veröffentlichungsstau beim Verlag, sechs fertige Manuskripte in meiner Schublade: das erste konnte nicht erscheinen, also auch kein weiteres. Das war eine typische DDR-Methode. Natürlich kann man nicht ein Leben lang für die Schublade schreiben, und wenn die Mauer nicht gefallen wäre, wäre ich wohl "den Weg allen Ostfleisches" gegangen und ausgereist. Ich war wütend und deprimiert angesichts meiner Papierstapel und fühlte mich, weil so viele Freunde ausgewandert waren, allein auf einem zerschossenen Schlachtfeld. Aber was sollte ich im Westen? Keiner kannte mich und ich passte in keine Schublade, war weder Dissident noch sichtbar von der Stasi verfolgt und auch in keiner Underground-Szene aktiv. Heiner Müller, der mich unterstützte, wollte mich in der DDR legalisieren; diesen Plan hat er verfolgt. Es wäre für ihn leicht gewesen, meine Manuskripte über die Grenze zu schmuggeln, aber er wollte mich nicht im Stasiknast sehen, solche Betreuungsfälle hatte er genug. Und ich hatte weder Funktionärseltern noch eine schützende Szene - die Stasi hätte mich schnell fertiggemacht.

Erinnern Sie sich an die Nacht des 9. November?

Wir hatten ein Gastspiel des Akademietheaters Moskau, das Stück dauerte fünf Stunden, und ich saß am Beleuchterpult und konnte nicht weg. Man hatte die Unruhe schon seit Wochen gespürt und alle drängten sich um das Radio in der Kantine - die Stimmung erinnerte an die Erzählungen meiner Eltern aus dem Krieg, wie sie im Bunker saßen und Meldungen über Luftangriffe im Radio verfolgten. Die Situation war so aufgeladen, etwas musste passieren, alle haben mit dem Schlimmsten gerechnet. Als der dritte Teil des Stückes lief, kam der russische Beleuchtungsmeister - er hieß nicht nur Iwan, sondern sah, groß und mit Vollbart, auch genau so aus, legte mir die Hand auf die Schulter und sagte in brüchigem Deutsch: "Siestdu, jetzt kannst auch du in den Westen." Dass mir ein Russe das mitteilte, finde ich bis heute hochkomisch. - Bewirkt haben das aber nicht die Demonstranten, die würden heute noch demonstrieren, sondern die, die weggelaufen sind. Die Zehntausende, die, für alle Welt sichtbar, über fremde Länder und Botschaften aus dem Land flohen und die Regierung so erpressbar machten. Eine merkwürdige Vorstellung von Revolution, als hätten die Menschen 1789 nicht die Bastille gestürmt, sondern wären weggelaufen! Nur eines haben die Demonstranten fertiggebracht: die Gewaltbereitschaft des Regimes zu ersticken mit dieser Mischung aus Demo und Gebet.

Welche Rolle hat diese Grenze in der Psyche der Menschen gespielt?

Dieses ganze Berlin funktionierte wie zwei konkurrierende Schaufenster, wie Werbespots für zwei Systemprodukte - wobei paradoxerweise das subventionierte West-Berlin der einzige Ort war, an dem Sozialismus wirklich funktionierte! Ohne auf Zwecke oder Rentabilität zu schauen, wurde Geld hineingepumpt - als ob ein Garten mit dem Schlauch bewässert würde. Das verstärkte die Verführung, von der Ostseite aus alle Hoffnungen auf den Westen zu projizieren und jedes private Desaster mit der Mauer zu begründen. Aber wenn Maler und Schriftsteller, die sich ästhetisch von der DDR distanzierten, meinten, sie gehörten damit zur anderen Seite, irrten sie sich. Im Westen brauchte man sie nicht und sie waren auch durch ihren Werdegang dafür ungeeignet. Es gab natürlich prominente Künstler, vom Schriftsteller bis zum Rockmusiker, die sich auf den freien Markt bestens vorbereitet hatten. - Als die Mauer sich hob wie ein Theatervorhang, rieben wir uns verwundert die Augen, weil auf der Westseite eine Verweigerungshaltung im Wesentlichen die gleichen Folgen hatte wie auf der Ostseite. So sind für mich die Bindungen und Trennungen zu sehen, Biographisches ist zweitrangig. Schon kurios, wie überschwänglich DDR-Kunst vor dem Mauerfall gefeiert wurde - so viel Liebe konnte es doch gar nicht geben.

Interview: Nicole Henneberg

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Dokument erstellt am 03.11.2009 um 15:37:03 Uhr
Letzte Änderung am 04.11.2009 um 14:54:06 Uhr
Erscheinungsdatum 03.11.2009 | Ausgabe: d
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