Sein Verhältnis zu Wagner sei kompliziert und ungelöst, hatte Barrie Kosky im Spielzeitmagazin der Staatsoper Hannover zu Protokoll gegeben. Stimmt, könnte man nach seinem "Rheingold" sagen. Leider, müsste man anfügen. Nun ist das Rheingold ja nur der Vorabend und macht von der Dauer nicht mal ein Viertel der Tetralogie aus. Es ist also längst nicht aller Ring-Tage Abend.
In Hannover setzt man - wie u.a. gerade in Wien, Hamburg und demnächst auch in Frankfurt - auf eine Ring-Handschrift. Anders in Essen. Dort folgt die Aalto-Oper der einst in Stuttgart exemplarisch gelungenen Pars-pro-toto Methode, bei der vier Regisseure die Perspektiven ihrer Teil-Interpretation frei wählen können. Auch da ist Kosky mit einer "Götterdämmerung" dabei.
In Hannover aber bleibt "Das Rheingold" die Exposition für ein großes Ganzes. Auch wenn man das übermütig Leichte betont, das der Ringauftakt ja hat und dabei auf eine Collage von Bildern setzt. So, wie es der designierte Intendant der Komischen Oper jetzt gemacht hat, erfährt man allerdings mehr über seine, oft erfrischend zwischen die alten Stoffe fahrende Handschrift, als über das Woher und Wohin von Wotans Sippe.
Der Einzug der Götter in die neu gebaute Burg gerät ihm jedenfalls zu einem Abgang in die pure Finsternis. Sie werden einfach von der Dunkelheit, die den im Ungefähren schwebenden Bühnenkasten von Klaus Grünberg umgibt, verschluckt. Während Loge zur Rampe hin aussteigt und die Rheintöchter ins Off verbannt bleiben.
Das, obwohl sie für einen witzigen Auftakt gesorgt hatten. Da schauen sie nämlich übereinander durch den Schlitz des noch geschlossenen Vorhangs. Überhaupt sitzt das erste Bild. Weil es opulent ist und schräg mit Klischees spielt. Der Raub des Rheingoldes ist hier nämlich eine flotte Revue im Stile der Zwanziger.
Vater Rhein zeigt jede Menge Frauen-Bein auf der Showtreppe und wogt und wellt mit weißen Riesenfedern. Ein schwarz angemalter Alberich raubt eine gülden angemalte, nackte Schönheit namens Rheingold. Doch wischt der sich den Bühnen-Klischee-Neger der Roaring Twenties dann aus dem Gesicht, steigt vom Anzug aufs Prekariats-T-Shirt um und verfrachtet seine Beute in einen schnöden Pappkarton. In solchen Kisten schleppen später die Nibelungen Modeschmuck und Tücher-Ramsch an, um Freia (Arantxa Armentia) auszulösen.
Produziert haben sie den Ramsch in einem Nibelheim, das zusammengewürfelt ist aus Industrie-Nachtseiten-Klischees. Zwischen Nähmaschinen und Heizungsrohren flackern Displays und in einer Retorte atmet eine undefinierbare Fleischmasse. Hier wird ein wuselnder Mime (Torsten Hofmann) mit Kippa vergewaltigt, und der Riesenwurm zur Masturbationsfantasie.
Dieses Spiel mit vermeintlichen Tabus bleibt seltsam matt und beliebig, weil es Teil einer Collage ist und keine, zumindest bislang, erkennbaren Folgen fürs Ganze hat. Zum Finale vertauschen diese Freizeit-Götter ihre Badesachen mit Abendgarderobe und genehmigen sich ein Gläschen Schampus. Musikalische Vorlagen für die szenische Phantasie wie den Regenbogen lässt sich Kosky entgehen. Auch nach Nibelheim und zurück geht´s nur hinter geschlossenem Vorhang.
Problematischer als diese, mal mehr, mal weniger triftigen Bilder ist jedoch Koskys Misstrauen gegenüber dem gesungenen Wort. Natürlich ist Erdas wankender Auftritt als nackte Greisin eindrucksvoll. Aber dabei bleibt die Sängerin der großen Warnung vor dem Ende (Okka von der Damerau) ins Off verbannt. Da bleibt nicht nur die Frage, wie unter diesen personellen Voraussetzungen denn die Walküren gezeugt werden sollen. Vor allem seinen Alberich treibt Kosky in ein so exzessiv stöhnendes und ächzendes Überdruckspiel, dass es ihn fast aus der Rolle trägt. Leider kann oder will Stefan Adam dem keinen Widerstand entgegensetzten.
Überhaupt ist das Niveau an diesem Abend eher mittelprächtig. Wobei Renatus Mészár, als Einspringer (für den erkrankt, anfangs in Badehose spielenden Tobias Schabel), von der Seite einen soliden Wotan beisteuert. Auch Khatuna Mikaberidze vermag als Fricka wenigstens ihre vokale Leuchtkraft, wenn auch etwas eigenwillig, vorzuführen. Robert Künzli ist ein wendiger, schmieriger Loge. Und Albert Pesendorfer (Fasolt) und Young Myoung Kwon (Fafner) machen aus ihrem Riesen-Duo stimmlich das Beste.
Enttäuschender freilich als die mit Effekten aufgepeppte szenische Collage Koskys ist das Niedersächsische Staatsorchester unter Wolfgang Bozic. Die Anfangspatzer der Bläser leiteten einen Abend ein, der unausgeglichen blieb und zwischen diffus und überlaut changierte. Dafür musste er kräftige Buhs einstecken.
Staatsoper Hannover: 17., 19., 28. Nov., www.staatstheater-hannover.de

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