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Kino aus Kasachstan

Schönheit aus Trotz

Von Daniel Kothenschulte

Wenn man erst mal da ist, will man gar nicht mehr weg. Vorausgesetzt man lässt sich überhaupt ein auf diese Einladung in die Steppe von Kasachstan. Oder besser gesagt in einen Film, der in dieser urtümlichen Weite spielt, aber doch zugleich eine magische und merkwürdige Beziehung zu ihr entwickelt.

Die Zeit mag eine andere Ausdehnung haben in der Welt dieser Schafhirten, aber lang wird sie uns nicht. Vom ersten Augenblick an entwickelt der Film "Tulpan" einen eigentümlichen Sog. Gerade so als saugte uns der staubige Wüstenwind persönlich in jenes Nomadenzelt, in dem sich ein Mädchen hinter einem Vorhang versteckt.

Tulpan, was auch an der kasachischen Sprache die holländische Nationalblume meint, ist die umworbene Flamme eines jungen Schafhirten. Der junge Mann würde ihr aber wohl auch den Hof machen, wenn sie Distel hieße und so aussähe. Denn ohne Braut kriegt er von seiner Sippe keine eigene Herde und wird nie erwachsen. Und Tulpan ist die einzige Kandidatin weit und breit.


Aber man will diese einfache Geschichte gar nicht wissen, denn "Tulpan" ist nicht die Sorte Film, die uns eine allgemein-menschliche Geschichte an einem Ort erzählt, den man lieber aus der staubfreien Sicherheit eines Kinosessels betrachtet. Es gibt keine aufgesetzte Romantik und keine aufgesetzte Schönheit. Es gibt keine Postkartenbilder und keinen Ethno-Soundtrack auf CD.

Vielleicht liegt es daran, dass diese Einladung tatsächlich aus Kasachstan kommt und nicht von einem Filmemacher, der aus einer europäischen Metropole dorthin aufgebrochen ist, um eine archaisch anmutende Geschichte an einen archaischen Ort zu tragen.

"Tulpan" ist der erste Spielfilm eines kasachischen Dokumentarfilmers namens Sergey Dvortsevoy. Es klebt also eine kasachische Briefmarke auf dieser Einladung. Und wer sich traut, fremde Leute in seine provinzielle Heimat einzuladen, muss ja bei der Wahrheit bleiben. Etwas ist anders an diesem Film als in früheren Programmkinoerfolgen mit ihren weinenden Kamelen und gelben Hunden. Es gibt da zwar ebenfalls eine Menge Tiere, aber machen wir uns nichts vor: Ein Schaf sieht aus wie das andere. Und gerade weil diesmal kein Mythos darum aufgebaut wird, geht die Beziehung zwischen Mensch und Tier zu Herzen und unter die Haut.

Der Film

Tulpan, Regie: Sergei Dvortsevoy, D/CH/R/ P/Kasachstan 2008, 90 Minuten.
In einer der stärksten Szenen wird ein Schaf geboren und mit verzweifeltem Einsatz und reichlich Körperwärme am Leben gehalten. In der Welt der Hirten ist das sicher eine Normalität, so alltäglich, dass sich kein Westregisseur lange mit ihr aufgehalten hätte. Bei der Premiere in Cannes indes elektrisierte dieses alltägliche Wunder einen ganzen Kinosaal. So etwas gelingt nicht allein, weil etwas authentisch wirkt. Es gelingt, wenn Wahrheit und Dichtung gleichzeitig passieren.

Der Film ist mit der Handkamera gedreht - aber nicht mit der Wackelkamera. So wie man ein Baby ja auch in der Hand hält und nicht absichtsvoll dabei wackelt. Merkwürdig, dass man das im Kino heute immer dazu sagen muss. Und er ist auf Film gedreht und nicht auf Video, weil man Babies ja auch keine Dosenmilch zu trinken gibt. Manchmal erfasst die geniale Kamerafrau Jolanta Dylewska gleich mehrere Stimmungswechsel in einer Einstellung, etwa wenn sie den jungen Bauern auf seiner Flucht aus dem Zelt begleitet, in dem die Frauen schon mal ein Volkslied zuviel singen. Der Mann hört lieber Boney M., wofür man ihn nicht bewundern muss, wohl aber für seine Leistung als unvorbereiteter Geburtshelfer.

Dieser erstaunliche Film ist auf die gleiche Art faszinierend wie Robert Flahertys Stummfilm "Nanuk, der Eskimo", wenn er eine ferne Kultur allein durch die Sprache von Blicken und Gesten in die nächste Nähe holt. Dass man sich nicht verloren fühlt in der endlosen Steppe, 500 Kilometer entfernt von der nächsten Stadt, liegt an der Wahrung zweier Konstanten: Der starken emotionalen Linie und der Sicherheit der Haltung, was in Bezug auf die Kamera wie gesagt wörtlich gemeint ist.

Die Schönheit die dieser Film entwickelt, entsteht manchmal fast aus Trotz: Wenn statt orchestraler Filmmusik ein kleines Mädchen immer wieder ihren liebsten Ohrwurm singt, liegt darin keine aufgesetzte Urtümlichkeit. In der Geschichte hat ihr genervter Opa längst die Singerei verboten, so singt das Mädchen halb aus Spaß und halb, um ihn zu provozieren. Auch der junge Schafhirte verliebt sich irgendwann aus Trotz in Tulpan, die es ihm so schrecklich schwer macht. Und eine Landschaft, die einem das Leben derart schwer macht wie den kasachischen Hirten, muss einfach atemberaubend schön sein. Ihr bleibt gar nichts anderes übrig.


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Dokument erstellt am 02.12.2009 um 11:17:02 Uhr
Letzte Änderung am 02.12.2009 um 17:45:24 Uhr
Erscheinungsdatum 02.12.2009 | Ausgabe: d
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