Was bedeutet es, wenn Autonome in Hamburg ein Kino blockieren, in dem Claude Lanzmann seinen Film "Warum Israel?" vorstellen möchte? Wie erklären wir, dass das Existenzrecht Israels von 13 Prozent der deutschen Bevölkerung in Frage gestellt wird, während es unter den Anhängern der Linkspartei 28 Prozent sind? Wie konnte sich der Antisemitismus aus seiner rechten Lagerbindung lösen und nach links ausdehnen, wo er sich heute hinter den Unschuldsmasken von Antirassismus, Antiimperialismus oder Globalisierungskritik verbirgt?
Der auffällige Gestaltwandel eines Ressentiments gehörte zu einer Vielfalt zeitdiagnostischer Befunde, die auf einem Kongress zur "Rückkehr der Gesellschaftstheorie" an der Frankfurter Universität diskutiert wurden. Eingeladen hatten drei renommierte Institute, die interdisziplinäre Sozialforschung aus dem Geiste der Kritik betreiben, freilich mit je eigenen Schlüsselbegriffen, Theorieansätzen und Forschungsprojekten.
Niemand strebe nach Diskurshoheit, beteuerte zu Beginn der gastgebende Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, Axel Honneth. Und so sah es zunächst aus. Ulrich Beck vom Münchener Sonderforschungsbereich "Reflexive Modernisierung" setzte auf eine "kosmopolitische Wende" und plädierte für eine "Deprovinzialisierung" der eigenen Gesellschaftstheorie. In einer zusammenwachsenden Welt seien die unterschiedlichen Modernisierungswege und Individualisierungspfade jedoch räumlich wie zeitlich so miteinander verbunden, dass die ungerechte Verteilung der Vorteile und Lasten offenkundig werde. Deshalb könne nur im Streit über die intendierten Wirkungen und unintendierten Nebenfolgen kapitalistischer Modernisierung eine Weltrisikogesellschaft mit einem globalen Imperativ entstehen: Wenn wir nicht kooperieren, versagen wir.
Anders Jan Philip Reemtsma, Leiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung, der die körperbezogene Gewalt zum Ausgangspunkt seiner Modernetheorie nahm. In der Rhetorik des Zivilisationsauftrags lasse sich Gewalt nur noch als Notwehr oder als staatliches Gewaltmonopol zur Abwehr privater Gewalt rechtfertigen. Allerdings hätten zwei Gegenrhetoriken die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts geprägt. Die kommunistische Revolutionsrhetorik entlarve die moderne Gewaltabstinenz als Schwindel der Starken, um die Schwachen von der legitimen Ausübung revolutionärer Gewalt abzuhalten. Die Gewaltrhetorik des Nationalsozialismus denunziere den Zivilisationsauftrag dagegen als Trick der Schwachen, um das Kollektiv der Starken daran zu hindern, im Medium der Gewalt seine Herrschaft zu entfalten. Ausgehend von ihrer Phänomenologie müsse man Gewalt als soziales Handeln begreifen, das über die Täter-Opfer-Beziehung hinaus auf einen Dritten verweist, der als Zeuge zum Adressaten gewaltkommunikativer Botschaften wird.
Axel Honneth ging stattdessen von Sozialkonflikten aus, die als Anerkennungskämpfe gesellschaftlicher Gruppen, die sich über fehlende Achtungskompensationen für erbrachte Leistungen moralisch empörten, zu deuten seien. Der neoliberale Strukturwandel habe aber ganze Bevölkerungsteile aus den sozialen Arenen der Anerkennung ausgeschlossen. Deswegen "verwilderten" Konflikte um Anerkennung, die im klassischen Kapitalismus normativ und symbolisch geordnet verlaufen wären. Die Ausgeschlossenen verlangten kompensatorischem Respekt bloß noch in Gestalt von leerer Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit, etwa in "Augenblicken einer obszönen Präsenz in den Medien". Doch auch bei den Gewinnern des Neoliberalismus zeigten sich Tendenzen zur Verwilderung, indem sie nämlich allgemeingültige Regeln in den Anerkennungssphären der Ökonomie und des Rechts zum eigenen Vorteil umdeuteten.
Hatte das Eröffnungspodium noch friedliche Koexistenz zwischen konkurrierenden Theorieangeboten signalisiert, begann es zu knistern, als Martin Dornes seine These vom Wandel der seelischen Struktur als ambivalentes Ergebnis aufgeklärt-liberaler Erziehung vorstellte: die "postheroische" oder "postautoritäre" Psyche sei offener, lebendiger, flexibler - aber gerade deshalb womöglich auch störanfälliger. Zeitdiagnostik in der Frankfurter Tradition der Sozialcharaktertheorie, hielt man ihm entgegen, sei wissenschaftlich veraltet, soziokulturell ausgrenzend und theoriearchitektonisch einfach out. Der anschwellende Streit erreichte seinen Höhepunkt auf dem Abschlusspodium, wo miteinander Tacheles geredet wurde. Der "Frankfurter" Sighard Neckel geißelte die strukturelle "Refeudalisierung" der kapitalistischen Ökonomie. Der "Hamburger" Heinz Bude rief dazu auf, das "gefährliche" - durch den Kommunismus kontaminierte und durch die Kontamination des Finanzkapitalismus nur scheinbar entgiftete - Erbe von Karl Marx auszuschlagen. Und der "Münchener" Wolfgang Bonß akzentuierte Unterschiede zwischen den Modernetheorien.
Auf einmal ging es um neuen Klassenkampf oder Paradoxien der Moderne jenseits der Klassengesellschaft. Um Freiheit oder Gleichheit. Um Affirmation oder Kritik. Um Entscheidungen. Ein Raunen ging durchs Publikum: Die Gesellschaftstheorie war zurückgekehrt.

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