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Nobelpreisträger J. M. Coetzee zum 70.

Der Schriftsteller als toter Mann

Von Judith von Sternburg

Seinem neuen Buch zufolge, das kürzlich auf Englisch erschien und übermorgen auf Deutsch bei S. Fischer herauskommt, hätte der in Kapstadt geborene Schriftsteller J. M. Coetzee seinen 70. Geburtstag am heutigen Dienstag nicht mehr erlebt.

Denn in dem Roman "Summertime" (in der Übersetzung von Reinhild Böhnke wird der Titel "Sommer des Lebens" lauten) verhält es sich folgendermaßen: Ein bekannter Autor namens John Coetzee, der Bücher wie "Dusklands", "Mr. Cruso, Mrs. Barton und Mr. Foe" oder "Schande" geschrieben hat, ist verstorben.

Ein junger Brite will eine Biografie über ihn schreiben. Er unternimmt also just das, was der keinesfalls auskunftsfreudige J. M. Coetzee seit Jahrzehnten unterläuft. Dabei geht es dem jungen Mann speziell um die 70er Jahre - so dass "Summertime" sich wie von ungefähr zeitlich an "Ein Junge" und "Die jungen Jahre" anschließt, die ersten Teile seiner fiktiven Autobiografie, mit der Coetzee 1997 begann.

Das Buch

Am 11. Februar erscheint "Summertime" auf Deutsch: "Sommer des Lebens", aus dem Engl. von Reinhild Böhnke, S. Fischer, 296 S., 19,95 Euro.
Seinem Biografen in spe liegen Notizen John Coetzees vor. Auch hat er fünf Personen gefunden, die den Autor kannten und in Interviews Auskunft geben. Virtuos schildert wiederum J. M. Coetzee die Gesprächssituationen. Wem je ein Interview misslang, weiß, was der junge Mann allerdings stoisch erleidet.

Als Liebhaber eine Niete


Unter den Interviewten ist eine Frau, die eine Affäre mit John hatte, deren Hauptfolge die kurzzeitige sexuelle Neuentflammung ihrer Ehe war. Oder seine Lieblingscousine, mit der er nach einer Autopanne eine Nacht in der Wüste verbrachte. Es erstaunt sie bis heute, dass sie ihn nicht im geringsten begehrte. Oder eine brasilianische Tänzerin, die Coetzee attestiert, ein unattraktiver Mann und miserabler Tänzer zu sein.

Denn was sich schon in "Die jungen Jahre" zeigte, nimmt hier Schwung: John Coetzee war den Zeugen zufolge als Liebhaber ein Tropf und eine Niete. Und kein besonders guter Englischlehrer. Und der einzigen Zeugin, die schon seinerzeit ein Buch von ihm gelesen hat, kam es ziemlich langweilig vor. Im Rückblick sagt sie: Das müsse man sich einmal vorstellen, ein Mann, der völlig beziehungsunfähig sei und über intimste Erfahrungen schreibe.

Was er mit seinem Leben anfangen will, ist den Befragten weitgehend unklar. Die Art, wie er mit seinem Vater zusammen in einem heruntergekommenen Häuschen wohnt, wirkt auf sie erbärmlich. Das Herunterputzen ist ein Lesespaß, dem wenig Selbstquälerisches und viel Selbstironisches anhaftet (wie es eines weltweit erfolgreichen Schriftstellers würdig ist). Er sei nicht dafür gemacht, ein reicher und erfolgreicher Autor zu sein, sagt er selbst. Die Tänzerin empfiehlt dem Biografen als Buchtitel: Der hölzerne Mann.

Protest gegen die Apartheid


Zugleich geht John Coetzee eher eigenwillig als verzweifelt durchs Leben. Dass er das Haus vorm Verschimmeln retten will, ist seine Art, gegen die Apartheid aufzubegehren: Weiße Südafrikaner verrichten keine harte körperliche Arbeit. Dass seine Umgebung ihn nicht versteht, heißt nicht, dass er nicht längst seinen eigenen Weg geht. Ein "Aleenlooper", heißt es einmal in dem mit Afrikaans durchsetzten Buch.

Je gebildeter die Gesprächspartner des Biografen sind, desto mehr wundern sie sich darüber, dass dieser Coetzees Werk zu Gunsten mühsamer Fakten-Zusammenklauberei beiseite lässt. "Summertime" macht deutlich, dass man mit biografischen Angaben als solchen gar nicht weiter kommt. Aber dass die trickreiche Beschäftigung damit zu einem reizvollen Roman führen kann.

Bald fängt man an, sich für den zunehmend facettenreicheren John zu interessieren. Auch liest man im Jahr der WM in Südafrika erneut mit verschärftem Interesse vom Alltag in der Apartheid, die bei J. M. Coetzee stets auch als psychologische Katastrophe auftritt. Sie besteht aus zahllosen Kleinigkeiten. Eine Frau erzählt, wie ihre Mutter bei einem Krankentransport von Schwarzen vorzüglich betreut wird, mit denen die Frau aber nicht einmal ein Café aufsuchen kann. Die Schwarzen haben selbstverständlich eine Thermoskanne dabei.

Auch weil die Interviewten nach Menschen- und Romanfigurenart abschweifen in ihr eigenes Leben, zeigt sich wieder, dass aus dem Biografischen (oder Gelogenen) allen Einwänden zum Trotz die wahrste, kühnste und unterhaltsamste Literatur entsteht.

Einmal nicht von der Erleichterung zu reden, dass J. M. Coetzee, der seit 2002 in Adelaide/Australien lebende Nobelpreisträger für Literatur, hoffentlich wohlauf ist und seinen Geburtstag verbringen kann ganz so, wie es ihm behagt. Das Werk seines wackeren Biografen übrigens wäre vermutlich ein Fiasko geworden. Coetzee erspart die Fertigstellung ihm und uns und lässt ihn als Nebenfigur eines Romans letztlich großmütig in Ruhe.


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Dokument erstellt am 08.02.2010 um 16:52:17 Uhr
Letzte Änderung am 08.02.2010 um 17:20:38 Uhr
Erscheinungsdatum 09.02.2010 | Ausgabe: d
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