Wirklich hell wird es auf der Bühne nie. Oft sind nur die Konturen der Menschen erkennbar, die sie bevölkern. Wie in einem Scherenschnitt heben sie sich ab vor einem schwach beleuchteten Hintergrund. Manchmal bleibt es zappenduster. Dann durchbrechen ihre nervösen Stimmen die Dunkelheit. Sie pokern um das Wenige, das ihnen geblieben ist. Sie feilschen und tricksen und gurren und quengeln. Ihr Leben ist Verhandlungsmasse. Gibst du mir, dann gebe ich dir.
"Quai West" heißt das verstörende Stück, das der französische Autor Bernard Marie Koltès Mitte der Achtziger auf die Bühne gestemmt hat. Ein Stück wie ein Meteorit, der aus der Dunkelheit kommt. Für einen Moment erleuchtet er die Gesichter der Kreaturen am Einschlagsort. Dann herrscht wieder die große Finsternis. Altmeisterin Andrea Breth hat diesen Brocken jetzt am Wiener Burgtheater aufgeführt - und damit dem Theater eine kleine, dunkle Sternstunde geschenkt.
Mit einem Schattenspiel fängt es an. Ein Mann liegt auf dem Boden, seine zitternde Hand in die Höhe gereckt. Ein anderer nähert sich ihm - und bedeckt ihn mit seinem eigenen Jackett. Den Wärmegrad dieses Bildes wird der Abend in den drei folgenden Stunden nicht mehr erreichen. Du Nutte, sagt die Mutter zu ihrer Tochter. Du Trottel, der Sohn zu seinem Vater. Im Hintergrund rinnt Wasser über die kalten Milchglasfenster, und angesichts der zwischenmenschlichen Temperaturen, die in Erich Wonders apokalyptischem Bühnenbild herrschen, wundert man sich, dass es nicht gefriert.
Ein riesiges Rohr hängt von der Decke. Stahlwände ragen in die Höhe. Auf dem Boden sind Pflastersteine aufgehäuft. Diese Welt kennt nur einen Farbton, und der ist Grau. Manchmal laufen die Menschen wie Ratten über die Bühne und verschwinden dann in ihren Löchern. Wittern sie eine Möglichkeit, ihrer Tristesse zu entkommen, dann verbeißen sie sich in ihr.
Die Möglichkeit hört an diesem Abend auf den Namen Maurice. Ein Banker im Dreiteiler, der zusammen mit seiner nervösen Assistentin (Andrea Clausen) Monique im Jaguar in diese abgehalfterte Gegend in den Docks von Manhattan gekommen ist, um sich zu ersäufen. Am Arm trägt er eine Rolex, in der Hosentasche hat er ein goldenes Feuerzeug. Acht Millionen, sagt er, habe er veruntreut. Das Geld von einem Orden. Es sei ihm egal, wenn seine Reputation den Bach runter gehe, nur vor dem Sturz ins Wasser, vor dem habe er Angst. Früher hat er sich die Taschen mit Geld voll gestopft, jetzt mit Pflastersteinen. Damit seine Leiche am Boden des Flusses bleibe. Wie die Ehrenmänner aus dem Fernsehen, die uns in den vergangenen Monaten wieder und wieder ihre Unschuld vorgekaukelt haben, ist Maurice im Moment des Untergangs gefasst und klar. Sven-Eric Bechtolf hat aus Maurice eine gespenstisch aktuelle Figur gemacht. Ein schnarrender Zyniker, der seinen Tod wie die Abwicklung eines Unternehmens verhandelt, und die Kreaturen, auf die er in der dunklen Gegend trifft, verhöhnt.
Der Wert einer Kreditkarte sagt ihnen nämlich nichts. Sie tauschen nur reale Werte, menschliche Beziehungen sind Teil des Geschäfts. Was in der Welt jenseits des Flusses durch die Blume gesagt wird, hier wird es direkt ausgesprochen. Am schlechtesten beherrscht das Spiel die junge Claire. Sie bietet auf dem dunklen Markt des Quai West ihre Unschuld feil. Sie will kein goldenes Feuerzeug dafür, sondern nur einen Moment Liebe. Das ist aber in diesem System nicht vorgesehen. Wie Nicholas Ofczarek als ihr schnoddriger Gegenspieler Fak und die wunderbare Merle Wasmuth das ausverhandeln, ist einer der Höhepunkte des Abends.
"Das Schlimmste, was dem Stück passieren könnte", hat Bernard-Marie Koltès geschrieben, "wäre, es sentimental und nicht lustig zu machen." Den pausenlosen Tauschhandel im Stück wohnt ein merkwürdiges Moment der Komik inne. Was man wofür bekommt, ist eine Frage, die das Leben auf seinen grotesken, surrealen Kern minimiert. Das hat die junge, zappelige Claire noch nicht verstanden, und dafür schenkt ihr Regisseurin Andrea Breth jegliche Zuneigung. Der Scherenschnitthaftigkeit des Settings stellt sie feinst ziselierte Charakterstudien gegenüber.
Die Outlaws werden auf der Bühne des Burgtheaters ganz nah herangezoomt. Unter dem dicken Staubmantel des Vaters (Hans-Michael Rehberg) entdeckt die Breth einen wahnwitzigen Alten samt Kalaschnikow, der seine Umgebung seit Jahrzehnten narrt. Unter der schwarzen Perücke der Mutter (Elisabeth Orth) ist eine geifernde Zukurzgekommene, die vom Land ihrer Herkunft träumt. Was sollen wir hier, inmitten von Wilden, fragt sie ihren Sohn Charles (Phillip Hauß), und kehrt damit den Spieß um, wer denn hier bitte zivilisiert und wer barbarisch sei. Es sind die Schattierungen, die in der Hell-Dunkel-Malerei auf der Bühne des Burgtheaters immer weiter in den Vordergrund treten.
Nur am Ende, da gleitet das Stück ab: Zur Lichtgestalt wird die einzig farbige Figur des Stücks, der stumme Abad (Maynard Eziashi). Er stimmt ein afrikanisches Lied an und richtet die Kalaschnikow auf Maurice und Charles. Die Sentimentalität, gegen die sich Koltès so wehrte, bringt der Autor schlussendlich selbst ins Spiel. Schwarze haben in seinen Stücken immer symbolisch aufgeladene, sich nahe am Kitsch befindliche Rollen. Das ist in "Quai West" nicht anders. Der Wucht dieser Inszenierung tut das aber keinen Abbruch.
Burgtheater Wien: 12., 26., 28. Februar. www.burgtheater.at


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