Walsers neuer Roman ist nicht sein erster "Goethe", doch ein revidierter. Das Eckermann-Stück "In Goethes Hand", 1982, galt damals nicht nur den Denkmalshütern als Herabwürdigung des Dichterfürsten. Goethe wurde von Walser als Arbeitgeber vorgeführt, seine Humanität als Leerformel decouvriert. Diese Zeiten, in denen er, Walser, so "borniert" war, habe er hinter sich, sagt er jetzt. Damals habe er Goethe noch verübelt, wie er mit Kleist und Hölderlin, mit Jean Paul und sogar mit Schiller umgegangen sei. Jetzt empfinde er Verehrung. Selbst Eckermann, sagt er, habe doch von Goethe profitiert. Walser hat auch einige Aufsätze über Goethe geschrieben. Der neue Stoff hat also lange in ihm gearbeitet. Aber nicht deshalb ist dieser Roman auch sein schönster geworden: diskret und zart, erfüllt - von Liebe, in einem umfassenden Verständnis.
Sartre hatte einst "Der Idiot der Familie" geschrieben, eine Art von Flaubert-Biographie, fünf Bände und etwa viertausend Seiten, nur um herauszufinden, wie Flaubert seine "Madame Bovary" schreiben konnte. Er ist daran gescheitert. Walser hat jetzt seinen Goethe-Roman "Ein liebender Mann" geschrieben, kaum dreihundert Seiten, um herauszufinden, wie es zu einem der Gedicht-Höhepunkte deutscher Sprache kommen konnte, zur "Marienbader Elegie". Ihm es ist gelungen.
Das Risiko war groß. Alter und Liebe, die Gefahr dabei ins Peinliche abzurutschen, ist beträchtlich, die Versuchung, sich mit Tricks zu behelfen, evident. Ob Thomas Mann seinem Idol Goethe mit der "Lotte im Weimar", und das heißt auch mit einem ironischen Zugang, gerecht geworden ist, darüber ließe sich streiten. An solchem Maß muss Walser gemessen werden. Dabei hat er sich auf seine alte Methode verlassen: in seine Figuren hineinzukriechen. Der Kritiker Peter Hamm hatte einmal an der erfolgreichen Hölderlin-Biographie von Peter Härtling moniert, dass ein inkommensurables Genie, Friedrich Hölderlin, zum kleinen Fritz verkümmere, also zu einer Figur wie du und ich werde. Dieser Gefahr entgeht Walser.
Was Humboldt der "Marienbader Elegie" attestiert, gilt auch für Walsers Roman: "Diese Jugendlichkeit des Gefühls. Diese Geistes- und Phantasiestärke. Diese Lebenskraft. Diese wirklich himmlischen Verse. Diese ergreifende Leidenschaft." Es gebe, meinte Humboldt (die Aussage ist verbürgt), nichts Höheres, "als ein Gefühl ganz als Poesie vorzutragen". Das ist Walser gelungen. Mit Ulrikes Worten gesagt: "Wenn die Seelen einander nicht küssen, sind die Münder tot."
Vielleicht ist Martin Walser der letzte große Platoniker unserer Tage. Ein Mann, der unbeirrt an die ewige Kraft des Eros glaubt; die Liebe, die alles bewegt und auch vom Alter nicht zu besiegen ist. Sein Liebesroman spielt in der Vergangenheit. Er handelt von der Gegenwart. Denn Walsers Lebensthema, der Kampf um Anerkennung, verbindet sich hier mit den Motiven der Liebe und des Alters. Vieles bleibt in der Schwebe. Nur der letzte Satz scheint eindeutig. "Als er aufwachte, hatte er sein Teil in der Hand, und das war steif. Da wusste er, von wem er geträumt hatte." Wer so, nicht nur im Alter, träumt, hält bereits ein Stück Unsterblichkeit in der Hand.


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