stellen
auto
immobilien
marktplatz
inserieren
Kultur & Medien
10. Februar 2010
Anzeigenmarkt | Zeitungsanzeige aufgeben | Abo-Angebote

In- & Ausland
Frankfurt & Hessen
Marktplatz
Verlagsservice
ANZEIGE
Die FR auch bei
Feuilleton

"edition unseld"

Die Mondflüge der Philosophie

VON CHRISTIAN SCHLÜTER

Lange Zeit hielt sich das Ideal des Universalgelehrten. Doch irgendwann im 19. Jahrhundert war es mit dieser Herrlichkeit vorbei. Das Wissen teilte sich in viele, alsbald unübersichtlich viele Bereiche. Natur- und Geisteswissenschaften traten einander gegenüber und entfremdeten sich zunehmend. Ein Kampf um die Deutungshoheit entbrannte. Der Philosoph Wilhelm Dilthey schließlich brachte 1883 die Unterscheidung in Umlauf, dass Naturwissenschaften uns für die Welt des Beobachtbaren nur abstrakt-gesetzesförmige Erklärungen liefern könnten, die Geisteswissenschaften uns aber das tiefere, nachempfindende Verstehen des lebendigen Menschen, seiner Kultur und Geschichte erlaubten.

Bis heute wirkt dieser letzte Vorbehalt des "Geistes" als Unbehagen angesichts der technisch-wissenschaftlichen Welt fort. 1959 prägte der englische Physiker und Schriftsteller Charles Percy Snow den Begriff von den "zwei Kulturen" und beklagte, dass zwischen ihnen, zwischen den Geistes- und Naturwissenschaftlern nur noch Sprachlosigkeit herrsche - was uns daran hindere, die großen Probleme unserer Welt zu lösen. Eine "dritte Kultur" musste also her, und tatsächlich veröffentlichte der amerikanische Literaturagent John Brockman 1995 unter diesem Titel ein Buch, das allerdings vor allem Naturwissenschaftlern die Gelegenheit gab, ganz selbstbewusst für ihre naturalistische Sicht der Dinge zu werben (www.edge.org).

2008 kommt nun der Suhrkamp Verlag ins Spiel und legt mit der "edition unseld" eine neue Verlagsreihe vor, die ebenfalls für eine "dritte Kultur" werben möchte. Auch hier soll nach Wegen aus den "Sackgassen des 19. Jahrhunderts" gesucht werden. Anders als Brockman und seine Edge Foundation, deren Vermittlungsarbeit sich auf naturwissenschaftliche Abhandlungen in allgemeinverständlicher Sprache beschränken, verspricht Suhrkamp jedoch, den verlorenen Gesprächsfaden zwischen den "zwei Kulturen" wieder aufnehmen. Doch sind die Geisteswissenschaften nach dem weltweiten Siegeszug naturalistischer Welterklärungsmodelle überhaupt noch ernstzunehmende Gesprächspartner?

Der Name Suhrkamp steht, von der Belletristik einmal abgesehen, für ein geistes- und sozialwissenschaftliches Programm. Auch die vorerst acht Taschenbücher der neuen Reihe entsprechen dem üblichen Suhrkampformat. Bunt sind sie anzuschauen, nur nicht mehr, wie bei der "edition suhrkamp", in der Ordnung der Spektralfarben sortiert. Damit wird nicht mehr der Anschein eines übergreifenden Systems erweckt, einer idealistischen Sehnsucht nach dem Weltgeist oder naturkosmologischen Ganzheitsvorstellung, mithin also eines Hegelianismus, der im Hause Suhrkamp, was die kulturkritischen Veröffentlichungen angeht, eine gewisse Tradition hat.

Zur Einstimmung plädiert gleich der erste Band für einen "integrativen Pluralismus". Die amerikanische Wissenschaftstheoretikerin Sandra Mitchell möchte uns unter dem Titel "Komplexitäten" von dem Glauben befreien, "es gebe nur eine einzige wahre Vorstellung von der Welt, die deren natürliche Arten vollkommen abbilden würde". Das klingt bescheiden oder nach relativistischer Beliebigkeit, läuft aber auf den anspruchsvollen Versuch einer umfassenden, eben integrativen Theorie hinaus. Wie eine solche Theorie komplexer Wechselwirkungen aussehen könnte, verrät Mitchell allerdings nicht. Sie lässt uns mit der Aussicht allein, wir hätten uns fürs erste auf eine "tiefgreifende Unsicherheit" einzulassen.

Dass unsere Welterkenntnis nur vorläufigen Bestand hat und allein deswegen als unsicher gelten muss, dass es sogar in den Naturwissenschaften konkurrierende, je nach Betrachtungsweise und experimentell-methodischen Setting unvereinbare Wahrheiten gibt - diese Einsichten beschäftigen, um nur einmal im 19. Jahrhundert zu beginnen, die Philosophie von Edmund Husserl über Ludwig Wittgenstein und Hilary Putnam bis hin zu Donald Davidson oder Robert Brandom. Von Karl Popper, Thomas S. Kuhn oder Paul A. Feyerabend gar nicht erst zu reden… Die aus der kaleidoskopartigen Vielfalt unserer Erkenntnis- und Wahrheitsformen resultierende Unsicherheit darf mithin als Kennzeichen der nun auch schon einige Jahrhunderte alten Moderne gelten.

Nach solchen Referenzen sucht man in Mitchells Buch - beinahe - vergeblich, ein Dialog mit der geisteswissenschaftlichen Tradition findet kaum statt. Leider werden wir auch aus dem zweiten Band nicht klüger, in dem sich der Physiker und Nobelpreisträger Robert B. Laughlin mit dem "Betrug an der Wissensgesellschaft" beschäftigt: Junge, dabei begabte, zielstrebige und neugierige Forscher werden in Zeiten der komplett industrialisierten Wissenschaft und industriehörigen Politik kriminalisiert. Unsinnige Urheberrechtsregelungen - Patente auf Gene zum Beispiel - oder das Deklarieren von Forschungsergebnissen zu Geschäftsgeheimnissen erstickten die Freiheit der Forschung. Die Totalüberwachung wissenschaftlichen Arbeitens hat für Laughlin längst Orwellsche Dimensionen angenommen.

Vor allem die medial aufgescheuchte Öffentlichkeit, wie etwa die "extremen Reaktionen vieler Menschen auf Stammzellenforschung und Klonversuche" zeigen, bringe die Wissenschaft und mit ihr auch die Vernunft in Verruf. Schon beim altehrwürdigen David Hume hätte Laughlin allerdings lernen können, dass Vernunft per se weder moralisch noch unmoralisch, sondern amoralisch ist. Es bedarf somit einiger (nicht zuletzt: anthropologischer) Zusatzannahmen, um vernünftigen Wesen irgendwelche Moralpostulate als verbindliche Maximen nahezubringen. Solche Postulate entstehen aus einer Vielfalt sehr verschiedener gesellschaftlicher Interessen. Über all das aber erfahren wir bei Laughlin nichts. Er möchte nichts von der moralisch indifferenten Vernunft wissen und beharrt stattdessen auf deren - moralisch allerdings bedeutsamen - Unschuld.


1
2


Empfehlen via:    Twitter    Facebook    StudiVZ    MySpace
[ document info ]
Copyright © FR-online.de 2010
Dokument erstellt am 02.06.2008 um 17:00:02 Uhr
Letzte Änderung am 02.06.2008 um 17:26:19 Uhr
Erscheinungsdatum 03.06.2008
FR-online.de interaktiv


Neuigkeiten von den Internationalen Filmfest-spielen: Täglich Fotos, Rezensionen, Porträts.

Zur TV-Kritik

Gestern ferngesehen? Diskutieren Sie mit!

Becks Globalrundschau
Becks Globalrundschau

Ulrich Beck schreibt jeden Monat darüber, was ihm auffiel in den Medien und in der Wirklichkeit an Zahlen und Ideen.

Pfeil-Symbol Becks Globalrundschau
Lesestoff
Lesestoff

Pfeil-SymbolLiteratur-Rundschau: Mehrmals im Jahr und immer zur Buchmesse in Frankfurt und Leipzig.

Die Bestseller:
Pfeil-SymbolBelletristik Top Ten
Pfeil-SymbolSachbuch Top Ten
Kinoprogramm
Kino-Programm

Die Filmwoche: Alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

Pfeil-SymbolZum Kinoprogramm
FR Weinbar
Zum FR-Weinshop

In der FR Weinbar finden Sie eine exzellente Auswahl von über tausend Weinen, die von erfahrenen Sommeliers für Sie ausgesucht und verkostet wurden.

FR WeinbarZur FR Weinbar
Sudoku online
Sudoku online

Das Zahlenspiel, das süchtig macht!

Pfeil-SymbolHier online spielen
Der Freizeit-Planer
Terminkalender

Kino, Kunst, Konzert, Theater, Ausgehen: Nichts mehr verpassen in Frankfurt und der Region - mit dem

Pfeil-SymbolTerminkalender




Copyright © 2010 Frankfurter Rundschau
Startseite | Anzeigenmarkt | Hilfe | Politik | Wirtschaft | Frankfurt | Hessen
Sport | Fotostrecken | Kultur | Medien | Blogs | Auto
Reise | Videos | Spiele | Stellenmarkt | Kfz-Markt | Immobilien
Datenschutzerklärung | Abo-Service | Mediadaten | Kontakt | Impressum | Sitemap
realisiert von evolver media®