Das hat gedauert. Die Bemühungen, den französischen Schriftsteller Henri Thomas (1912-1993) im deutschsprachigen Raum bekannt zu machen, wirkten von Anfang an halbherzig.
Es begann mit zwei Romanen hintereinander, und diese verlegerische Großtat war auch nur dem Umstand geschuldet, dass diese zwei Romane - "John Perkins" (1960; dt.: 1961) und "Le Promontoire" (1961; dt.: 1963 als "Das Kap") - in Frankreich hintereinander mit namhaften Preisen geadelt worden waren, dem Prix Fémina für "Le Promontoire" und dem Prix Médicis für "John Perkins".
Danach, das heißt nach der eher kümmerlich verlaufenen Rezeption in Deutschland, scherte sich auch der federführende Verlag in München nicht mehr um das weitgefächerte Werk von Thomas. 1988 brachte der kleine, seit langem verschwundene Verlag S. Boettcher dann immerhin einen Band mit Erzählungen Thomas' heraus ("Die Türme von Notre Dame"), und 1999 traute sich gar der große S. Fischer Verlag aus der Reserve mit "Das Kino in der Scheune", einer Novelle, die, wohl um das finanzielle Risiko klein zu halten, gleich im Taschenbuch erschien - verlegerischer Mut sieht anders aus.
Man muss sich dabei das exorbitante Werk von Thomas vor Augen halten, das 21 Romane, zahlreiche Erzähl- und Gedichtbände sowie diverse Essaybände, Tagebücher und Autobiographisches umfasst. Überdies war Henri Thomas als eine Art kosmopolitischer Übersetzer tätig. Aus seinem Portfolio stechen Shakespeare, Melville und Faulkner hervor; desweiteren Puschkin, Tolstoi; Goethe, Stifter, Hölderlin, Brentano, Kleist, Ernst Jünger. Dass gerade Jünger in Frankreich weit vorbehaltloser rezeptiert wurde als in Deutschland, wird als ein Kuriosum erachtet, das auf die spezifisch thomassche Übersetzung zurückzuführen sei. Die Publizistin und Übersetzerin Nicole Casanova meinte zur positiven Rezeption Jüngers in Frankreich einmal: "C'est la faute d'Henri Thomas" - Henri Thomas sei daran schuld.
Henri Thomas schreibt in der Tat recht eigenwillige Romane, damit tritt man ihm nicht zu nahe. Handlung, Plot, Dramaturgie sind für ihn eher zweitrangig, es geht ihm vielmehr um Atmosphäre, Mystifikationen, Verrätselungen, überhaupt um Hintergründiges. Der Roman "Das Vorgebirge" ist insofern ein ganz typisches Werk des Franzosen.
Es ist Winter, wir befinden uns auf Korsika. Der namenlose Ich-Erzähler, der sich beruflich als Freizeit-Übersetzer eines englischen Katalogs pharmazeutischer Artikel zu erkennen gibt, verbringt zusammen mit Frau und Tochter eine Zeit auf der Mittelmeerinsel. Ebenfalls auf der Insel befindet sich der Schriftsteller Gilbert Delorme, der selbst nicht in Erscheinung tritt, sondern vor allem in den Schilderungen des Erzählers auflebt. Allzu gerne schweift der Erzähler gedanklich ab, ihm gerät einiges durcheinander, das fällt auf, und man weiß auch nicht genau, was es ist, ob es etwa schlicht an seiner narrativen Unbedarftheit liegt, denn schließlich räumt er gleich zu Beginn ein, nur bescheiden-dilettantisch eine Art Tagebuch zu führen.
Nun stirbt eines Nachts die Wirtin des "Caliste", einer benachbarten Pension, und dieser "fait divers" ist schon so etwas wie ein Event im Dorf. Die blind gewordene Schwester der Wirtin, so wird desweiteren berichtet, hatte sich fünf Jahre zuvor umgebracht. Gerüchteweise wird auch kolportiert, ein gewisser Rollaer, seines Zeichens urlaubender Apotheker aus Anvers, habe ihr bei ihrem Selbstmord beigestanden oder die Frau sogar mit eigener Hand getötet. Aufgeklärt wird das nicht. Am Ende kommt im übrigen noch die Frau des Erzählers, Solange, bei einem Badeunfall ums Leben, und das passiert exakt an der Stelle, an der auch die blinde Wirtinnenschwester umgekommen war. Voilà, soviel zu den verhandelten "Fakten", die in diesem Roman zur Sprache kommen, dazwischen ist allerdings reichlich Luft für die mäandernden Gedankengänge unseres denkwürdigen Chronisten.
Klingt also erst einmal nicht nach viel. Wie bei einem Puzzle hat man lange Zeit über den Eindruck, dass sich bis zur endgültigen Auflösung alles nur irgendwie fügen muss - doch ein letztes, kohärentes Bild ergibt sich nicht. Der Roman, die ganze Geschichte, ist wie eine kriminologische Untersuchung angelegt, mit allerlei Verdächtigungen, Indizien und eingeräumten Relativierungen. Bezeichnend ist da ein Satz, der Gilbert Delorme in den Mund gelegt wird: "Ein Geheimnis ist ans Licht gebracht, aber ein anderes ist an seine Stelle getreten."
Die Recherchen des Erzählers indessen bleiben auch in einem Schwebezustand der Mutmaßung - womit man nun aber zum eigentlichen Punkt gelangt: seine Aufzeichnungen bleiben vage, uneindeutig, bekommen aber zugleich einen feinen poetologischen Hintersinn, da der Leser zum Zeugen des Romans in statu nascendi und zugleich zum Hermeneuten wird; die Selbstzweifel des Erzählers sind die Zweifel des Romans mit Mitteln der Poesie. Wer sich auf das Werk Henri Thomas' einlässt, sollte eine Portion originärer Neugierde mitbringen und sich von derartigen Verunsicherungen nicht aus der Ruhe bringen lassen.
Nun war es kein Geringerer als Paul Celan, der anfangs die deutsche Übersetzung dieses Romans besorgen sollte - beide Männer kannten sich aus den Verlagsräumen bei Gallimard. Celan überwarf sich aber mit dem deutschen Verlag (Hanser) wegen einer Vertragsklausel, welche besagte, dass, - wie bei Standardübersetzungen allerdings durchaus üblich -, ein Dritter gegebenenfalls eingreifen, die Übersetzung durchsehen und korrigieren durfte. Celan stand da noch unter dem Trauma der Goll-Affäre - Barbara Wiedemann geht in ihrem Nachwort ausführlich darauf ein -, bei der es um schlimme Plagiatsvorwürfe ging. Da der Hanser-Verlag von der Vertragsklausel nicht abließ, warf Celan, obschon er bereits gut drei Viertel des Textes übersetzt hatte, gleich alles hin, und der deutsche Verlag musste sich nach einem anderen Übersetzer umsehen.

Bookmark
Verlinken














