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Alles normal

Im Atomschlaraffenland

Von Andreas Maier

Früher fand ich alles normal. Zum Beispiel Autos. Mein Vater fuhr einen Dienstwagen, meine Mutter einen Privatwagen, mein Onkel fuhr einen SA-braunen Kadett (in den sechziger Jahren gab es das noch, SA-braune Autos). Meine Großmutter kam sonntags zum Essen, da fuhr sie der Onkel im Kadett oder der Vater im Dienstwagen.

Zum Autor
Andreas Maier, geb. 1967, veröffentlichte zuletzt den
Roman "Kirillow" bei Suhrkamp.
Ich wurde von der Mutter in die Schule gefahren, nur manchmal durfte ich laufen, das musste man sich sozusagen erkämpfen. Ich lebte in Friedberg in der Wetterau, einem Ort, in dem jeder Gehsteig auf jedem Meter in meiner Kindheit mit Autos zugeparkt war.

In den Nachrichten sah man Aufnahmen von den Produktionsbändern der, sagen wir, Volkswagenwerke. Da wurden Autos produziert, und je mehr Autos produziert wurden, desto besser war es für die Wirtschaft, also irgendwie für uns, und vor allem für die Arbeiter dort. Meine Mitschüler sammelten kleine Spielzeugautos, viele fuhren nach Spanien in den Urlaub, wir fuhren nach Südtirol, mein Vater fuhr jeden Morgen
von Friedberg nach Frankfurt und abends von Frankfurt nach Friedberg.

Mein Bruder traf sich mit Freunden und fuhr mit ihnen einmal die Woche nach Bad Nauheim zum damaligen Eishockeybundesligaverein VFL Bad Nauheim. Ich lebte, kurz gesagt, in einer Welt, in der alle ständig Auto fuhren und überall Autos herumstanden, aber ich nahm das gar nicht wahr, denn es war, wie gesagt, normal.

Mit dem Strom verhielt es sich ebenso. Ich lebte in einer Welt, die für mich ganz gewöhnlich war. Morgens schaltete ich das Licht neben meinem Bett an. War ich krank, durfte ich um (ich glaube) zehn Uhr die Sesamstraße schauen. Mittags kochte meine Mutter am Elektroherd das Essen. Abends lief der Fernseher. Später, bei uns in der Familie sehr früh, kamen Computer dazu, mein älterer Bruder war da eine Art Pionier. Daneben die Stereoanlage, der Kühlschrank, die Waschmaschine, das Bügeleisen, alles das war vollkommen normal. Mit zwölf hatte ich meinen ersten Plattenspieler. Als "The Wall" erschien, hörte ich die Platte etwa ein halbes Jahr sechs Stunden am Tag.

Wesentlich größer wurde der "Stromkreis", in dem wir vernetzt waren, wenn man betrachtete, wie und wo mein Vater das Geld für die Familie verdiente, nämlich in einer gewaltigen Firma mit einem riesigen Firmengebäude, einem immensen Fuhrpark, und jedes dieser Gebäude, jeder Raum darin, wurde wiederum mit Strom beleuchtet, und auch in der Produktion all dieser Gegenstände bis hin zum Dienstwagen meines Vaters steckte unter anderem sehr viel Strom. Alles das war völlig normal.

Ich kann mich erinnern, wie ich mit zwölf Jahren einmal nach Griechenland und zurück flog. Es war mein einziger und letzter Flug, und er begeisterte mich. Ich lief völlig gebannt durch das Terminal am Flughafen Frankfurt, der den meisten Menschen völlig normal und geradezu notwendig vorkommt und über den sie behaupten, die wirtschaftliche Existenz von Menschen hinge an ihm. Er kam mir damals weder normal noch notwendig vor, sondern grandios und faszinierend, man sah richtige Flugzeuge, in der Halle hing ein alter Flugzeugtyp aus Pioniertagen zum Bestaunen, und ich durfte mir sogar drei Postkarten von irgendwelchen Großraumflugzeugen kaufen.

Insofern habe ich, durch dieses Flughafenerlebnis, sogar noch eine Erinnerung an die bessere Welt, insofern sie technifiziert und fortschrittlich ist. D.h. ich weiß noch aus der Ferne, wie es sich heute offenbar für so gut wie alle Menschen anfühlt: Sie haben all diese Dinge vom Fernseher bis hin zum Maledivenurlaub zur vollkommen freien Verfügung, und es ist im Normalfall "normal" für sie, und für die Älteren hat es sogar noch etwas "Faszinierendes". Fragwürdig oder gar abzulehnen erscheint es offenbar niemandem.

Mit achtzehn, neunzehn Jahren stand mir ständig vor Augen, dass ich (so nannte ich es damals) wie "Gott in Frankreich" lebte. Ich konnte tun und lassen, was ich wollte, jedes Medium war mir zugänglich, jeder Ort war erreichbar, jedes Essen kochbar, ich konnte mir nichts vorstellen, was nicht für mich bereits geschaffen und zuhanden gewesen wäre.

Ein Auto - das abgelegte Auto meiner Schwester - fuhr ich von meinem zweiundzwanzigsten bis zu meinem sechsundzwanzigsten Lebensjahr. Wenn man so auf der Autobahn fuhr, kam man manchmal an einem Atomkraftwerk vorbei. Man kam nie nahe vorbei, aber es stand dort, und das Gefühlsleben der Menschen beim Vorbeifahren an einem Atomkraftwerk ist, wie ich vermute, bis heute ziemlich diffus. Die meisten denken vermutlich folgendes: "Oh, ein Atomkraftwerk! Was das genau ist, ein Atomkraftwerk, weiß ich eigentlich gar nicht. Manche sagen, das sei ganz schlimm. Naja, die, die das betreiben, werden schon wissen, was sie tun. Die Politik ist ja nicht total verrückt." Ein kurzer Moment der Verunsicherung weicht einem Zurückgleiten in den als normal empfundenen Alltag, der grundiert ist von einem diffusen Vertrauen in das Gesamt unserer Handlungen.

Immer, wenn ich an einem Atomkraftwerk vorbeifuhr, musste ich dagegen an meine hessische Schule in Friedberg in der Wetterau denken. Dort lernten die Achtklässler den Nationalsozialismus als das Übel der Welt kennen, schauten sich Filme mit den Leichenbergen an, diskutierten, wie so etwas passieren konnte, fühlten eine tragische Schuld auf sich oder der Vergangenheit oder auf irgend etwas oder irgendwem lasten, am Ende auf sich selbst, und eine Woche später ging es technik-enthusiasmiert mit dem Bus nach Biblis ins Atomkraftwerk.


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Dokument erstellt am 25.07.2008 um 17:04:01 Uhr
Letzte Änderung am 25.07.2008 um 17:29:57 Uhr
Erscheinungsdatum 26.07.2008
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