Als der 33-jährige Zungenakrobat Tilman Rammstedt, diesjähriger Ingeborg-Bachmann-Preisträger, rasend schnell beim Klagenfurter Lesewettbewerb den Beginn seines neuen Romans vortrug, drohten die berührendsten Sätze darin zu verschwinden. Aus der Höhlenperspektive, nämlich unterm Schreibtisch schlafend, essend, wohnend, begann ein gewisser Keith, Hauptfigur in "Der Kaiser von China", das Leben seines Großvaters aufzurollen. Einer der schönsten, atemlos hervorgestoßenen Sätze ging so: "Mein Großvater war stets beleidigt, wenn man nicht auf ihn gehört hatte, dabei konnte man nie auf ihn hören, weil er einem immer erst im Nachhinein mitteilte, was man alles hätte anders machen sollen, aber ihn habe ja keiner gefragt, und schau, jetzt bist du nass, und schau, jetzt haben wir uns verfahren, und schau, jetzt bin ich tot."
Noch bevor man sich fragte, ob dieser vorwärtspeitschende, musikalische, vielleicht ja doch irgendwann redundante Ton auch einen ganzen Roman tragen wird, drängte sich dieser erstaunliche Großvater ins Bild: Starrköpfig, nörgelnd, aber auch abgrundtief humorvoll - schickt er doch an den Enkel stapelweise unleserliche Postkartengrüße aus dem Westerwald, streicht den Ort durch und schreibt vorwurfsvoll "Schanghai" drüber: Eine Reise nach China hatten die Kinder ihm schließlich irgendwann einmal versprochen. Aber schau, jetzt war er tot.
Aus diesem "Zu spät", aus der verpassten Chance schlägt Rammstedt die Funken seines gleich zweifach preisgekrönten Romans. Haben wir nicht alle schon Gutscheine verschenkt und nie eingelöst? Keith plagt ein ähnliches Vergehen: Er hat das Reisegeld verprellt. Seitdem versteckt er sich im Gartenhaus - und tut wochenlang einfach so, als ob er längst mit Großvater auf Reisen sei. Hinter zugezogenen Läden erfindet er für die Lieben daheim möglichst glaubhafte Briefe. Den Reiseführer "Lonely Planet China" nennt Rammstedt als Quelle. Spiegelte diese Prosa nur die chinesische Mauer und Co., wäre sie tatsächlich eindimensional. Doch Rammstedts Roman beginnt dort, wo Keith, der seinen Großvater aus den Augen verloren hatte, die Todesnachricht erreicht. Er soll den Toten identifizieren kommen.
Was tun? Keith schiebt die Wahrheit auf, schreibt weiter nie abgeschickte Briefe aus China, wütend über diesen letzten Streich des Großvaters, "über seine Rücksichtslosigkeit, so unglaubwürdig zu sterben", nämlich nicht in China, sondern schlicht im Westerwald. Dieser Trotz erklärt auch die erzählerische Hast. Erst Scham, dann undeutlicher Schmerz diktieren Keiths Briefe aus China, die mit Erinnerungen an Früher abwechseln. Aus dieser Konstellation ein nicht trauertriefendes, sondern komisches, leise bedrücktes, irrwitziges, vorwurfsvolles Buch zu flechten, ist nicht wenig.
Rammstedt lässt also einen Enkel den schwierigen Großvater zum Leben erwecken. Der alte Mann nörgelt bei Stäbchen. Er geht beim Tempelbesuch verloren. Keith findet ihn von Touristen umspült selig auf einer Stufe im Palast der Himmlischmännlichen Klarheit. Später liebäugelt der Ältere sogar mit Brustpiercings. Wir wohnen einer Verjüngung bei. Gegen den agilen Mann wirkt Keith geradezu verhärmt. Dem Zauderer unterm Schreibtisch fehlt eben noch das Charisma, von dem er unfreiwillig berührt ständig erzählt. Aber es scheint ihm beim Schreiben zuzuwachsen.
Keith ist übrigens kein ferner Enkel. Er wuchs mit Halb- und Ganzgeschwistern beim Großvater auf. Dem ging irgendwann die Kraft fürs Kindersammelpack aus, und er kündigte an, Keith künftig zu bevorzugen: Keith war sozusagen Großvaters Erziehungsprojekt, der Junge aber faul und "eine Enttäuschung". Kein Wunder, dass er diesen Briefen seine angestaute Wut einschreibt. Trotzdem vermittelt sich dem Lesenden hinter der Wut das genaue Gegenteil, die gegenseitige Fürsorge. "Der Kaiser von China" ist ein Requiem. Das ist vielleicht sein größter, geheimer Wert.
Um diese Zweierbeziehung baut Tilman Rammstedt nun sehr viel schnellschussartig herum. Etwa die Vergangenheit, das bizarre Familienpatchworkgewusel, in dem auch diverse "Großmütter" kurzfristig Eingang finden. In eine, die letzte Geliebte des frauenverzehrenden Großvaters, verliebt sich Keith sogar selbst. Seite an Seite neben dem schlafenden Großvater haben sie Sex. Aber Franziska bleibt, wie Keith' Geschwisterhorde, als Figur ungreifbar - was womöglich erst den Kontrast schafft, vor dem Keith und sein Großvater um so monumentaler herausragen. Freilich vor allem in der erfundenen Geschichte, die unaufhaltsam und kunstvoll die Realität umspinnt, so dass man sie bald für die echtere hält.
"Auf dem Erdboden wirst Du stolpern", schrieb nicht Rammstedt, aber einst Jean Genet. Der Satz könnte diesem Roman als Motto dienen. Denn auch Rammstedts erdenschwere, etwas lebensuntaugliche Figuren unternehmen märchenhaft leichtfüßige Dinge - wie schreiben, reisen, zaubern, auf dem Seile tanzen. Und die Geschichte von Großvaters größter Liebe, der todkranken Chinesin Lian, einer speckgewaltigen Zirkusberühmtheit, kann wohl nur in diesem Zusammenhang gesehen werden. Lian hebt Hanteln mit Zähnen und verbirgt sie zwischen Bauchfalten. Sie hat "Lippen wie Daunendecken". Undenkbar, dass ein Seil sie tragen könnte. Es sei denn gezogen von einer großen Kraft. Mehr sei hier nicht verraten, nur ein Wink gegeben auf die überbordenden Sprachbilder.
Keith jedenfalls, der kaum einen Schritt vor die Haustür wagt, erweist sich im Schreibreich als Fantasiewerkler erster Güte. Und auch der Autor zeigt damit, zu welchen Windungen er fähig ist. Manchmal droht er aber das Maß zu überschreiten, und seine Geschichten bleiben zusammenhangslose Spiralen, weil sich manche Pointen beim Zweit- oder Dritteinsatz verlieren oder die Figur nicht plastisch genug wird. Diese Schwächen sind aber im Ganzen betrachtet gering.
Überzeugend wirkt Rammstedts Roman, wenn er dem Alltag vertraut. Im Haupthaus, das Keith schließlich doch einmal betritt, hat der verschwundene Großvater vor seiner Abreise überall kleine Zettelchen hinterlassen. "Fasse dich kurz" klebt auf dem Telefon, "Wie wäre es mit Tee?" auf der Kaffeemaschine, "Ist dir das nicht viel zu eng?" hängt wohlwollend umsorgend am alten Ballettkleid der jüngeren Schwester. Solche Details bergen die Melancholie dieses Romans - als einen letzten Ehrendienst.
Tilman
Rammstedt: Der Kaiser von China.
Roman.
DuMont
Literaturverlag,
Köln 2008,
192 S., 17,90 Euro.

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