Das leuchtet mir ein, Energieverschwendung, an so etwas scheinen nur Leute aus dem Westen zu denken. Dabei zähle ich mich im Westen selbst gar nicht zu den Leuten aus dem Westen. Ich bin im ehemaligen Jugoslawien geboren, das hilft mir hier, wenigstens kann ich Kyrillisch lesen. Und die slawischen Sprachen ähneln einander zumindest so weit, dass man ein Omelett mit Kräutern, Tomaten und Käse bestellen kann und so ein Omelett dann auch wirklich bekommt.
Obwohl ich im Zentrum Nowosibirsks ohne Heizung friere, will ich lieber nicht in Akademgorodok wohnen. Mir kommen ständig hysterische Gedanken, Sätze huschen mir durch den Kopf wie "Im Wald wohnt der KGB" oder "Später bist du tot, später, nach dem Tee". Katjuschka erzählt mir auf dem Weg zu ihrer Datscha, dass Informatiker jetzt im Städtchen sehr gefragt sind. Amerikanische Hightech-Firmen haben sich hier niedergelassen, Computerspiele, die Kindern in San Francisco geschenkt werden, entwickeln die Russen hier.
Die Birken- und Kiefernwälder sind noch bunt. Überall sind Apfelbäume zu sehen, mit märchenhaft kleinen, roten Äpfelchen, die besser schmecken als alle Äpfel, die ich je gegessen habe. Es fängt an zu regnen, wacker läuft mir Katjuschka voraus, ich, leider in Schuhen mit Absätzen, ebenso wacker ihr hinterher. Es gehe gar nicht darum, nur ein Häuschen zu haben, das Gehen durch den Wald sei ebenso wichtig. Auf dem Rückweg sind wir müde, fast zwei Stunden bin ich ihr hinterher gegangen, immer im Glauben, wir seien gleich da. Erst warten wir auf einen Bus. Katjuschka sagt, er komme in zehn Minuten. Der Kapitalismus bricht voll in mir aus, ich wünsche mir eigentlich ein Taxi. Ich bin mir sicher, dass dieser Bus nie kommen wird, sage es aber nicht laut. Nur Wälder um uns herum, grimmig vorbeifahrende Autofahrer. Ein alter Mann mit einer dicken Brille steht auch da, sonst weit und breit kein Mensch. Katjuschka fragt ihn etwas und er schreit sie an, jedenfalls kommt mir das wie Anschreien vor, was er ihr antwortet. Sie bleibt höflich. Wir sollten doch versuchen zu trampen, sage ich. Sofort ist sie einverstanden.
Eine halbe Stunde später nimmt uns endlich ein junger Mann mit, ein Kirgise, vielleicht. Jetzt treibe ich noch ein Ticket für den gelben Minibus auf und freue mich, zurück ins Zentrum von Nowosibirsk zu fahren, wo es zwar noch keine Heizung gibt, aber wo es schön laut ist und wo ich nie an den KGB denke. Draußen auf den Straßen sind alle in Mäntel, Mützen, Schals eingepackt. In den Cafés stehen plötzlich halbnackte Russinnen in kurzen Kleidern vor einem, sommerlich, ärmellos, so dass man sich an diesen Anblick auch erst gewöhnen muss.
In Nowosibirsk leben fast zwei Millionen Menschen. Überall wird laute Musik gehört. Große moderne Apple-Bildschirme stehen in den Cafés bei gutem Cappuccino den Besuchern zur Verfügung. Neueste Videospots werden übertragen. Und draußen in der noch größtenteils optisch unkapitalistischen Welt fahren verstaubte alte orangefarbene, blaue, schmutziggelbe sozialistische Busse und Autos, alte und neue Modelle, natürlich ist alles vertreten: Lada neben Mercedes. Züge in allen Farben! Grünblaue, orangerote, weißrote! Farben in allen Kombinationen, Lokomotiven, deren Anblick allein schon Lust aufs Weiterreisen macht. Auf dem Bahnhof von Nowosibirsk stehen auf der Anzeigetafel alle möglichen Verbindungen, Nowosibirsk - Taschkent klingt für mich nach einiger Zeit so selbstverständlich wie die Strecke Berlin - Köln. Aber auch an Verbindungen wie Nowosibirsk - Peking gewöhne ich mich langsam. China und die Mongolei sind um die Ecke, das denke ich jetzt mit einem gewissen Stolz nach dem Aufstehen, als hätte ich diesen Umstand ein wenig mitgestaltet.
Alles in dieser Stadt ist in Bewegung, kaum ein Kulturkreis, der hier nicht vertreten wäre. Sogar einen deutschen Stammtisch gibt es jeden Donnerstag, in einem italienischen Restaurant trifft man sich, bei Pizza, und tauscht Neuigkeiten aus. Da, beschließe ich, gehe ich auf keinen Fall hin.


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