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Axel Honneth zum 60.

Voller Anerkennung

Von Christian Schlüter

Was für eine Überraschung! Nicht etwa nur, weil die heute zum 60. Geburtstag von Axel Honneth erscheinende Festschrift "Sozialphilosophie und Kritik" möglicherweise auch den Jubilar noch unerwartet antreffen könnte- Obwohl, etwas vor einer Person des öffentlichen Lebens geheim zu halten, dürfte sich eigentlich als unmöglich erweisen. Schließlich ist Honneth, der Frankfurter Hochschulprofessor und Direktor des Instituts für Sozialforschung, einer der exponiertesten Vertreter der "Frankfurter Schule" - er führt eine von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno gegründete Institution fort, die sich nie nur auf den akademischen Betrieb beschränkte, sondern in den öffentlichen Auseinandersetzungen stets ein gewichtiges Wort mitzureden hatte. Anders gesagt, Honneth hat seine Ohren überall.

Der bei Suhrkamp veröffentlichte, über 700 Seiten schwere Band wurde vom Verlag nicht angekündigt, immerhin ein unternehmerisches Risiko, das man aber offenbar bereit war einzugehen. Versammelt sind eine Reihe hochkarätiger Autoren, von denen einige nicht etwa nur das schreiben, was sie zu jeder anderen Gelegenheit auch geschrieben hätten, sondern mehr oder weniger ausführlich auf das Werk Honneths eingehen. Auch das kann, wer die Gepflogenheit des Betriebs kennt, angenehm überraschen. Die Aufsätze verteilen sich auf vier Abschnitte - Hegel und der Kampf um Anerkennung, Gerechtigkeit als politische Forderung, Kritik und Analyse der Gesellschaft, und schließlich eher zeitdiagnostische, vor allem die Kultur betreffende Einlassungen.

Selbstverständlich lassen es sich einige Beiträger in der Festschrift nicht nehmen, Honneth einer kritischen Würdigung zu unterziehen. Christoph Menke (Frankfurt) etwa setzt sich mit dem zentralen Motiv im Denken Honneths auseinander, dem Kampf um Anerkennung, um ihn dann in seine Schranken zu verweisen. Zwar sei es richtig, so Menke, dass es sich bei den verschiedenen, das Individuum wie die Gesellschaft betreffenden Formen der Anerkennung keineswegs um eine Art Zugabe handelt, die man sich etwa in Gestalt fürsorglicher Zuwendung oder politischer Forderung leistet, sondern um fundamentale Vorgänge, aus denen Individuum und Gesellschaft überhaupt erst hervorgehen: Ohne Anerkennung kein soziales und politisches Leben - und Moral schon gar nicht.

Die Bücher

Sozialphilosophie und Kritik. Axel Honneth zum 60. Geburtstag. Von Rainer Forst et. al.:, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 2009, 743 Seiten, 20 Euro.

Erneuerung der Kritik. Axel Honneth im Gespräch. Von Jan Philip Reemtsma et al., Campus Verlag, Frankfurt a.M. 2009, 215 Seiten, 21,90 Euro.
Dennoch attestiert Menke diesem Konzept eine besondere Schwäche, weil es in gut hegelsche Tradition ausgerechnet den Eigensinn des Individuums verkennt: "Es gibt keine gelingende Individualität, die nicht von der abgründigen Rohheit zehrt, die zugleich, als pathologische Abirrung, das Gelingen der Individualisierung in Frage stellt." Mit anderen Worten, es gibt keine Tendenz aufs soziale oder politische Allgemeine, vielmehr gilt es, das individuell Besondere zu wahren, so wie auch im modernen Recht geschieht, insofern es das Individuum einfach sein lässt, ohne es damit schon inhaltlich zu bestimmen. Lass mich in Ruhe - jeder hat ein Recht auf seine Pathologien. Die abgründig Rohheit des Individuums ist ein unverzichtbares Movens der Gesellschaft.

In der Tat beschäftigen sich einige Beiträge mit solchen Grenzziehungen. Etwa wenn Maeve Cook (Dublin) für ein "postuniversalistisches" und damit weniger formalistisches Konzept wirbt, in dem die inhaltlich bestimmten, zumal lebensweltlich zurückgebundenen Daseinsweisen des Menschen wieder zur Geltung kommen. Die Slow-Food-Bewegung dient der Philosophin als gutes Beispiel, weil sie "alle Menschen einlädt, die Welt aus ihrer Sicht zu sehen" und sie dennoch nicht zu einen bestimmten Verhalten zwinge. Das klingt doch gleich etwas entspannter - wie eine nette Einladung zum Essen. Ganz in diesem Sinne warnt Martin Seel (Frankfurt) vor einer universalistischen Überdehnung des Anerkennungsbegriffs und möchte ihn eigentlich auf die Sphäre sozialer Interaktion und Institutionen beschränkt wissen.

Dass Anerkennung vor allem auch eine besondere Form der Aufmerksamkeit ist, die Menschen einander begegnen lassen soll, ohne sich gegenseitig gleich mit überzogenen, verdinglichenden Forderungen zu überziehen, betonen ein Reihe andere Beiträge auch. Michael Walzer (Princeton)entwirft in diesem Zusammenhang eine kleinen Tugendkatalog, gewissermaßen einen Knigge für die Kultur- und Gesellschaftskritik: Anstatt sich in luftig-abstrakten Höhen zu verlieren bedarf der Kritiker vor allem des Muts, des Mitleids und des Augenmaßes. Und Charles Taylor (Montreal) weiß mit der Pointe zu überzeugen, dass die westliche Islamophobie vor allem mit unserer Unfähigkeit zu tun hat, unsere eigenen, jüdisch-christlichen Traditionen inhaltlich überhaupt noch zu verstehen.

Honneths Theorie der Anerkennung erweist sich in viele Richtungen anschlussfähig. Schaut man auf die nicht immer einfache, konfliktträchtige Vielfalt der Beiträge im vorliegenden Bandes, dann wird vor allem deutlich, dass Honneths Verdienst, salopp formuliert, auch darin besteht, seinen Laden zusammengehalten zu haben. Deutlich wird außerdem, wie sehr die Frankfurter Kritische Theorie unsere Debatten der letzten Jahrzehnte geprägt hat. Kritische Theorie ist auch in der dritten Generation, für die Honneth steht, und trotz ihrer wohl unvermeidlichen akademischen Entstellungen vollgesogen mit Gesellschaft; die Fragen der Gerechtigkeit und der Moral sind ihr eingeschrieben und selbst noch dort aufzuspüren, wo es wie etwa in ästhetischen Reflexionen um ganz anderes zu gehen scheint.

Diese Einsicht bestätigt auch ein schmales, bei Campus erschienendes Büchlein: "Erneuerung der Kritik" enthält vor allem Interviews mit dem Frankfurter Sozialphilosophen. Und Honneth erweist sich hier um keine Antwort verlegen. Nicht nur offenbart er seine Leidenschaft für den Fußball, sondern auch ein vertieftes Verständnis vom Kapitalismus: "In meiner Studentenzeit war ich eine Zeit lang ein begeisterter Monopolyspieler. Monopoly fand ich deswegen so überzeugend, weil es anschaulich demonstriert, wie wenig auszurichten ist, wenn einmal ein hinreichendes Stück Eigentum vorhanden ist, selbst dann, wenn man die Spielregeln zugunsten einer sehr progressiven Besteuerung ändert, wie wir das früher immer gemacht haben." Es gibt kein richtiges Leben im falschen - nicht einmal auf dem Spielbrett.


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Dokument erstellt am 17.07.2009 um 12:12:01 Uhr
Letzte Änderung am 17.07.2009 um 13:55:14 Uhr
Erscheinungsdatum 17.07.2009 | Ausgabe: fr
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