Intelligenz stellen wir uns als eine bewusste, überlegte Tätigkeit vor, die den Gesetzen der Logik folgt. Doch vieles in unserem Gehirn geht unbewusst vor sich und folgt Prozessen, die mit Logik nichts zu tun haben. Es sind Bauchentscheidungen, Intuitionen. Wir haben Intuitionen über Sport, über Freunde, über die richtige Bank und andere gefährliche Dinge. Wir verlieben uns, und wir spüren, dass der DAX wieder nach oben gehen wird. Können solche Intuitionen zu guten Entscheidungen führen?
Das scheint doch naiv oder sogar absurd. Bücher über rationales Entscheiden oder Beratungsfirmen lehren uns etwas anderes: Nämlich erst wägen, dann wagen, erst analysieren dann agieren. Wie trifft man so eine Entscheidung? Nun, man listet alle Alternativen und alle Konsequenzen und schätzt den Nutzen und die Wahrscheinlichkeit, dass jede Konsequenz eintritt. Dann multipliziert und addiert man und bestimmt die Option mit dem besten erwarteten Nutzen. So machen Sie das doch, oder? Nun, das ist nicht das Schema, an dem sich viele Menschen bei ihren Entscheidungen orientieren, nicht einmal diejenigen, die diese Bücher schreiben, wie die folgende Geschichte zeigt.
Ein Professor der Entscheidungstheorie an der New Yorker Columbia Universität erhielt einen Ruf von einer konkurrierenden Universität und überlegte lange hin und her, ob er das Angebot annehmen solle. Ein Kollege nahm ihn beiseite und sagte: Was ist denn dein Problem? Maximiere doch einfach deinen erwarteten Nutzen. Das erklärst du doch deinen Studenten immer. Erschöpft antwortete der Professor: "Come on, this is serious." Wir brauchen analytische Methoden, aber wir brauchen auch das, was wir oft in unseren Bauch platzieren, nämlich intuitive Methoden. Die einzige Frage ist: Wann sollen wir uns auf was verlassen?
Der Autor
Gerd Gigerenzer, geboren 1947, ist ein deutscher Psychologe. Er ist seit 1997 Direktor des Center for Adaptive Behavior and Cognition (ABC) am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.
Zu seinen Büchern gehören "Rationality for Mortals" (2008), "Heuristics and the Law" (2006, mit Christoph Engel), "Adaptive Thinking" (2000), "Simple Heuristics That Make Us Smart" (1999, mit P.M. Todd), und "Bounded Ratio-nality" (2001, mit Reinhard Selten, Nobelpreisträger der Ökonomie).
Zu seinen Büchern gehören "Rationality for Mortals" (2008), "Heuristics and the Law" (2006, mit Christoph Engel), "Adaptive Thinking" (2000), "Simple Heuristics That Make Us Smart" (1999, mit P.M. Todd), und "Bounded Ratio-nality" (2001, mit Reinhard Selten, Nobelpreisträger der Ökonomie).
Ich zeige Ihnen, dass es ganz anders geht. Die Frage ist: Gibt es einfache Strategien, die Informationen ignorieren und sich auf das Wesentliche konzentrieren, die ein Spieler benutzt, um einen Ball zu fangen? Experimente haben gezeigt, dass es eine Reihe solcher Techniken gibt. Ich erkläre Ihnen die einfachste, die funktioniert, wenn der Ball sich schon hoch in der Luft befindet. Sie besteht aus drei Bausteinen: 1. Fixiere den Ball mit deinen Augen. 2. Beginne zu laufen. 3. Passe Deine Laufgeschwindigkeit so an, dass der Blickwinkel konstant bleibt. Der Spieler kann alle Informationen ignorieren, die man benötigt, um die Flugbahn des Balls zu berechnen. Er löst dieses Problem nicht durch etwas Komplexes, sondern durch etwas ganz Einfaches. Er beachtet nur eine einzige Größe, den Blickwinkel, den er konstant zu halten versucht.
Diese Anpassungsmethode finden Sie nicht nur beim Ballspielen, sondern auch in anderen Bereichen. Wenn wir z. B. in meinem Institut, dem Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, das jährliche Budget aufstellen, nehmen wir meistens nur kleine Korrekturen am Haushalt des Vorjahres vor anstatt das Budget insgesamt vollkommen neu aufzustellen. Strategien, die sich an solchen inkrementellen Veränderungen orientieren, führen meistens in einer "intuitiven" Abkürzung ans Ziel und verringern das Risiko schwerwiegender Fehler.
Kommen wir zu einem zweiten Beispiel, zum Thema Geldanlagen. Nehmen Sie an, Sie machen eine Erbschaft und wollen investieren. Aber wie? Sie haben eine Anzahl von Optionen, sagen wir "n" Optionen. Wie verteilen Sie Ihr Geld? Sie wollen nicht alles auf eine Karte setzen, sondern diversifizieren. Aber wie führen Sie Ihre Gewichtung durch? Harry Markowitz hat im Jahr 1990 seinen Nobelpreis dafür bekommen, dass er die optimale Lösung für eben dieses Problem gefunden hat, die als das so genannte Mean-Variance-Portfolio bekannt ist. Dies bedeutet, dass der Gewinn (der Mittelwert) maximiert und das Risiko (die Varianz) minimiert wird.
Als Harry Markowitz selbst Investitionen tätigte, um für seinen Ruhestand vorzusorgen, verwendete er natürlich sein nobelpreisgekröntes Optimierungsmodell, würde man meinen. Aber nein! Er verließ sich auf eine einfache Intuition, die auch Otto-Normalverbraucher vertraut ist, nämlich: Verteile dein Geld gleichmäßig. Dies wird als 1/n Regel bezeichnet, wobei n die Anzahl der Optionen ist. Bei n=2 hat man zwei Alternativen, investiert also 50 zu 50 und so weiter. Man fragt sich, was ist in den Mann gefahren? Wenn Sie die Lehrbücher der Finanzwissenschaft anschauen, dann werden Sie Markowitz´ Theorie darin finden. Falls Sie Glück haben, Finanzberater zu haben, die sich ein bisschen auskennen, werden Sie Ihnen diese Theorie auch empfehlen, wie es mir passiert ist.


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