Beinahe so ärgerlich wie der Anlass der so genannten Sloterdijk-Honneth-Debatte, nämlich die abwegigen Thesen von Peter Sloterdijk, ist mittlerweile das Jammern über die Debatte. So darf beispielsweise im "Freitag" - war das nicht einmal eine politisch engagierte Wochenzeitung, die interessante Debatten selbst organisierte? - geklagt werden, dass wie üblich nur Männer bei dieser Debatte mitmischen; dass nie klar gewesen sei, worum der Streit eigentlich ging, und dass "die Amerikaner" nicht einmal wissen, wer sich eigentlich beteiligt (die "Sloterdijk-Honecker-Debatte" - rasend komisch!).
Nun kann man natürlich jede Debatte damit vom Tisch wischen, dass sich das falsche Geschlecht beteiligt (Historikerstreit? Langweilig! Nur Männer!), oder man kann zynisch am Rande stehen und sich wohlfeil über die Humorlosigkeit der Linken beklagen (Sarrazin? Der Mann hat wenigstens Humor!); und wenn man sich hinreichend distanziert, braucht man sich tatsächlich nicht mehr die Mühe machen zu verstehen, worum der Streit geht.
Wer jedoch auch nur mit einem Funken von politischem Interesse nicht nur die Debatte verfolgt hat, sondern auch den gegenwärtigen Koalitionsstreit zum Beispiel zur Steuerpolitik zur Kenntnis nimmt, dem können solche Diskussionen nicht gleichgültig sein, der muss sie begreifen als das was sie sind: Beiträge zum Selbstverständigungsstreit in der liberalen Demokratie, über ihre Form, ihre Ziele, über die Gesellschaft, in der wir leben und leben wollen.
Die soziale Frage
Mit der Wahl der schwarz-gelben Regierung ist zuletzt immer wieder auch die Frage nach sozialer Gerechtigkeit gestellt worden. In einer Serie von Essays und Interviews fragt die FR: Brauchen wir einen neuen Gesellschaftsvertrag?
Ein Gespräch mit Sighard Neckel (29.10.) eröffnete die Serie, es folgte ein Beitrag von Franz Sommerfeld (5.11.). Ihm antwortete Stephan Hebel (10.11.), gefolgt von Christian Schlüter (11.11), Norbert Bolz (12.11.), Frauke Hamann und Frank Nullmeier (13.11.) und Betrthold Vogel (16.11.) . (fr)
Märkte funktionieren nämlich bekanntlich so, dass ihnen Gewinnstreben als Motivation zugrunde liegt; wenn ich nichts kriegen will, brauche ich am Markt auch nicht mitzumachen. Diese Norm der strikten Gewinnmaximierung ist für den Markt selbst nicht problematisch. Denn der Markt soll für Effizienz sorgen. Deshalb hat Mr. Gekko (Michael Douglas im zu Recht häufig zitierten Film "Wall Street") natürlich recht: Gier (auch die von Herrn Bohrer) ist an sich keineswegs schlimm und gut fürs Geschäft.
Davon profitiert eine Gesellschaft im Prinzip: Je mehr Güter effizient bereitgestellt werden, desto besser geht es den Menschen. Dass Gewinnstreben nicht als Laster begriffen werden muss, ist im übrigen historisch relativ neu: Bekanntlich werden erst seit dem frühen 18. Jahrhundert, seit Mandeville und Adam Smith, Theorien entwickelt, die das Gewinnstreben als für eine Gesellschaft positiv begreifen.
Die Marktlogik ist jedoch parteilich: Sie nimmt Partei für diejenigen, die sich am besten den Marktinteressen konform verhalten können. Die Marktlogik ist parteilich für Mr. Gekko und vergisst alle, die dem Markt zu wenig oder nichts bieten können. Märkte führen faktisch zu strukturell ungerechten Verteilungen, weil sie gerade in ihren Effekten nicht so neutral sind, wie die neoliberale Ideologie es gerne hätte.
Nun haben wir in einer Gesellschaft auch noch andere Ziele als das des funktionierenden Marktes: Zentrales Ziel gesellschaftlichen Zusammenlebens ist nämlich auch die Gerechtigkeit. Wir - oder muss man mittlerweile sagen: die meisten von uns? - wollen nicht nur in einer ökonomisch gut funktionierenden Gesellschaft leben, sondern auch in einer, die gerecht ist. Sich gegenseitig als Bürger eines Staates zu sehen (oder als Freunde oder Familienmitglieder), ist etwas anderes, als sich gegenseitig als potentielle Tauschpartner zu sehen. Gewinn-orientierung funktioniert anders als die Orientierung an Gerechtigkeit (oder die an Liebe).
Die Sloterdijk-Debatte
Lesen Sie den Sloterdijk-Beitrag Die Revolution der gebenden Hand hier.
Die Replik des Frankfurter Philosophen Axel Honneth Fataler Tiefsinn aus Karlsruhe erschien in der Zeit.


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