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Schwarzbuch Deutsche Bahn

Zufriedenheit ist kein Betriebsziel

Von Hans-Jürgen Linke

Das Firmenzeichen der Deutschen Bahn hat sich zum Emblem eines Desasters entwickelt. Die chronische Verspätung ist längst Klischee, das Bahn fahrende Volk murrt oder äußert sich in gerechtem Zorn, die Unternehmenssprecher-Seite hat ihre Textbausteine parat und beruft sich auf selbst gefälschte Statistiken: Der Konflikt hat sich ritualisiert.

Christian Esser und Astrid Randerath, Fernseh-Journalisten und Autoren des "Schwarzbuchs Deutsche Bahn", schreiben vielen Menschen aus der Seele. An vordergründigem Bahn-Bashing allerdings sind sie nicht interessiert, sondern an der grundsätzlichen Frage: Warum darf die Bahn tun, was sie will, obwohl sie nicht tut, was sie wollen sollte?

Eisenbahn, das war im 19. Jahrhundert das größte Projekt des Bürgertums in der westlichen Welt. Die Eisenbahn war die bedeutendste Quelle bürgerlichen Reichtums, und sie technisierte, demokratisierte und beschleunigte das Reisen. Wenn es im Industriezeitalter je etwas wie legitimes (und gut funktionierendes) Volkseigentum gegeben hat, dann war das die Bahn. Und so denken und so wollen wir sie immer noch: als Beförderungs- und Infrastruktur-Betrieb, der den schnellen, bequemen und bedarfsgerechten Transport von Menschen und Gütern leisten soll, in einem kostendeckend zu bezahlenden Dienst am Gemeinwohl.

Das Buch

Christian Esser/ Astrid Randerath: Schwarzbuch Deutsche Bahn. C. Bertelsmann Verlag, München, 2010, 304 Seiten, 19,95 Euro.
Dieses Paradigma ist seit je Maßstab jeglicher Nörgelei und Kritik - und die Abgrenzung davon vielleicht der Grund für die ruppige Genervtheit, mit der der ehemalige Bahnchef Hartmut Mehdorn auf Kritik zu reagieren pflegte; man sollte sich allerdings vom verbindlicheren Auftreten nicht darüber hinweg täuschen lassen, dass sich unter Rüdiger Grube nichts geändert hat.

Die Orientierung am Gemeinwohl ist der Bahn auf dem Weg an die Börse ausgetrieben worden, an ihre Stelle ist ein betriebswirtschaftlich determiniertes System getreten, in dem es um Kostenminimierung und Effizienz, Shareholder Value und Betriebsergebnisse geht und keineswegs um Kundenzufriedenheit; die kann vorkommen, vor allem im Premium-Sektor des Bahnfahrens, ist aber nicht Betriebsziel und sollte vor allem keine Kosten verursachen.

Sicher hat der alten Beamtenbahn ein Modernisierungsschub hier und da gut getan, aber das waren Nebeneffekte und Zwischenstadien. Inzwischen ist die Bahn ein zugrunde gerichteter Betrieb, der kaum einer seiner Aufgaben noch gerecht werden kann, weder gegenüber den Kunden noch gegenüber eventuellen privaten Investoren. Der Teufel, der die Bahnspitze reitet, steckt in vielen Details, an denen das überaus lesbare "Schwarzbuch" reich ist.

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Randerath und Esser widmen sich kenntnisreich dem Problemfeld, benennen mit der erforderlichen Klarheit ärgerliche Service- und alarmierende Sicherheits-Defizite, die haarsträubende und überwiegend an Prestige und internationalen Zukäufen orientierte Investitionspolitik sowie hoch problematische Aspekte betriebsinterner Handlungsstrategien.

Sie kommen unter anderem zu dem Ergebnis, dass zentrale Maßgaben für ein verlässliches Transportunternehmen von der Bahn im großen Stil und womöglich ein für allemal preisgegeben worden sind. Die Zusammenhänge zwischen strategischen Entscheidungen und anekdotischen Einzelheiten über die alltäglichen und prinzipiellen Defizite des Betriebes werden transparent, und offenbar ist die Faktenseite des Buches so gut recherchiert, dass bisher noch nichts von einer Unterlassungsklage ruchbar wurde.

Die aktuelle Situation zeigt, dass die Gewinnmaximierungs-Strategien, das rigorose Fahren auf Verschleiß, das Einsparen grundlegender Wartungsarbeiten sich zu rächen beginnen, und zwar am schwächsten Glied der Wertschöpfungskette: dem auf die Bahn angewiesenen Fahrgast.

Er hat diese Rache nicht verdient, aber er zahlt die Rechnung, und zwar doppelt: als Fahrgast und als Steuerzahler. Das Image der DB ist nachhaltig ruiniert, nur die Konzernleitung weiß noch nichts davon. Nach wie vor scheint sie sich hinter dem Wall der eigenen Propaganda sicher zu fühlen, winkt selbst umstrittenste Projekte nebenher durch und erklärt sich allenfalls nachlässig zur seit Jahren virulenten Politik der Mitarbeiterbespitzelung. Das ist, knapp zusammengefasst, das Dilemma der sich privatisierenden Bahn, an dem bisher niemand etwas zu ändern versucht.

Astrid Randerath und Christian Esser zeigen präzise auf Schwachstellen und flankierende Propaganda-Maßnahmen. Wo es noch Bahnhöfe gibt mit einer Bahnhofsbuchhandlung darin, sollte dieses Buch in großen Stapeln ausliegen, damit es in allen verspäteten Zügen gelesen werden kann.

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Copyright © FR-online.de 2010
Dokument erstellt am 09.02.2010 um 11:57:02 Uhr
Letzte Änderung am 09.02.2010 um 16:04:50 Uhr
Erscheinungsdatum 09.02.2010 | Ausgabe: d
Kommentare
1. Rolle rückwärts erwünscht
Im Zeitalter der Dampfloks konnte man seine Uhr nach den Zügen stellen, heute kann man höchsten seinen Kalender überprüfen. Und selbst das ist bei unseren hochtechnologischen ICEs nicht immer der Fall.

Machts wie bei Monopoly, zurück auf Los, bei gleichzeitiger Preissenkung, dann habt ihr die Fahrgäste, die heute noch lieber mit dem eigenen Auto fahren. Pünktlichkeit = mehr Passagie = mehr Geld in der Kasse = mehr Investitionen = Pünktlichkeit usw., ist das so schwer zu begreifen?

Es reicht eben nicht irgendwelche Rennstrecken zu unterhalten, und Börsenfähigkeit ist so ziemlich der schlechteste Ratgeber, man muss einfach nur das anbieten, was der normale Fahrkartenkäufer braucht. Wer dann noch in 2 Stunden von Frankfurt nach Berlin will soll fliegen!



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2. nicht der börsengang
war ursache/anlass der gegenwärtigen missstände. das fing in den 60er jahren mit der massenmotorisierung an, in deren zuge der "rückzug aus der fläche" das leitmotiv der bundesregierungen (auch und gerade der spd-geführten) als eigner und damit weisungsgeber der DB wurde. richtig schlimm wurde es aber erst mit dem neoliberalen privatisierungswahn, der insbesondere zur volkswirtschaftlichen resourcenverschleuderung, genauer, zur profitmaximierung der privatisierungsgewinner geführt hat. man kann also auf die jeweilige bahnspitze einprügeln, verdient hat sie es schon, aber der wirklich schuldige ist "die politik".



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3. Großartiges buch
der autor hat recht: Ein großartiges Buch



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4. Nachgehakt wäre wünschenswert
ein sehr lesenswertes buch, das förmlich darum bittet, fortgesetzt zu werden. und das nicht nur in der täglichen pannen-performance der bahn, sondern ähnlich wie bei "Frontal 21" als berichte, wie sich die situation weiter entwickwelt hat.



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5. schwarzbuch deutsche Bahn
Warum wird die Bahn schlecht gemacht? Sucht lieber bei der Ursache, der Politik! Dort sitzen die feinen Herrschaften und stecken sich die Kohle der Autoindustrie in die Taschen! Dort wird die Bahn kaputt gemacht, nicht bei der Bahn selbst!
Ja auch die "blöde" EU trägt dazu bei!

Aber am meisten entäuscht bin ich hier von den "Grünen", musste doch die Bahn ihren Diesel höher versteuert einkaufen, Landwirte bekommen rabatte, Kerosin ist deutlich billiger, vielleicht sollte die Bahnindustrie ja auf Kerosin umrüsten ?!?!?
Dann der Schwachsinn der schlechthin, die Bahn muss für jeden Schienenmeter zahlen! Warum????? Die Schienen sind doch Staatseigentum!!!!!! Aus unseren Steuern bezahlt!!!! Von der Autoindustrie mit Neid im Blick!! Prangert endlich unsere geldgeilen Politiker an!!!!!!!!!!!!



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