Israel Finkelstein / Neil A. Silberman: David und Salomo.
Archäologen entschlüsseln einen Mythos. Aus dem Englischen von
Rita Seuß. Verlag C.H. Beck, München 2006, 298 Seiten, 24,90 Euro.
Archäologen entschlüsseln einen Mythos. Aus dem Englischen von
Rita Seuß. Verlag C.H. Beck, München 2006, 298 Seiten, 24,90 Euro.
Von Heinrich Schliemann wird berichtet, dass er schon als knapp Achtjähriger Troja finden wollte. Und dieser kindliche Glaube, der als Tatsache nimmt, was als Fiktion gilt, ließ ihn später tatsächlich sein Ziel erreichen. Ein Märchen. Doch dann ging Schliemann zu weit. Für ihn musste jeder in Troja gefundene Goldklunker einst Helena geziert haben, eine Wallanlage konnte nur den Palast des Priamos umschlossen haben und hätte er ein paar Latten gefunden, wären uns auch noch Überreste des trojanischen Pferds überliefert worden. Schliemann erlag einem Zirkelschluss. Er setzte voraus, dass die homerischen Epen buchstäblich die historische Wirklichkeit beschrieben. Aufgrund dieser Annahme deutete er seine archäologische Funde, die dann wiederum bewiesen, dass Homer tatsächlich einen geschichtlichen Bericht abgefasst hatte. Was Schliemann indes eigentlich fand, waren Belege dafür, dass die Ilias durchaus einen historischen Kern haben könnte.
Dies ist, bei einigen Streitpunkten im Einzelfall, seit langem anerkanntes Gemeingut. Ganz anders liegt der Fall offenbar bei der Suche nach archäologischen Belegen für eine weitere schriftliche Überlieferung. Als Israel Finkelstein und Neil A. Silberman vor einiger Zeit bemerkten, die bisherige biblische Archäologie sei einem Zirkelschluss aufgesessen ähnlich dem Schliemanns, war die Aufregung groß. Bei unvoreingenommener Untersuchung der archäologischen Funde, argumentierten die beiden, könne es keinen historischen Abraham, keinen Auszug aus Ägypten und Keine Posaunen vor Jericho (so der Titel ihres 2001 erschienen Buches) gegeben haben. Letzteres einfach deshalb, weil Jericho zum Zeitpunkt der vermeintlichen Eroberung durch die Israeliten keine Stadtmauern hatte, die zum Einsturz hätten gebracht werden können.
Der provozierendsten These des ersten haben Finkelstein und Silberman jetzt ein eigenes Buch gewidmet: David war kaum mehr als ein Banditenhauptmann und Jerusalem zur Zeit Salomos bestenfalls ein unbedeutendes Dorf. Brisant ist das vor allem, weil sich auf die Historizität der in den Büchern Samuel und Könige berichteten Geschichte neben Archäologen, Geschichtswissenschaftlern und Theologen auch politische Interessen im gegenwärtigen Staat Israel berufen. Die Vision eines geeinten Großisraels und damit die umstrittene Siedlungspolitik gründen sich nicht zuletzt auf die Grenzen des dreitausend Jahre alten Königreichs Davids.
Doch sind die archäologischen Belege mager. Stadttore und Ställe von Meggido, die man Salomos Bautätigkeit und Pferdereichtum zuschrieb und Zerstörungsschichten in Orten wie Dan, Tell Qasile oder Rabba, die mit Davids Eroberungen in Zusammenhang gebracht wurden, beweisen die historische Wahrheit nur, man erinnere sich an Schliemann, wenn bereits vorausgesetzt wird, dass der biblische Bericht zutrifft. Ja, mehr noch: Im Falle der Zerstörungsschichten haben neuere Forschungen ergeben, dass diese erst rund hundert Jahre nach Davids vermeintlicher Regierungszeit im 10. Jahrhundert v. Chr. entstanden. Umgekehrt gibt es kaum einen Hinweis für eine nennenswerte Besiedelung Jerusalems zu dieser Zeit. Freilich können am vermuteten Standort der Davidstadt keine Ausgrabungen vorgenommen werden, weil sich dort mittlerweile der Felsendom und die al-Aqsa-Moschee befinden, "doch selbst großflächige Grabungen an den Hängen ... des Tempelbergs beförderten nur ein paar verstreute Tonscherben aus dem 10. Jahrhundert zu Tage". Keine Spur vom salomonischen Tempel oder auch nur anderer bedeutender Bauten, wie sie in der Hauptstadt eines Großreiches füglich zu erwarten wären.
Ist diese Beweisführung absolut schlagend, ziehen Finkelstein und Silberman daraus jedoch keineswegs den Schluss, dass es sich bei den Begründern des "Hauses David" um rein fiktive Gestalten gehandelt hätte. Vielmehr zeichnen sie mit den vorhandenen archäologischen Funden, parallel überlieferten historischen Zusammenhängen und vor allem einer minutiösen Lektüre des alttestamentarischen Texts eine alternative Geschichte des historischen Davids und der Genese seiner Legende in der Bibel. Danach war er zunächst ein Räuberhauptmann, der durch waghalsige Manöver zu Macht gelangte und ein lokaler Stammesführer im Bergland Judas wurde; ein Held wie Robin Hood, dessen Abenteuer über Jahrhunderte mündlich tradiert und dabei zwangsläufig modifiziert wurden.
Zum Zeitpunkt der schriftlichen Fixierung, nach Finkelstein und Silberman ab dem 8. Jahrhundert v. Chr., diente die Geschichte von David und Salomo jedoch anderen Zwecken. Es handele sich um ein "raffiniertes Propagandawerk" , schreiben die Autoren. Kurz gefasst sollte die Davidgeschichte die Herrschaft des südlichen Juda über Israel im Norden legitimieren, zu einem Zeitpunkt, als der Süden unter der Oberherrschaft der Assyrer einen wirtschaftlichen und politischen Aufschwung erlebte. Die Salomolegende sollte die Teilnahme am "globalisierten" Fernhandel der damaligen Welt unter König Manasse rechtfertigen. Schließlich und vor allem sollte ein goldenes Zeitalter militärischer und wirtschaftlicher Erfolge beschworen werden, das wegen des einigenden Glaubens an den einen Gott und seine Verehrung in einem Tempel entstehen konnte, um den religiösen und politischen Zentralismus Jerusalems zu festigen. Diese archäologische und hermeneutische Umdeutung gelingt so überzeugend, dass die Verfechter eines historischen Davidischen Königreichs künftig sehr starke Argumente und deutliche Belege werden beibringen müssen.
Für den unvoreingenommenen Leser ist die durchweg spannende Lektüre dabei auch eine Reise in die eigene Kindheit, denn wer hätte sich nicht vorgestellt, er wäre der Hirtenknabe, der für die gute Sache mit einer einfachen Schleuder einen bis an die Zähne bewaffneten Riesen tötete? Nun war also auch dies nur Fiktion und die symbolische Bedeutung wichtiger als das faktische Geschehen, worauf schon der Religionsunterricht hingewiesen hatte: Davids Gottvertrauen hätte ihn siegen lassen und nicht etwa seine technischen Fertigkeiten. Zweifellos wird die religiöse Bedeutung der Davidlegende damit nicht geschmälert, und die literarische Kraft des Berichts, dessen Wirkung seit über zweitausend Jahren anhält, rückt erst richtig in den Blick - Heinrich Schliemann hätte eine solch aufgeklärt-rationale Betrachtungsweise aber wohl kaum nach Troja, Mykenä und Tiryns geführt.

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