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George Steiner

Mit der Souveränität des Alters

Von Gert Loschütz

Die ungeschriebenen Bücher sind es, die einen bis in den Schlaf verfolgen. Sie lassen einen nachts hochfahren und über die in ihnen angelegten Möglichkeiten nachdenken, und wenn man Pech hat, verwickelt einen das an seinem Auftritt gehinderte Personal in lange, bis in den Morgen hinein dauernde Dispute, so dass einem der folgende Tag vergällt ist.

Bei dem mit der Souveränität des Alters gesegneten George Steiner, der in seinem neuen Buch in sieben Kapiteln von sieben Büchern erzählt, die er gern geschrieben hätte, aber nicht geschrieben hat, ist das anders. Zwar ist auch für ihn das ungeschriebene Buch ein Problem: "Es begleitet die Arbeit, die man getan hat, wie ein lebendiger Schatten." Zwar hält auch er es für möglich, dass das ungeschriebene Buch es ist, "das entscheidend hätte sein können. Das einem hätte gestatten können, besser zu scheitern. Oder vielleicht nicht." Aber eigentlich spürt man hier vor allem eines: wie sehr Steiner mit sich im Reinen ist.

Steiner ist ein erzählender "Philosoph", kein Systematiker, oder zumindest verzichtet der gelernte Komparatist, der in Cambridge, Genf, Oxford und Harvard gelehrt hat, in seinen nichtwissenschaftlichen Arbeiten darauf, sich dem Leser als solcher zu präsentieren. Vielmehr liebt er es, sich durch die Geistesgeschichte treiben zu lassen, um bald hier, bald da seine Netze auszuwerfen, und was er dabei herauszieht, ist so anregend, dass es Denkanstöße für mehrere Symposien liefern könnte. Es macht (wenn es nach all den ihm in den letzten Jahren widerfahrenen Heiligsprechungen erlaubt ist, solche Kategorien einzuführen) Spaß, ihm beim Jonglieren mit Begriffen, beim miteinander in Beziehung setzen und Verknüpfen der unterschiedlichsten Gebiete zuzuschauen.

Vor vielen, vielen Jahren - ich war noch sehr jung - habe ich ein vom Fernsehen aufgezeichnetes Gespräch mit Ernst Bloch gesehen, er war schon sehr alt, und ich erinnere mich an den Schock, den es mir versetzte, als mir klar wurde, dass dieses ungeheure, in Bloch versammelte Wissen mit seinem Tod erlöschen würde. Und jetzt, bei der Lektüre von George Steiner, geht es mir wieder so. Auch Steiner gehört zu der kleinen Schar von Universalgebildeten, deren Wissen für uns ganz unverzichtbar ist.

Die Art, wie er in einem Porträt des englischen Biologen und Sinologen Joseph Needham mit Blick auf den Vorsprung, den die chinesischen Wissenschaften bis zum Anbruch der Neuzeit gegenüber den westlichen behauptet haben, ganz nebenbei den Gedanken des "folgenlosen Wissens" einführt, das sich - aus welchen Gründen auch immer - dem Sprung in die Moderne verweigert, hat etwas Bestechendes.

Für seine These, dass es sich bei dem unglücklichen Cecco d'Ascoli, der durch seine große, auf Experimenten und Beobachtungen beruhende Gelehrsamkeit beinahe zwangsläufig mit der katholischen Kirche in Konflikt geraten musste, um einen vom Neid zerfressenen Konkurrenten Dantes gehandelt habe, gibt es wohl keinen Beleg, aber es macht Vergnügen zu beobachten, wie Steiner, dem Phänomen der "invidia",des Neides also, am Beispiel Ceccos beizukommen versucht, auch wenn er das spezielle Problem, das sich aus dem Lehrer- und Schülerverhältnis ergibt, in seinen unter dem Titel "Der Meister und seine Schüler" zusammengefassten Vorlesungen schon erschöpfend behandelt hat.

Im Zentrum des Buches aber steht der große, alle anderen Themen dunkel überstrahlende Essay über das Judentum. Woher kommt der durch die Jahrhunderte immer wieder aufflackernde und in seiner letzten, schrecklichen Konsequenz im Völkermord endende Antisemitismus?

Die psychosozialen Muster, die in unzähligen Büchern zur Beantwortung dieser Frage herangezogen werden, sind bekannt, und doch bleibt ein Rest, ein Ungenügen, das Gefühl, dass es das noch nicht sein kann, dass dahinter noch etwas anderes lauern muss, eine andere Wahrheit, und diese ist es, die Steiner in immer neuen Anläufen einzukreisen versucht. Was, wenn es am Ende doch der alte, theologisch begründete, in den Israeliten die Mörder Gottes erblickende Judenhass wäre, der hinter den Verfolgungen und Mordbrennereien des Mittelalters wie der Neuzeit stünde? Oder ist es am Ende die jüdische Gottesvorstellung selbst, durch den sich die Juden den Hass der Nichtjuden zugezogen haben? Dann würde "der Jude gehasst, nicht weil er Gott ermordet, sondern weil er ihn erfunden und geschaffen hat". Und mit Gott, muss man hinzufügen, mit diesem unvorstellbaren, unabbildbaren, jedes menschliche Fassungsvermögen übersteigenden Gott jenen Katalog so schwer erfüllbarer ethischer Forderungen. Sind sie es, gegen die sich der Hass letztlich richtet?

"Nichts", meint Steiner, "erzeugt tieferen Abscheu als Forderungen, die man nicht erfüllen kann, bei denen man aber … unterbewusst erkennt, dass sie unwiderleglich sind." Dieser Abscheu, dieses Ressentiment ist es, nach Steiner, "das dem Judenhass zugrunde liegt und ihn verewigt." Hier liegt seiner Überzeugung nach der letzte Grund: in unserer Überforderung durch Gottes Gesetz, die wir den Juden als seinem Volk nicht verzeihen. Auch dies ein Gedanke in diesem gedankenvollen Buch, der weiter verfolgt zu werden verdient.

Der Schriftsteller Gert Loschütz veröffentlichte in diesem Herbst den Erzählungsband "Das erleuchtete Fenster".
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Dokument erstellt am 29.10.2007 um 16:24:02 Uhr
Letzte Änderung am 30.10.2007 um 10:03:12 Uhr
Erscheinungsdatum 30.10.2007
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