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Manifeste gegen die Ordnung

Zum Tode von Alain Robbe-Grillet, dem Vater des Nouveau Roman
VON MARTINA MEISTER

Seine Antrittsvorlesung in der Académie Française hat er nicht gehalten. Der Streit zog sich in die Länge. Alain Robbe-Grillet, der Sonderling, wollte sich kein Schwert schmieden lassen, wollte sich auch nicht eines dieser grünen Kostüme schneidern lassen, in denen Frankreichs größte Dichter und Denker aussehen, als seien sie beim Maskenfest. Er wäre am liebsten im Rollkragenpullover aufgenommen worden. Der war seine Uniform.

Erst im vergangenen Mai wurde freundlich angefragt, ob er eventuell bereit sei, in die älteste Institution Frankreichs aufgenommen zu werden. Robbe-Grillet, 2004 als "Unsterblicher" gewählt, war nicht bereit. Und er machte sich einen Spaß daraus. Nun ist sein Auftritt dort auf Ewigkeit verschoben: In der Nacht von Sonntag auf Montag ist Alain Robbe-Grillet in Caen gestorben. Er war 85 Jahre alt, sein Humor war intakt. Nur sein Herz hat versagt.

Dieses Ende sieht ihm ähnlich. Danach befragt, welche Persönlichkeit er hätte sein wollen, antwortet er stets: Robbe-Grillet.

Jener Alain Robbe-Grillet eben, dem es lange Zeit an Anerkennung und Geld gemangelt haben mag, nie aber an Selbstwertgefühl. Von Anfang an hat er die Maßlosigkeit kultiviert, Platz geschaffen für das eigene Ich, für dieses grenzenlose Ego, das vielleicht der eigentliche Motor des Schreibens ist.

Als er im Alter von vierzig Jahren beschloss, dem Pariser Literaturbetrieb den Rücken zuzukehren und aufs Land zu ziehen, genügte ihm kein Bauernhof. Es musste ein Schloss sein, ein Schloss in der Normandie, eines mit riesigem Park, das er mit Vorschüssen bezahlte für Bücher, die er noch nicht geschrieben hatte. Spielraum für dieses Ich aber schuf er vor allem in seinen Filmen und zahllosen Romanen, an die zwanzig hat er über die Jahre geschrieben. Sie boten Platz für Fantasien und Fantasmen, Raum für Robbe-Grillet.

Nur hat er mit diesen Büchern vor allem eines bezweckt: Die Spur zu verwischen, die zu ihm führte. Wer war dieser Alain Robbe-Grillet, der bis ins hohe Alter wie ein junger Mann durch die Welt reiste? Der Papst des Nouveau Roman, wie er seit den späten fünfziger Jahren genannt wurde? Der Schlossherr mit der fantastischen Kakteensammlung? Der Ehemann Catherines, die ungeachtet ihres fortgeschrittenen Alters Besuchern stolz ihre sado-masochistische Rumpelkammer zeigt? Der Voyeur aus dem gleichnamigen Roman?

Robbe-Grillet war vor allem ein Spieler. Er war der Doppelgänger, der seine Romane bevölkert. Als Kind, erzählt er einst, habe er das erste Mal seinen Doppelgänger gesehen. Danach in Korea, in einer Hafenstadt. Jemand saß in einem Straßencafé und las Le Monde. Als er die Zeitung niedersinken ließ, konnte Robbe-Grillet in sein eigenes Spiegelbild blicken. Und auch diese Erfahrung will er nur mit den ganz Großen teilen: Nabokov und Borges. Robbe-Grillet ist auch der Corinthe seiner drei als "Romanesques" betitelten Bücher, die man eigentlich Autofiktionen nennen müsste. Bücher, in denen er das Spiel mit der Identität auf den Gipfel treibt, in denen sich sein Leben spiegelt wie in den Bildern des Malers Corinth, der auch nichts lieber auf die Leinwand brachte als das eigene Porträt.

Und nicht zuletzt war Alain Robbe-Grillet auch der Protagonist aus seinem Roman "Die Wiederholung", jene obskure Figur, die nur der "Reisende" genannt wird. Sie gelangt in die Ruinenstadt, das Berlin der Nachkriegszeit, ändert fünf, sechs Mal den Namen und mit dem Namen jedes Mal die Identität. Als das Buch in Frankreich erschien, regnete es Elogen. Zum ersten Mal. Denn jahrzehntelang hatte die Literaturkritik seine Romane als unlesbar verworfen.

Seine Essaysammlung "Pour un Nouveau Roman" (deutsch: "Argumente für einen neuen Roman") hatte ihn zwar zum Vater jener Bewegung gemacht, aber anders als beispielsweise Marguerite Duras, deren Bücher breite Leserschaften erreichten, blieben seine Bücher harte Intellektuellenkost. So war Robbe-Grillet über die Jahre ein toter Klassiker geworden, einer, der in den Schulbüchern und Literaturgeschichten auftaucht, der in den Regalen verstaubt, den aber niemand lesen mag. Ein "Museum auf Beinen", wie er selbst sagte, ein Dinosaurier, den man tot glaubte, lange vor seiner Zeit.

Mit "Die Wiederholung" wollte Robbe-Grillet der Welt zeigen, dass der alte Dinosaurier wie ein Drache Feuer speien kann. Die Literaturmagazine widmeten ihm plötzlich ganze Sondernummern, feierten ein Buch, in dem sich sein gesamtes Werk spiegele. Es war ein spätes Geschenk für ihn und auch eines für seine Leser: ein kunstvolles Amalgam aus Autobiografie, antikem Drama und Kriminalroman. Diese Vielschichtigkeit mag der Grund sein, warum er als "Gründungstext des 21. Jahrhunderts", als einer der "modernsten Texte der vergangenen Jahre" gefeiert wurde.

Dass er diesen Erfolg auf den Ruinen von Nachkriegs-Berlin aufbaut, ist kein Zufall. Der ganze Nouveau Roman fußt schließlich auf Ruinen, den Ruinen der Sprache, der man nach der Katastrophe des 20. Jahrhunderts nicht mehr trauen konnte. Es war, so hat er selbst formuliert, das Trauma des Nationalsozialismus, das ihn zum Schreiben brachte. Für den jungen Robbe-Grillet, aufgewachsen in einem extrem konservativen Elternhaus, in dem das nationalsozialistische Deutschland bewundert, das chaotische Frankreich verachtet wurde, brach nach dem Krieg eine Welt zusammen. Aber das Trauma hat keine schwere, melancholische Literatur hervorgebracht, sondern eine spielerische.

Alain Robbe-Grillets Bücher sind ein Manifest gegen die Ordnung, mit der er spielte in eben diesen Büchern - und die letztlich immer wieder wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt. Es sind Texte mit doppeltem Boden. Der Leser wird zum Archäologen, der in den unendlichen Schichten, in den Tiefen des Textes immer neue Funde macht. Er wird nicht nur Robbe-Grillets vorherige Bücher darin entdecken, auch Kafka und Kierkegaard, er wird mit den Motiven der Zwillinge, des Inzests und der Blendung in die griechische Mythologie zurückgeworfen, in eine ferne Vorzeit, die noch immer zählt. "Denn im Grunde ist es die immergleiche, alte Geschichte, die wir wieder und wieder erzählen."

Diese Geschichte, sie ist nun beendet. Er wird fehlen. Als Widersacher in der französischen Literatur. Als Reisender auch, der, allein mit einem roten Schal bewaffnet, Deutschland durchquerte, um aus seinem jüngsten Buch zu lesen und immer, bei jedem Halt, die besten Weine bestellte. Von ihm bleiben die Bücher - und eine sagenhafte Sammlung von Kakteen.


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Dokument erstellt am 18.02.2008 um 17:16:02 Uhr
Erscheinungsdatum 19.02.2008
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