Leipzig/Frankfurt (dpa/ap) - Die Schmach von Klagenfurt ist gesühnt. Clemens Meyer, der Literat aus dem Sozialviertel erhält den Preis der Leipziger Buchmesse für Belletristik.
Meyers Freude war unübersehbar: Er hüpfte auf der Bühne umher und posierte mit einer Flasche Bier für die Fotografen. Der Autor sagte: "Ich hatte mir viel Unsinn überlegt, den ich hier sagen wollte. Ich habe aber heute schon genug Unsinn erzählt, also sage ich nichts und schreibe weiter Bücher."
Bereits sein Debütroman "Als wir träumten" war ein Erfolg. Mit seinem unkonventionellen Kurzgeschichten-Band "Die Nacht, die Lichter" etabliert er sich nun endgültig in der Literatur-Szene nachdem er 2006 bei der Ingeborg-Bachmann-Preisverleihung in Klagenfurt gänzlich leer ausging.
Die Jury unter Vorsitz des Literaturkritikers Ulrich Greiner ("Die Zeit") würdigte die "sprachliche Eleganz" von Meyers Buch, das 15 Erzählungen enthält. Der 1977 geborene Autor, der in Leipzig lebt, beschäftigt sich darin mit den - meist enttäuschten - Hoffnungen von Menschen unserer Zeit.

Mit schlafwandlerischer Sicherheit strickt Clemens Meyer weiter am Todestrieb: Seine "Stories" gehören den Abstürzenden.
Mehr
Meyer erzählt von einem Junkie auf Entzug, der jede Verbindung zur Realität verloren hat. Er schreibt über ein Pärchen, das sich nach langer Zeit mit leiser Hoffnung auf einen Neubeginn trifft. Er führt seine Leser auf die Pferderennbahn, wo ein einsamer Hundefreund das Geld für die teure Operation seines Vierbeiners zusammenbringen will. Und er lässt sie teilhaben an der Sehnsucht eines Langzeitarbeitslosen nach der großen weiten Welt.
Eine der stärksten Geschichten ist die von dem schwarzen Boxer, der durch die Betonwüste einer ostdeutschen Großstadt um sein Leben rennt. Der Sportler ist aus Rotterdam nach Deutschland gekommen, wo er wieder einmal, denn das ist sein Job, freiwillig verlieren sollte, um talentiertere Gegner im Ring vorwärts zu bringen. Doch dieses Mal lässt er sich nicht zusammenschlagen. Er siegt, wird von zwielichtigen Kumpels des Unterlegenen verfolgt, dann von Neo-Nazis gehetzt, um sich schließlich dem Kampf zu stellen.
Mit dem ihm eigenen, immer wieder variierten Sound zieht Meyer seine Leser mitten hinein ins Milieu seiner Protagonisten in Einraumwohnungen ohne Möbel, dafür aber mit Batterien leerer Bierflaschen auf dem Balkon. Auch wenn sie vordergründig nichts miteinander zu tun haben, stehen die Geschichten, von denen sich so manche an der amerikanischen Short Story orientiert, in einem inneren Zusammenhang.
Liebmann und Vogelgsang in Kategorien Sachbuch und Übersetzung ausgezeichnet
Neben Meyer gewannen Irina Liebmann (Sachbuch/Essayistik) und Fritz Vogelgsang (Übersetzung) den je mit 15.000 Euro dotierten Preis.
Irina Liebmann erhält die Auszeichnung für das Buch über ihren Vater Rudolf Herrnstadt, "Wäre es schön? Es wäre schön!" Herrnstadt war viele Jahre lang einer der bekanntesten Journalisten der DDR, wurde aber 1953 wegen seiner kritischen Haltung aus der SED ausgeschlossen und totgeschwiegen. Er starb 1966.
Die Jury argumentierte, ihr Werk vermag "in unglaublich eindringlicher Art und Weise Familiengeschichte als Weltgeschichte darzustellen".
Vogelgsang wiederum wurde für die Übersetzung des 1490 in altkatalanischer Sprache erschienenen Werkes "Der Roman vom Weißen Ritter" von Joanot Martorell ausgezeichnet. Die Jury lobte sein jahrzehntelanges Engagements für Martorells Werk, das nun erstmals in vollständiger deutscher Übersetzung vorliege.
Insgesamt befasste sich die Jury mit mehr als 750 Büchern. In die engere Auswahl kamen schließlich fünf in jeder Kategorie. Der Preis der Leipziger Buchmesse wurde zum vierten Mal verliehen.