Die kurioseste Langeweile des Frühjahrs bietet Christine Gräfin von Brühls Buch "Noblesse oblige". Hier lernt der Leser: "Der Adlige treibt durchaus Sport, und das nicht zu knapp. Mein eigener Urgroßvater war ein so wilder Tennisspieler, dass er in den Wintermonaten den hauseigenen Rittersaal zum überdachten Tennisplatz umfunktionierte." Oder: "Dann wird gefeiert, dass die Schwarte kracht." Schreibt sie wirklich "die Schwarte kracht"? Ja, das tut sie.
Auch über den Humor der Adligen ist einiges zu erfahren. "Warum holt man sich jemanden ins Haus, bei dem man Gefahr läuft, dass er ... den Damen den Sekt nicht in ihr Glas, sondern knapp daneben in den Ausschnitt gießt?" Keine Ahnung. Und wir lernen es auch nicht in diesem Buch, dafür aber einiges über adlige Erziehung (konservativ), Heiratsriten (erzkonservativ), Kleiderordnung (stockkonservativ), Berufsziele (bescheiden).
Merke: Das Ärgste auf der Welt sind "Mischehen" (kath./ev.) und das Wort "Sakko". "Die Bezeichnung Sakko ist so spießig, dass alle Adligen schreiend davonlaufen, wenn sie das hören." Es gibt aber auch Adlige, die schreiend davonlaufen, wenn sie die Wendung "die Schwarte kracht" hören. So ist das mit den Adligen.
Auf Seite 106 streut Brühl allerdings eine wichtige Bemerkung ein. Wer "nicht dazugehören will, ist eigentlich auch kein Adliger". Da wird einem persönlich manches klar. Wer aber wissen will, was "schlopsen" heißt und wie das kümmerliche Gesellschaftsspiel "Falsche Komplimente" geht (wirklich ein Spiel, kein Bild für irgendwas!), wer also mitreden und mitspielen will, ist hier am Platze.
Die einen mögen das Buch als amüsant formulierten Erziehungsratgeber schätzen. Die anderen folgen vielleicht dem Verlag gerne "hinter die Kulissen einer exklusiven Parallelgesellschaft". Die dritten werden abwechselnd gähnen und sich wundern, beides mit der gebotenen Zurückhaltung. Auch Brühl selbst hält sich zwar zurück. Sie gehört dazu und ist zugleich promovierte Geisteswissenschaftlerin - laut Buch eine Abnormität.
Es wird aber doch deutlich, dass Adlige, die ein adliges Leben führen, Gefahr laufen, arme Würste zu sein. Da der Adel in Deutschland gesetzlich abgeschafft ist, haben sie sich privat in Vereinen organisiert. Nun ist es de facto, als würde ein Kleingärtnerverein nur Mitglieder aus Kleingärtnerfamilien zulassen, oder Frauen aus meinetwegen Arztfamilien, die einen Kleingärtner geheiratet haben.
Christine Gräfin von Brühl: Noblesse oblige. Die Kunst, ein adliges Leben zu führen. Eichborn Verlag, Frankfurt/M. 2009, 253 S., 17,95 Euro.


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