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Sachbuch "Aufstand"

Drei Stufen zum Erfolg

Von Rolf Wiggershaus

Die 2007 erschienene Originalausgabe des jetzt in einer vorzüglichen Übersetzung vorliegenden jüngsten Buches des US-amerikanischen Historikers und Politikers William F. Polk trägt den Titel "Violant Politics. A History of Insurgence, Terrorism & Guerilla War, from the American Revolution to Iraq". Darin kündigte sich der doppelte Effekt dieses Gangs durch mehr als zwei Jahrhunderte der Geschichte von Aufständen gegen Fremdherrschaft an: Begriffe wie "Terror" und "Guerilla", die gewöhnlich mit distanzierendem und verachtendem Ton auf Aufständische in Ländern wie Afghanistan, Irak oder Palästina angewandt werden, benutzt Polk auch für die Beschreibung des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs gegen die Engländer. Was im allgemeinen fern und fremd erscheint, wird so entdämonisiert und zu einer verständlichen menschlichen Reaktionsweise in Situationen, in denen gewaltlose Mittel des Widerstands gegen Fremdherrschaft verwehrt sind.

Das Buch besticht durch die Verbindung von knapper Schilderung des allgemeinen Wesens von Aufständen gegen Fremdherrschaft und der differenzierten Analyse einzelner Beispiele. Diese rgeben ein zeitlich und räumlich weit gespanntes Spektrum, zu dem unter anderem der spanische Guerillakrieg gegen Napoleon, der Unabhängigkeitskampf der Iren, der Mau-Mau-Aufstand in Kenia und die vietnamesischen Befreiungskämpfe gehören. Gerade diese vergleichende Untersuchung, die die Besonderheiten von Kultur, politischer Vorgeschichte und politischem Bewusstsein der Aufständischen und ihrer fremden Herrscher berücksichtigt und auf diese Weise das Zustandekommen eines "Aufstandsklimas" und den Verlauf der Auseinandersetzungen nachvollziehbar macht, zeigt, dass der Grund für eine "Politik der Gewalt" letztlich stets der gleiche ist: Terror und Guerillakrieg erweisen sich als politische Ultima ratio, um fremde Herrscher loszuwerden.

Um den Guerillakrieg zu begreifen, muss man sich, so Polk, seine Zusammensetzung aus drei Elementen und deren unterschiedliches Gewicht klarmachen: das Politische macht 80 Prozent aus, Verwaltungseinrichtungen 15 und der bewaffnete Kampf fünf Prozent. Allerdings ist der bewaffnete Kampf das spektakulärste und kenntlichste Element, und gerade Terrorakte bilden häufig das erste Stadium eines Aufstandes, wenn die Aufständischen noch zu wenige sind und über zuwenig Waffen verfügen, um als Guerilleros kämpfen zu können. Eine kritische Masse für ausgedehntere Operationen erreichen Rebellen erst, wenn sie als Vorkämpfer der nationalen Sache anerkannt werden und dadurch politische Legitimität erworben haben.

Das Buch

: Aufstand. Widerstand gegen Fremdherrschaft. A. d. Engl. v. Ilse Utz. Hamburger Edition 2009, 340 Seiten, 32 Euro.
Damit ist dann von den drei Stadien, die nach Polks Analyse Aufstände in der Regel durchlaufen, das zweite erreicht: die Zerstörung des Verwaltungsapparats der Fremden bzw. ihrer einheimischen Verbündeten und der Aufbau eigener Einrichtungen bzw. eines "Gegen-Staats". Das gelingt nicht ohne Gewalt gegen Einheimische. Denn Einheimische, die sich den Fremden anschließen, sind für die nationale Sache gefährlicher als die Fremden selber. Im Unterschied zu jenen sind sie nämlich in der Lage, eine einheimische Regierung zu bilden. Folglich, so demonstriert Polk am Beispiel der Amerikanischen Revolution, "griffen die Aufständischen in den 1760er und frühen 1770er Jahren, so wie in jedem späteren Guerillakrieg, der im Irak eingeschlossen, ihre renitenten Mitbürger häufiger an als die ausländischen Soldaten. Am Ende des Krieges waren fast 11000 - etwa jeder zwanzigste Siedler - geflohen."

Versuchen die Fremden ihre einheimischen Verbündeten zu schützen, müssen sie teils in die Defensive gehen, teils unpopulären Maßnahmen gegen die Bevölkerung ergreifen. Beides führt zu einer Verringerung statt zu einer Erweiterung ihrer Kontrolle über die Zivilbevölkerung.

Polks Geschichte und Analyse von Aufständen gegen Fremdherrschaft hat ein eindeutiges Ergebnis: "Wie viele Soldaten und Zivilisten auch getötet werden, [...] wie viele wirksame und moderne Waffen auch eingesetzt werden, eine fremde Macht ist nicht in der Lage, einen entschlossen geführten Aufstand militärisch niederzuschlagen - es sei denn durch einen Genozid." Dazu wäre es im Falle Irlands ohne die Nahrungslieferungen irischer Auswanderer im 19. Jahrhundert nach Jahrhunderte langem Widerstand gegen die Engländer fast gekommen.

Andere Beispiele wie Algerien und Vietnam machen deutlich: Für den Erfolg eines Aufstandes, nämlich den Abzug der Fremden und die Entmachtung ihrer einheimischen Verbündeten, kann etwas anderes genauso ausschlaggebend sein wie der erfolgreiche Kampf regulärer Truppen in einem dritten Stadium der Rebellion: Frankreich und die USA verloren den Algerien- bzw. den Vietnam-Krieg letztlich vor allem in den Heimatländern, in denen es zu einem Erschrecken vor sich selbst kam. Dass das auch ein Sieg war, nämlich ein Zurückschrecken vor dem Genozid, und dass die Realitäten eine dritte Möglichkeit nicht zulassen - das ist die nüchterne Lehre dieses an Einsichten reichen Buches eines unbestechlichen Autors.


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Dokument erstellt am 26.10.2009 um 15:17:03 Uhr
Letzte Änderung am 26.10.2009 um 16:30:49 Uhr
Erscheinungsdatum 27.10.2009 | Ausgabe: d
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