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Man traute ihm alles zu

Franz Bleis "Erzählung eines Lebens" von 1930 zeigt den Talentsucher, Trüffelfisch und Erotomanen at his best
VON OLIVER PFOHLMANN

Müssen die Nabelschauen vergangener Epochen ausgegraben werden, wie es jetzt der Zsolnay Verlag mit der Autobiografie Franz Bleis aus dem Jahr 1930 getan hat? Zumindest in diesem Fall darf man sagen: Gerade sie! Lassen Bleis Reflexions- und Erzählkünste doch noch den Skeptiker des Genres staunen. "Alle Welt weiß genau, was man nach dem Aufknöpfeln zu sehen bekommt. Aber es genügt die Geste, und alle Welt ist bewegt. Das ist die Magie der Literatur", verspottete Blei den Exhibitionismus der Roaring Twenties. Ausgerechnet Blei, könnte man sagen. Denn diesen in Wiener und Berliner Cafés stets von hörigen Elevinnen, hoffnungsfrohen Protegés und allerlei Gerüchten umgebenen Literaten hielten viele für einen Pornografen. Seine Vorlieben für abseitige Autoren und Amouren waren bekannt, ebenso die Titel der bibliophilen Lustbarkeiten, mit denen Blei als Herausgeber betuchte Literaturgourmets beglückte, wie Die Lehrbücher der Liebe, Das Lustwäldchen oder Die Puderquaste.

Der blassen, dandyhaften Erscheinung im klerikalen Schwarz, mit dem schlohweißen Haar und der runden Hornbrille traute man alles zu. Man kann sich daher Bleis Vergnügen vorstellen, als er beim Schreiben seiner Autobiografie alles tat, um anstelle der Schaulust den Geist seiner Leser zu befriedigen. Wozu auch der überaus exakte Stil dient, voll verwegener Satzperioden, geschliffener Paradoxien und erlesener Ellipsen bis an die Grenzen des grammatikalisch Zumutbaren. Wie in dem Kapitel, das jenem "süßen Mädel" gewidmet ist, das dem 16-Jährigen einst die Unschuld verlieren half - mit seiner Synthese von Gesellschaftskritik, Pubertätspsychologie und antiromantischer Selbstironie nicht nur ein Höhepunkt des Buches, sondern auch der erotischen Literatur.

Mit knapp 60 Jahren "erzählte" Blei notgedrungen, d. h. aus Geldmangel, sein Leben: "nahezu ein Privatleben", wie er schreibt, das "ein Nichts von Schatten wirft, das als Leistung anzusprechen wäre". Tatsächlich war der heute weitgehend vergessene Blei der bedeutendste Literaturvermittler der literarischen Moderne. Seine Spürnase entdeckte Robert Walser, Broch, Kafka, Musil und viele vergessene Dichter wie Moritz oder Lenz, er beriet Verleger wie Samuel Fischer, Kurt Wolff und Ernst Rowohlt und knüpfte bereits vor dem Krieg ein europaweites literarisches Netzwerk. Nachdem er jedoch das väterliche Erbe mit kostspieligen Zeitschriftenprojekten durchgebracht hatte, war die finanzielle Not stärker als das "völlige Desinteressement" an seiner historischen Person, dieser ohnehin nur "fingierten Einheit". "Es kostet mich sehr viel Mühe, mir den Kopf so zu drehen, daß das Gesicht im Nacken steht. Ich glaube ja immer noch, daß erst alles kommt", schrieb er 1926 seinem Freund Carl Schmitt.

Die Konsequenz der dritten Person


Was also tun? Vielleicht sich selbst nur als Beispiel nehmen, um statt von sich von seiner Zeit zu erzählen, ihren Ideen, Motiven und Charakteren? Und den Leser, zunächst den zeitgenössischen, aber vielleicht auch noch den nachgeborenen, gelegentlich daran zu erinnern, "daß er sich hier mitlese, um nicht enttäuscht zu sein, wie er es wäre, wenn er offenen Mundes verblüffende Mitteilung eines höchst ungewöhnlichen Einzellebens erwartet." Wem das von Nietzsche, Mach und Freud demolierte Ich als "zweifelhafte Personage" für ein Buch erscheint und die allgemeine Hochschätzung des Individuums als lächerlicher Irrtum, spricht konsequenterweise von sich nur in der dritten Person. Und wird es doch einmal richtig intim, schrumpft Blei gar auf die unscheinbare Größe eines "man" zusammen.

Von seinen Affären und seiner Ehetragödie erfährt der Leser wenig Konkretes, stattdessen, dass es Menschen gibt, "die, nirgendwo eingeordnet, unfähig sind, für eine Frau gegen alle anderen Frauen Partei zu ergreifen. Man kann von ihnen schlankweg sagen, sie seien der Liebe nicht fähig, wenn auch immer im Zustande der inneren Disponibilität. Vielleicht leiden sie an einem übertriebenen Gerechtigkeitsgefühl". Umso überraschender, wenn Blei doch einmal Farbe bekennt. Als die ebenfalls nur sparsam geliebte Mutter gelähmt auf dem Sterbebett liegt, ohne von ihrem Schicksal zu wissen, glaubt der Sohn, ihr die letzte Hoffnung nehmen zu müssen: "Ich habe wie in Todesangst mit der sterbenden Mutter von ihrem Tode gesprochen, und der Schweiß lief mir übers Gesicht, und ich konnte mir ihn nicht abwischen wie nicht die Tränen, denn sie hielt immerzu meine Hände in den ihren, ganz fest, bis ich nicht mehr sprechen konnte. Da lockerten sich die Hände, als ob sie mich nun freigeben und entlassen wollte, nachdem ich alles gesagt hatte."

Faszinierender Vater


Das Buch
Franz Blei: "Erzählung eines Lebens." Mit einem Nachwort von Ursula Pia Jauch. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2004, 528 Seiten, 25,90 Euro.
Warmherziger gezeichnet ist dagegen der Vater, die vielleicht faszinierendste Gestalt des Buches. Man merkt, dass er seinem Sohn noch über den Tod hinaus Rätsel aufgibt. Ein armer Schuster, der zeitlebens Analphabet aus Überzeugung blieb, aber seine Liebe für die Architektur entdeckte, sich das nötige Wissen am Bau abguckte und mit viel Fleiß, Sparsamkeit und einer tüchtigen Frau zum wohlhabenden Wiener Hausbesitzer avancierte. Um dann eines Tages aus heiterem Himmel seine Gattin zu verlassen und seine letzten Lebensjahre allein auf dem Land zu verbringen. Die Mutter wird über diesen Verrat halb wahnsinnig, der Vater wusste seinem Sohn auf die Frage nach dem Warum nur zur Antwort zu geben, "es sei besser so".


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Dokument erstellt am 21.01.2005 um 15:52:33 Uhr
Letzte Änderung am 21.01.2005 um 16:19:23 Uhr
Erscheinungsdatum 22.01.2005
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