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Wie die Titanic - ohne Orchester

Nach dem Ende der dänischen Gratiszeitungs-Schlacht blutet die ganze Branche
VON HANNES GAMILLSCHEG

Genau zwei Jahre hat die Schlacht gedauert, jetzt hat der kühne Herausforderer die Waffen gestreckt, und alle lecken die Wunden. Nyhedsavisen, ein Eindringling aus Island, hatte mit einem an alle Hausstande verteilten Gratisprodukt den dänischen Zeitungsmarkt aufmischen wollen. Am Montag drehte der letzte der Investoren den Geldhahn zu, und alles ist beim alten. Nur dass die großen Zeitungsverlage im Abwehrkampf gegen die Neulinge Hunderte Millionen Kronen verpulvert haben, die sie auch hätten brauchen können, um ihre unter Auflagenschwund leidenden Abonnement- und Boulevardblätter attraktiver zu machen.

Mit großen Ambitionen war die Mediengruppe des isländischen Baugur-Konzerns vor zwei Jahren nach Dänemark gezogen. Die meist gelesene Zeitung sollte Nyhedsavisen (Nachrichtenzeitung) werden, der beste Werbeträger und gleichzeitig ein journalistisches Musterprodukt. Es klang, als habe man auf Island die Zeitung neu erfunden. Und mit dem Gratisvertrieb wollte man gar der Post Konkurrenz machen.

Das war nicht nur eine Herausforderung für die bestehenden Gratiszeitungen Metroexpress und Urban, die nach dem gängigen Konzept im öffentlichen Verkehr aufliegen. Auch die traditionellen Verlage fürchteten um ihren Anteil an den Werbeeinnahmen und schickten in aller Eile eigene Gratiszeitungen in den Kampf um Leser und Anzeigenkunden: JP/Politiken brachte 24Stunden heraus, das zum Mecon-Konzern gehörende Berlingske-Haus antwortete mit Dato.

Die Folge: Auf dem Weg zur Arbeit bekamen die Dänen zeitweise bis zu fünf Gratiszeitungen zugesteckt, die Anzeigenpreise verfielen, journalistisch waren die neuen Blätter Schnellschussprodukte, und die traditionellen Blätter bluteten. Vor allem die Boulevardzeitungen mussten der Billigkonkurrenz durch starken Auflagenrückgang Tribut zollen.

Was die Schlacht kostete, hat die Journalistengewerkschaft ausgerechnet: Allein Nyhedsavisen setzte pro Herausgabetag 120 000 Euro in den Sand. Die anderen Zeitungen, die Druck und Vertrieb nicht neu aufbauen mussten, kamen etwas billiger davon. Doch bis zum Sommerbeginn hatten die Gratiszeitungen ihre Herausgeber 1,3 Milliarden Kronen (175 Millionen Euro) gekostet.

Die großen Verlage versuchten, ihre Verluste zu begrenzen. Berlingske ließ sein Gratisblatt Dato im zum selben Konzern gehörenden Urban aufgehen. 24 Stunden wurde vom Metro-Verlag übernommen, dem die erste dänische Gratiszeitung Metroexpress gehört. Nur Nyhedsavisen kämpfte alleine. Nicht einmal erfolglos: Mit 550 000 Lesern war es zuletzt tatsächlich das meist gelesene Blatt.

Doch was hilft das, wenn die Einnahmen ausbleiben? Als das isländische Startkapital aufgebraucht war, stieg der dänische IT-Milliardär Morten Lund als neuer Geldgeber ein. Noch am Wochenende hieß es, Nyhedsavisen wolle Metroexpress kaufen, was dessen Eigner ein Hohnlachen entlockte: "Wie bei der Titanic, nur ohne Orchester an Bord" beschrieb Metros internationaler Chef Per Mikael Jensen die Lage beim Konkurrenten. Tags darauf war das Schiff gekentert. Angesichts der "generellen finanziellen Flaute" sehe er sich gezwungen, die versprochene Kapitalzufuhr zu streichen, erklärte Lund, und die Seifenblase war geplatzt.

Am Montag zerrissen rund 300 polnische Zeitungsausträger vor dem Redaktionsgebäude wütend die letzten Exemplare von Nyhedsavisen: Sie waren um ihren August-Lohn betrogen worden. Auch die 50 Journalisten hatten kein Geld bekommen, die Steuerschulden sind nicht bezahlt.

In den anderen Verlagshäusern ist die Freude unverhohlen. "Nyhedsavisen war ein Fantasieprodukt, das den Medienmarkt kaputt machte", sagt Berlingske-Chefin Lisbeth Knudsen. Die Experten sind sich einig, dass nun auch 24Stunden bald eingestellt wird, auch wenn die Metroexpress-Eigner dies noch bestreiten. Doch warum sollte sich der Metro-Verlag selbst Konkurrenz machen? 24 Stunden erschien nur, um dem Feind Verluste zuzufügen, und nun ist der Feind tot.

Zwei Jahre lang war Dänemark Europas heißester Markt für die Gratisblätter, jetzt herrscht bald wieder Status quo. Aber die Zeitungsbranche ist um eine satte Milliarde ärmer geworden.


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Dokument erstellt am 01.09.2008 um 16:52:13 Uhr
Erscheinungsdatum 02.09.2008
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