Heute Abend macht sich der MDR selbst Konkurrenz. Im Landesprogramm hat um 20.45 Uhr die dreiteilige Reportagereihe "Raus aus Hartz IV" Premiere, wenig später eröffnet die MDR-Dokumentation "Arm trotz Arbeit" den Arte-Themenabend "Schuften für ein paar Euro". Das klingt nach Übererfüllung - billige Munition für verbissene Kritiker des öffentlich-rechtlichen Systems. In Wahrheit aber zeigt es dessen Stärken. Wenn schon gelegentlich unqualifiziert von einer "Süßstoffoffensive" die Rede ist - hier haben wir die Bitterstoffoffensive, die ein aktuelles Thema gründlich und von mehreren Seiten beleuchtet und die Opfer neoliberaler Wirtschaftspolitik zur Abwechslung nicht einzeln, sondern chorisch zu Wort kommen lässt.
Auf der Suche nach Auswegen
Süffig aufgemacht, erinnert "Raus aus Hartz IV" sehr an "We Are Family", jene Reihe aus dem Nachmittagsprogramm von ProSieben, die sich zumeist positiv abhebt von dem, was andere um diese Uhrzeit bieten. Die MDR-Produktion zeigt den Alltag mehrerer auf ALG-II-Leistungen angewieser Protagonisten. Nominell sind sie Unterschichtler, ein Begriff, der seit geraumer Zeit für plumpe Verunglimpfungen herhalten muss. Zwei ehemals Selbstständige, eine Großfamilie, eine allein erziehende Mutter stellen sich couragiert der Kamera. Alle suchen rührig und ideenreich nach Auswegen aus der Misere. Die von drei Autorinnen gestaltete Reihe begleitet sie bei diesen Bemühungen. In der Zopfdramaturgie der Doku-Soap, in einigen wenigen Momenten vielleicht eine Spur zu salopp, werden Schicksale erzählt, die billigem Populismus widersprechen und darin durchaus Verallgemeinerungen zulassen.
Auch die Autoren der Dokumentation "Arm trotz Arbeit" auf Arte greifen zum Mittel der Personalisierung, und wieder trifft der Zuschauer auf Menschen, die den gängigen Klischees nicht entsprechen: Ein früherer Baustoffhändler ist dabei, der sich heute gezwungen sieht, eine gesetzeswidrige Monatsstundenzahl bei untertariflicher Bezahlung abzuleisten, eine frühere Bankangestellte, eine gelernte Kauffrau. Vor ein paar Jahren hätte man sie als Fachkräfte bezeichnet, heute haben sie den Status von Tagelöhnern.
Der Abstieg hat System, wie Rolf-Axel Kriszun und Caroline Haertel deutlich machen. Sie lassen die Erfahrungsberichte von Wissenschaftlern kommentieren, erkunden die Struktur der jüngeren Arbeitsmarktreformen, werfen auch einen Blick nach Frankreich, wo die Einführung eines Mindestlohns sowohl Vor- wie Nachteile für die Arbeitnehmer gebracht hat. Für alle, die zwecks Bestätigung lieb gewordener Vorurteile in anderen Kanälen zwanghaft nach "Blödsinn" Ausschau halten, hier schon mal das bestens untermauerte, erfrischend klare Fazit dieser Sendung: "Mit dubiosen Methoden werden in Deutschland Löhne nach unten gedrückt. Betroffene beginnen sich zu wehren. Die Politik muss reagieren, weil die Gesellschaft dabei ist, ihre soziale Stabilität zu verlieren."
Die großen Kaliber
Als zweiten Beitrag zum Themenabend zeigt Arte vor der abschließenden Gesprächsrunde die 20-minütige Dokumentation "Macht, Moral und Moneten", die nochmals die jüngsten Ereignisse um großkalibrige Geschäftemacher - von "Ackermann macht's möglich" bis zur steuermindernden Zumwinkelei - in Erinnerung ruft. Zudem hat Autor Jens Nicolai an der elitären European Business School erfragt, wie man dort auf den verheerenden Imageverlust der europäischen Wirtschaftskapitäne reagiert. Auch eine interessante Note.
Praktische Hilfestellung übrigens leistet wiederum der MDR um 22.50 Uhr: "Joboffensive" heißt die Reihe, die mit Fallbeispielen auf Vorstellungsgespräche und Eignungstests vorbereitet.
"Raus aus Hartz IV" (1), MDR,
20.45 Uhr.
"Themenabend: Schuften für ein paar Euro", Arte, ab 21 Uhr.
"Joboffensive", MDR, 22.50 Uhr.


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