So sieht also ein Guru aus: ein bisschen wie Woody Allen, aber größer und wesentlich jünger. Jeff Jarvis, Professor für Journalismus an der City University von New York, wirkt darüber hinaus sportlicher und drahtiger, als man das von einem 54-Jährigen erwartet. Während seines Vortrags auf der Medien- und Internetwirtschaftskonferenz "Next 09" jüngst in Hamburg verfiel er sogar öfter in Laufschritt, um fragewilligen Zuhörern ein Mikro in die Hand zu drücken. Der Mann hat viel zu sagen, also nicht viel Zeit.
Jarvis ist einer der meistgefragten Medienexperten weltweit - obwohl diese Kategorisierung schon fragwürdig ist. Von Kultur- oder Sportexperten ist selten die Rede, aber wenn es um Medien geht, herrscht offenbar die Meinung, es gebe Leute, die sich überall auf diesem nicht eben kleinen Feld auskennen: Jarvis gilt als einer der eloquentesten Analytiker des Medienwandels. Er ist gefragter Gesprächspartner, wenn es darum geht, wie sich die klassischen Medienhäuser in Zeiten des Web 2.0 und unter dem Druck der Finanzkrise zu verändern haben.
Jarvis bloggt unter buzzmachine.com, und einer der Kurse, die er in New York unterrichtet, heißt "entrepreneurical journalism". Die Absolventen sollen als Mini-Unternehmer verlagsunabhängigen Journalismus im Netz betreiben. Gerade ist sein Buch "Was würde Google tun?" erschienen (Heyne Verlag), das Firmen dazu animieren will, sich mit Blick auf den Erfolg des Suchmaschinengiganten neue Strategien zu überlegen.
Robuster deutscher Markt
"Jeder Tag, an dem Zeitungen weiterdrucken, ist ein Tag, an dem sie sich nicht für eine neue Wirklichkeit erneuert haben", sagt Jarvis beispielsweise. Seine Kritiker bezeichnen ihn deshalb als Propheten des Untergangs. Das sei er gar nicht, sagt er. "Ich bin überaus optimistisch, was die Zukunft des Journalismus betrifft. Und ich mag Print. Aber es geht hier nicht um Emotionen, sondern die wirtschaftliche Realität. Print taugt nicht mehr als Geschäftsmodell, weil es zu viel Geld kostet, Zeitungen zu drucken."
Vorbildlich findet Jarvis das Projekt "The Local", das die New York Times (NYT) im März gestartet hat: zwei Nachbarschaftsblogs (einer für zwei New Yorker Viertel, einer für drei Städtchen in New Jersey), an denen Journalisten und Nicht-Journalisten gemeinsam mitwirken (siehe FR vom 18. März 09). "Es geht dabei darum, Menschen vor Ort zu ermutigen und zu helfen, über sich selbst zu berichten", sagt Jarvis.
Ohnehin ist Jarvis ein Anhänger des so genannten User Generated Content, er ist verantwortlich dafür, dass Bild-Chefredakteur Kai Diekmann auf die Idee kam, dass es nicht reiche, Leserreporter Fotos machen zu lassen, sondern es besser wäre, wenn die potenziellen Mitarbeiter aus dem Volk über leicht zu bedienende Videokameras verfügten. Die sind seit Dezember 2008 erhältlich, und Jarvis ist stolz darauf, Diekmann auf die Sprünge geholfen zu haben. Wenn man bedenkt, dass Jarvis Journalismus unterrichtet und die Lage der Branche teilweise hellsichtig analysiert, mutet das seltsam an.
Communities neu organisieren
Seine Analysen beziehen sich - naheliegend - auf die Lage der US-Zeitungsbranche. Einige Verlage haben dort Insolvenz anmelden müssen, namhafte Blätter ihre Druckausgabe eingestellt oder reduziert. Jarvis gibt zu, dass sich die USA und Deutschland nicht direkt miteinander vergleichen lassen. "Wir haben weniger nationale Meinungsstimmen, allein schon wegen der riesigen Größe unseres Landes. Deutschland hat einen sehr robusten und vielfältigen nationalen Markt. Die deutschen Medien können sich also den Luxus erlauben, noch darüber nachzudenken, wie sie sich für die Zukunft neu strukturieren, sie haben aber auch nicht so viel Zeit, wie sie glauben." Allemal sei ein Umdenken erforderlich: "Wer sich zu den Meinungsführern zählt, sollte sich fragen, worauf sein Status beruht. Nicht darauf, dass er "Zeitungen herausbringt. Der Wert sind Informationen. Und vielleicht ist der Wert sogar nicht einmal das, sondern die Community von Leuten, die sich um diese Marken gebildet haben. Leute, die beispielsweise sagen: Ich bin ein Zeit-Leser."
Die Verlage müssten sich fragen, wie sie es hinbekommen, diese Communities auf neuem Wege zu organisieren. Außerdem müssten sie sich darauf vorbereiten, dass eine Art deutsche Huffington Post gegründet werde - was Jarvis für wahrscheinlich hält. The Huffington Post ist eine aus Blogs und Videos bestehende Online-Zeitung, die es geschafft hat, in den USA eine jener seltenen "nationalen Meinungsstimmen" zu werden: zum einen, weil sie sich politisch vom Medien-Mainstream abhebt, zum anderen aufgrund der rein digitalen Erscheinungsweise.
Ja, Jarvis hat Recht: Er ist kein Untergangsprophet. Es gehe gar nicht darum, "sich eine Welt ohne Print vorzustellen, wahrscheinlich wird es die nie geben", erläutert er. Und warum sagt er oft genug Sätze, die das Gegenteil vermuten lassen? "Man muss den Teufel an die Wand malen, um Veränderungen zu forcieren."

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