Wenn einer eine "Keynote" hält, dann hat er was zu sagen. Das Wort wurde bei uns populär durch Apple-Chef Steve Jobs und seine Vorstellungen neuer Produkte wie iPod oder iPhone. Die "Keynote" bei den 23. Münchener Medientagen hielt der Philosoph und Publizist Richard David Precht, aber er wartete statt mit Gadgets mit einem Blick zurück in die Geschichte auf. Er zeigte, wie sich gerade ein radikaler Strukturwandel der Öffentlichkeit vollzieht: Waren Agora, Marktplatz, Zeitung und Fernsehen noch Orte einer öffentlichen Teilhabe fast aller an der Gesellschaft, so ist das Internet dabei, die Öffentlichkeit zu fragmentarisieren. Nun kann zwar immer noch (fast) jeder teilnehmen am gesellschaftlichen Diskurs, aber er tut das alleine surfend vor seinem Monitor. In schöner Dialektik sprach Precht vom "individualisierten Kollektiv vereinzelter Masseneremiten".
Der Kitt der Gesellschaft
Deshalb stellte der Kölner Autor in Bezug auf das Wort von den "systemrelevanten Banken" die Frage, ob man nicht auch von systemrelevanten Massenmedien sprechen müsse. Denn diese garantierten mit ihrer Produktion von Öffentlichkeit bislang den Kitt der Gesellschaft, und die brauche sie als Leitmedien, denn "wir sind dabei uns zu Tode zu individualisieren". Prechts Rede hätte also Stoff genug gegeben für das anschließende Podium, wie auch dessen Moderator Helmut Markwort feststellte. Aber da die Veranstalter gleich 14 (!) Teilnehmer dort platziert hatten, geriet dieser Teil zum öden Schlagabtausch alter Kontrahenten. Es ging wieder mal um die "Schieflage" zwischen öffentlich-rechtlichem Fernsehen und den Privatsendern, diesmal mit frischem Futter für RTL, ProSieben Sat.1 & Co. Denn das ZDF startet am kommenden Sonntag "ZDF neo", seinen zum Angebot für jüngere Zuschauer umgemodelten Doku-Kanal, und dessen Programm empfindet nicht nur Tele-5-Boss Herbert Kloiber als "Frontalangriff" auf die Privaten. Die seien ohnehin arg gebeutelt von der Finanzkrise, wusste RTL-Geschäftsführerin Anke Schäferkordt: Der TV-Werbemarkt werde 2009 nicht mal mehr die Vier-Milliarden-Marke schaffen. Kein Wunder also, dass man dort über andere Wege des Geldverdienens nachdenkt: Thomas Ebeling, relativ neu auf dem Chefsessel bei ProSiebenSat.1, griff ein altes Thema wieder auf: Paid Content auch für Free TV. Man werde sehen, ob die Zuschauer bereit seien, "für Vielfalt beim Entertainment zu zahlen". Das seien sie, sagte Verleger Hubert Burda - allerdings nicht unbedingt beim herkömmlichen TV. Der "Kindle" von Amazon und Apples iPhone zeigten: "Da wird der Paid Content hingehen." Und es ist ja auch nur schwer vorstellbar, dass man auch noch extra zahlen sollte. Ebelings Zugpferde: Oliver Pocher und Johannes B. Kerner.