Wollte man Juan Pablo Cárdenas das Gewissen der chilenischen Journalisten nennen, seine Kollegen würden wohl kaum protestieren. Mit seinen Berichten und Kommentaren setzt er seit 30 Jahren die Politiker seines Landes unter Druck. Dabei ließ er sich weder von Diktator Augusto Pinochet einschüchtern noch später von den demokratischen Regierungen kaufen. Er hat dafür bezahlt - während des Militärregimes, aber auch danach.
Eigentlich hatte er sich am Ende eines langen, beschwerlichen Weges gewähnt, als Pinochet Ende 1989 abgewählt war und kurz darauf die Mitte-Links-Koalition Concertación die Regierungsverantwortung übernahm. Doch nach 20 Jahren ist nicht viel von der anfänglichen Hoffnung übrig geblieben. "Es ist es gut, dass die Concertación endlich abgewählt ist," stellt der 60-Jährige heute ernüchtert fest.
Cárdenas sitzt in seinem bescheidenen Büro in dem tiefblau gestrichenen herrschaftlichen Haus in Santiago, von wo der unabhängige Radiosender der Universität Chile seine Sendungen ausstrahlt. Seit er vor vier Jahren die Leitung des Universitätsradios übernahm, haben sich die Einschaltquoten vervielfacht. In seinen allmorgendlichen Kommentaren legt er schonungslos Missstände, Machtmissbrauch und Korruption offen. Gerade prangerte er den Versuch des frisch gewählten Präsidenten Sebastián Piñera an, einem bei dessen Fernsehkanal Chilevisión angestellten Reporter einem Maulkorb zu verpassen, als der ihn nach seinen Anteilen an der Fluggesellschaft LAN fragen wollte.
Wer zu Diktaturzeiten mutigen Journalismus praktizierte, riskierte weit mehr als einen Maulkorb. Cárdenas, damals Chefredakteur der Oppositionszeitschrift Análisis, landete mehr als einmal im Gefängnis, weil er zu Unterdrückung, Folter und sozialem Elend unter dem Militärregime nicht schwieg. Mehrmals steckte der Geheimdienst des Regimes sein Haus in Brand.
Cárdenas erinnert sich aber auch an Versuche zum Ende der Diktatur, die unabhängige Presse zu Handlangern eines politischen Deals zwischen Pinochet-Anhängern, Militärs, Rechten und den USA zu machen. Ende der 80er Jahre bot ihm die US-Botschaft eine Spende von einer Million Dollar für Análisis an, "allerdings nur unter der Bedingung, dass nie wieder ein Kommunist oder Linker in unserer Zeitschrift schreibt". Es versteht sich von selbst, dass Cárdenas dieses unmoralische Angebot ausschlug.
Kritische Autobiografie
Heute landet niemand mehr wegen seiner Überzeugung im Gefängnis oder in Folterkammern, und die Bürger können entscheiden, wer sie regiert. Trotzdem könne man nicht von einer echten Demokratie sprechen, sagt Cárdenas. Dazu passt auch der Umgang der demokratisch gewählten Regierungen mit der Oppositionspresse: "Aus Angst vor anhaltender Kritik am halbherzigen Übergang haben sie die unabhängigen Medien mundtot gemacht - und zwar ohne Zensur und Verbot."
Wie das ging? Zunächst habe die Mitte-Links-Koalition der kritischen Presse kurz nach dem Ende der Diktatur einen wichtigen Geldhahn zugedreht, indem sie jede finanzielle Unterstützung aus dem Ausland zur Einmischung in innere Angelegenheiten erklärte, berichtet Cárdenas. Wenig später habe das Innenministerium einen Teil der Aktien von Análisis erworben und mit ein paar Tricks die Kontrolle des Blattes übernommen, um es abzuwickeln.
Das Ergebnis der Präsidentschaftswahlen im Januar, bei der mit Piñera erstmalig seit über 50 Jahren ein Kandidat der Rechten siegte, führt Juan Pablo Cárdenas in erster Linie auf die große Enttäuschung über die Mitte-Links-Koalition zurück. Auch wenn es kaum jemand im Ausland wahrnehme: In Chile habe sich die Korruption in den letzten 20 Jahren bedrohlich ausgebreitet. In seiner im vergangenen Mai erschienenen Autobiografie deckt er Verstrickungen chilenischer Regierungsstellen mit der mexikanischen Drogenmafia auf, in die auch der sozialdemokratische Ex-Präsident Ricardo Lagos verwickelt zu sein scheint.
Die fehlende Kontrolle der Regierung durch eine unabhängige Presse hält Cárdenas für ein großes Problem Chiles. Der bequeme Weg war nie sein Ding. Langsam erfährt der engagierte Journalist auch in seiner Heimat die Anerkennung, die er in Europa und Nordamerika schon seit langem genießt. Im Jahr 2005 erhielt er den chilenischen Journalistenpreis, der ihm auch eine kleine lebenslange Pension sichert. Und Anfang Januar zeichnete der chilenische Bücherverband "den Journalisten, der für die Machthaber unbequem ist," für seine kritische Autobiografie mit dem Nationalpreis für Erinnerungsliteratur aus.
Cárdenas spornt dieser Preis an, weiter unter der glatten Oberfläche des südamerikanischen Vorzeigelands Chile zu kratzen.

Bookmark
Verlinken






