Das Fiasko ging live über den Sender. Nach dem Einzug der NPD in den sächsischen Landtag 2004 nutzte ihr Vertreter Holger Apfel die Kandidatenrunde im ZDF für nationalen Parolen und Politiker-Beleidigungen. Als Reaktion verließen die übrigen Parteiensprecher die Sendung, die Moderatorin musste abbrechen.
Die Szene warf erneut die Frage auf: Wie sollen Medien mit Vertretern rechtsextremer Parteien umgehen? Wie befragt man ihre Akteure, ohne Raum zu geben für Propaganda oder Hasstiraden? Studierende des Fachbereiches Online-Journalismus der Hochschule Darmstadt haben gemeinsam mit der Journalistenschule Ruhr in Essen jetzt einen Leitfaden für Medien für den Umgang mit Rechtsextremen entwickelt und ins Internet gestellt.
Darin beleuchten sie die neuen, zunehmend bürgerlichen Strukturen der Rechten, die nicht mehr an Springerstiefeln und Glatzen zu erkennen sind. Das Dossier gibt Tipps für Recherchen und Interviewführung, nennt 30 Ansprechpartner und Experten, die sich in der Szene auskennen. Chefredakteure, Verfassungsschützer, Soziologen, Psychoanalytiker und Juristen kommen zu Wort.
Friederike Herrmann war als Redakteurin für das Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt in Mölln, als 1992 Rechtsextreme einen Brandanschlag auf ein von Türken bewohntes Haus verübten. "Ich hätte mir damals einen solchen Leitfaden für die Medien gewünscht", sagt sie. Vielleicht war ihr Gefühl journalistischer Unsicherheit der Grund, dass sie jetzt ihre Studenten für das Web-Projekt motivierte. Herrmann, heute Professorin am Fachbereich Online-Journalismus der Hochschule Darmstadt, ist die Initiatorin des Dossiers. "Der Leitfaden soll eine Orientierung sein für die Praxis. Er soll helfen zu differenzieren. Rechtsextremismus sollte weder totgeschwiegen noch hochgespielt werden", sagt sie.
Ein Semester lang hatten die 19 Darmstädter Studenten Zeit. Der "Nutzwert für die alltägliche Arbeit" stand für Student Volker Bonacker im Vordergrund. In komprimierter Form bietet die Online-Seite Informationen über die ganze Bandbreite der Szene. "Im Sport finden sich nicht die gleichen Akteure wie unter den rechtsextremen Frauen", sagt Bernhard Böth. "Wir wollen die Unterschiede aufzeigen. Auf die Szene lässt sich keine Schablone legen".
Das Dossier bietet Infos zur Struktur der Rechtsextremen, zu Jugend und Gewalt in der Szene, zu rechtsextremen Frauen, dem Umgang in den Medien. Psychologen raten, rechtsextreme Interviewpartner nicht zu Opfern zu stilisieren. "Weil sich Leser und Zuschauer instinktiv auf die Seite von Opfern stellen".
www.info-rechtsextremismus.de

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