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"Die Stimmung ist von Angst geprägt"

Finanz-Investoren setzen den US-Zeitungen zu
VON SEBASTIAN MOLL

Es war ein Augenblick der Ausgelassenheit in den Redaktionsräumen der Washington Post. Um kurz nach halb vier am Montagnachmittag gab das Kommittee zur Vergabe des prestigeträchtigsten amerikanischen Journalistenpreises, des Pulitzers, bekannt, dass die Post in gleich sechs Kategorien abgeräumt hatte. Man lag sich in den Armen, und für ein paar Minuten geriet sogar der Redaktionsschluss in Vergessenheit.

So gelöst wie am Montag geht es bei amerikanischen Qualitätszeitungen dieser Tage nur noch selten zu. Meist herrscht eher Beklemmung bei der Post und ihren Konkurrenten, der New York Times, dem Wall Street Journal, der Chicago Tribune oder L. A. Times. "Die Stimmung ist apokalyptisch und von Angst geprägt", berichtet ein Sportredakteur, der nicht genannt werden will, von der Atmosphäre bei der New York Times. Denn der US-Markt schrumpft rapide, das Ende der Zeitung ist ein erschreckend greifbares Szenario.

Ein Berg Schulden


Noch am Morgen der Pulitzerpreis -Verkündung erschütterte eine Hiobsbotschaft die Branche, die doch den Wert seriöser Berichterstattung feiern wollte. Samuel Zell, Eigner einer der größten verbliebenen Zeitungsgruppen der USA, gab bekannt, dass ihm seine Kreditgeber zu Leibe rücken und seine finanzielle Lage prekär ist. 12,8 Milliarden Dollar Schulden hat Zell, der erst vor einem Jahr die Tribune-Gruppe mit so wichtigen Großstadtzeitungen wie Chicago Tribune, L.A. Times und Baltimore Times übernommen hatte.

Die Tribune Company erzielte im vergangenen Jahr nicht einmal 20 Prozent des Gewinnes vom Vorjahr, die Anzeigenerlöse sanken um zehn Prozent. Um den Konkurs des ehemaligen Familienunternehmens abzuwehren, müsse er nun doch über einen Weiterverkauf einzelner Zeitungen nachdenken, schrieb Zell.

Dabei ist die Firma im Kern gesund - sie erzielte 2007 Einnahmen in der Höhe von 1,2 Milliarden Dollar. Bedrohlich sind die hohen Schulden bei den Investoren, die Zell halfen, die Gruppe zu kaufen. Das ist symptomatisch für die Situation der amerikanischen Zeitungen: Finanziers haben in Amerika wenig Geduld mit einer stagnierenden oder schrumpfenden Branche, selbst wenn sie Gewinne erzielt. Es ist nicht, wie die Zeitschrift Mother Jones jüngst erläuterte, das Internet, das den Zeitungen den Garaus macht, sondern die Ungeduld der Wall Street.

Die gesamte Auflage der US-Zeitungen sank 2007 zwar um 2,5 Prozent und die Werbeeinnahmen um sieben Prozent. Nimmt man die Online-Leser dazu, lesen jedoch mehr Amerikaner denn je Zeitung, die Gewinnspannen der meisten Blätter liegen bei 15 bis 18 Prozent. Doch Zeitungen sind den Anlegern als Renditeobjekte nicht profitabel genug - weshalb sie mit dem Druck zum Sparen und Entlassungen ihre eigenen Objekte demontieren. "Wir glauben, mit einem schlechteren Produkt mehr verdienen zu können", zürnte deshalb jüngst James O'Shea, nachdem er aus Protest gegen weitere Entlassungen seinen Posten als Chefredakteur der L.A. Times gekündigt hatte.

"Voodoo-Ökonomie" nannte O'Shea in seiner Abschiedsrede diese Art, Zeitungen zu führen - einen sich virenartig verbreitenden Führungsstil, der den Wert dessen verkenne, was Journalisten zu bieten hätten: Informationen, die Menschen brauchen, "um ihr immer komplexeres Leben zu verstehen". Deshalb sei der Buchhaltermentalität und Gier zu widerstehen und sich auf keinen Fall "der Psychologie der Kapitulation hinzugeben und den Niedergang als unvermeidbar zu akzeptieren".

Dieser kämpferische Geist des Journalismus "alter Schule" blitzte am Montag kurz auf, als Joel Achenbach auf der Website der Washington Post schrieb, dass die Preise alle daran erinnert hätten, wodurch sie sich von Blogs und Klatsch-Magazinen unterschieden: solide Recherche und sorgfältiges Schreiben. Von der Tatsache, dass die Erlöse der Post im Wettberwerbsjahr 2007 von 9,97 Dollar pro Aktie auf 8,70 Dollar zurück gegangen waren, konnte die Preisflut die Aktionäre aber wohl nur vorüber gehend ablenken.


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Dokument erstellt am 08.04.2008 um 16:48:03 Uhr
Erscheinungsdatum 09.04.2008
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