Vermutlich kommen solche Menschen öfter vor, als ihren Mitarbeitern lieb ist: fachlich Koryphäe, im sozialen Miteinander eine Katastrophe. In TV-Serien haben diese Personen traditionell bloß Nebenrollen gespielt, damit der Glanz der Hauptfigur um so besser strahlen konnte - bis Dr. House kam. Der hinkende Mediziner ist genial, aber ein Misanthrop. Gleiches ließe sich mit Fug und Recht auch über Susanne Molberg sagen, aber wer "Dr. Molly" als deutsche Antwort auf die US-Serie abtut, wird ihr nicht gerecht; deutsche Serienfiguren sind im Gegensatz zu den amerikanischen Pendants sowieso oft komplexer.
Apropos Figur: Dr. Molly (Sabine Orléans) dürfte locker doppelt soviel wie Dr. House wiegen. Die ungeheuer talentierte Neurochirurgin wirkt, als habe Autor Martin Rauhaus viele Folgen "Schwarzwaldklinik" gesehen und dann einen konsequenten Antitypen zu Professor Brinkmann entworfen: Dr. Molly ist eine korpulente Frau mit soziopathischen Zügen, völlig unsensibel im Umgang mit Mitarbeitern und Angehörigen ihrer Patienten.
Die Dialoge sind das größte Plus
"Die Dr.-House-Analogie wird sich", da ist der Autor sicher, " nach einigen Folgen auflösen, weil Dr. Molly viel ambivalenter ist". Für Rauhaus ist sie eine Figur, "die das menschliche Dasein auf neurologische Prozesse reduziert. Ihre Gegenspielerin ist die Psychologin Carlotta Edelhardt (‚Karl'), die ihr zu erklären versucht, dass das Leben viel komplizierter ist."
Und so lebt "Dr. Molly und Karl" folgerichtig vor allem von den verbalen Duellen zwischen den beiden Damen (als Gegenspielerin: Susanna Simon). Die Dialoge sind das größte Plus der Serie, was nicht überrascht: Mit einer Paraderolle für Bruno Ganz in dem Film "Ein starker Abgang" hat Rauhaus erst kürzlich gezeigt, wie gut er sein Metier beherrscht. Noch mehr imponieren seine Fachkenntnisse der Neurobiologe, Resultat intensiver Lektüre und der Kooperation mit Fachkräften. Anfangs, räumt Rauhaus ein, "kam ich mir vor, als würde ich eine Serie über Quantenphysik schreiben".
Erstaunlich das Vertrauen, das Sat.1 dem Autor entgegenbrachte. Klagen über die Inkompetenz von Redakteuren, die gute Bücher bis zur Unkenntlichkeit bearbeiten lassen, sind ja derzeit in Mode.
Rauhaus hat andere Erfahrungen gemacht und lobt: "Sat.1-Fiction-Chef Joachim Kosack hat sich für die Serie sehr weit aus dem Fenster gelehnt. In den 14 Monaten Entwicklungszeit gab es nicht einen Hauch von Zensur. Ich hatte den größten Freiraum, den man sich nur wünschen kann." Der Autor war bei den Castings dabei und stand den Schauspielern zur Verfügung, wie Sabine Orléans dankbar feststellt. Ihr gefällt die Bandbreite der Geschichten: "Humor steht neben Drama, Romantik, Poesie, aber auch Härte." Sie ist zwar sicher, dass die Serie polarisieren werde, hofft auch, dass Zuschauer sich freuen: "Endlich mal eine Hauptdarstellerin, die nicht nur 45 Kilo wiegt".
Auch wenn es in den einzelnen Folgen immer wieder Momente gibt, in denen Rührseligkeit Einzug hält (so ist Mollys erster Patient ein kleiner Junge): In ihrer politischen Unkorrektheit knüpft die neue Sat.1-Produktion nahtlos an "Doctor's Diary" an: Rauhaus schätzt die jüngst mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnete Serie sehr.
Autor Bora Dagtekin ("Türkisch für Anfänger") hatte ähnlich großen Einfluss auf die Umsetzung. Die Sender nähern sich mit dieser Arbeitsweise dem US-amerikanischen Produktionsprinzip an, das den Schöpfern der Geschichte mehr Einfluss einräumt. Beide Serien zeigen, wozu deutsche Autoren fähig sind, wenn ihre Drehbücher nicht in unendlichen Sitzungen weichgespült werden.
"Dr. Molly & Karl", Sat.1, 21.15 Uhr.


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