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Journalismus-Debatte

Auf zu neuen Höhen

VON DALAND SEGLER

Da kommt so ein junger Radikaler daher, findet das ganze System korrupt und beschließt, seinen Protest öffentlich zu machen. Greift sich ein Blatt Papier, schreibt das alles auf, nimmt sich Hammer und Nagel und haut seine Thesen an den öffentlichsten Ort der Welt: die Kirchentür. Was würde Luther heute tun? Ein anderer fast noch junger und beinahe radikal wirkender Mann, ebenfalls der Meinung, dass sich was ändern muss, und von nicht wenigen seiner Anhänger mit Heiligenschein versehen, weiß, was der aufmüpfige Mönch getan hätte: Er wendet sich im öffentlichsten Medium der Welt an dieselbe. Barack Obama verkündet seine Meinungen, heute Statements geheißen, nicht mehr gedruckt, sondern auf You Tube, im Internet.

Das bedruckte Papier weicht dem laufenden Bild, das Lesen dem Anschauen: Das ist die Umwälzung, die das Internet mit sich bringt, das sich selbst vom Text- zum Bild-Medium gewandelt hat. Und die traditionellen Medien wie Buch, Zeitung und Fernsehen müssen sich der neuen Konkurrenz stellen. Das tun sie zunächst durch den Versuch der Einverleibung. Kein Verlag, keine Zeitung mehr ohne Online-Auftritt, kein Sender mehr ohne Internet-Angebote.

Das ist weniger der Einsicht zu verdanken, dass das World Wide Web das nächste große Ding sei, als dem Geschäftssinn. Wo die Kunden/Leser/User sind, da muss der Anbieter sein, um Geld zu verdienen, mit seinen Inhalten, zumal im Mediengeschäft aber: mit Werbung. Das war schon beim Internet-Vorläufer Btx so.

Doch das Kalkül geht nicht auf. Der berühmte "Werbekuchen", er wird nicht neu aufgeteilt, er schrumpft. Eine Anzeigenseite in der Zeitung bringt um einiges mehr an Einnahmen als eine Reklame auf der Homepage. Der Aufwand für das Netz zahlt sich noch immer nicht aus.

Weniger Geld in der Kasse der Konzerne und Verlagshäuser ist die Folge, deren Folgen wiederum derzeit eine dramatische Dynamik angenommen haben: Verringerung des Angebots wie auch des Personals. Arbeitskraft wird ja heute nicht mehr als Wertschöpfung (die sie bleibt) angesehen, sondern als Kostenfaktor (der sie nur in Sklavenhaltersystemen nicht ist).

In den vergangen Wochen wurde die Krise so deutlich sichtbar wie selten zuvor: WAZ-Geschäftsführer Nienhaus findet, dass vier Zeitungen in der Region nicht auch vier Redakteure brauchen, die über dasselbe Ereignis berichten. Der Konzern will 30 Millionen Euro sparen, was laut Geschäftsführer Bodo Hombach 300 Arbeitsplätzen entsprechen könnte.

Die Eigner der Süddeutschen Zeitung verkünden, dass Einsparungen unabdingbar und Kündigungen nicht ausgeschlossen seien. Und bieten üppige Abfindungen an. Beim Handelsblatt "fahnden" sie laut Kress-Report noch nach Möglichkeiten, wo was gekürzt werden kann. Die FAZ kündigt an, zehn Prozent sparen zu wollen, zum Teil durch Streichung von Seiten.

Und der renommierte Konzern Gruner + Jahr macht aus seinen Wirtschaftstiteln Capital, Impuls, FTD und Börse Online das Produkt einer "Zentralredaktion", was eine Hundertschaft von Kollegen den Job kosten könnte, und stellt Park Avenue ganz ein.

Nun mag man fragen: Wer braucht Park Avenue, wer braucht Capital? Aber es geht weniger um die Träger der Inhalte als deren Produzenten. Und da lautet seit Jahren die Formel: mit weniger Personal mehr Qualität liefern. Dass das nicht gut gehen kann, wissen deren Verkünder wohl. Ihr unausgesprochenes Prinzip, diktiert vom Glauben an eine wie auch immer definierte Rendite, lautet: Friss Vogel, oder stirb. Um so etwas wie Motivation der Mitarbeiter geht es längst nicht mehr.

Dass dieser Weg in die Irre führen kann, dafür finden sich Indizien. Verleger Alfred Neven DuMont (u.a. Frankfurter Rundschau, Kölner Stadtanzeiger) riet jüngst bei der Verleihung des Theodor-Wolff-Preises den Kollegen: "Stocken Sie Ihren Redaktionsetat auf." Das Gegenteil geschieht. Und so finden dann Redakteure wie Stefan Niggemeier, der die FAZ verlassen hat und frei arbeitet, Belege zuhauf, dass Qualität da sinkt, wo das Personal verringert wird oder an gut ausgebildeten Journalisten gespart wird. Und das ist ausgerechnet im Medium der Zukunft, im Internet, der Fall. Man sehe sich nur einmal die Menge der Fehler auf der Web-Site an, die als Vorbild für ein journalistisches Web-Portal gilt: Spiegel Online. Das wäre im gedruckten Spiegel undenkbar (Update: Christian Stöcker antwortet darauf kurz auf Spiegel Online).

Natürlich ist dieser Mangel nicht bloß auf schlecht ausgebildete Schreiber zurückzuführen, sondern hat auch mit dem Zeitdruck des Mediums zu tun. Zugleich aber ist das ein Zeichen für eine Entwicklung, die größere Dimensionen hat und auf lange Sicht unglücklich, wenn nicht verhängnisvoll werden könnte. Denn das Netz täuscht durch seine Schnelligkeit Information oft vor, die entweder nur extrem kurzlebig oder gar falsch ist.

Das Bedürfnis, informiert zu sein, teil zu haben am Geschehen der Welt, wird durch das Internet befriedigt wie nie zuvor - scheinbar. Der Mensch vor dem Computer hat die Welt am Draht, und er nutzt diese Verbindung, um sich zu bereichern, materiell wie geistig, und um sich einzumischen: Der Blogger ist immer und überall, ungefragt und ungehemmt tut er seine Meinung kund - allerdings allzu oft auch unbeleckt von tieferer Kenntnis über das, was er kommentiert.


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Dokument erstellt am 01.12.2008 um 16:56:03 Uhr
Letzte Änderung am 03.12.2008 um 13:00:34 Uhr
Erscheinungsdatum 02.12.2008
Kommentare
1. Ausgerechnet die FR
Ausgerechnet die FR beklagt sich also über die journalistische Qualität im Internet. Das kann eigentlich nur ein Scherz sein. Ausgerechnet das Blatt, dass seit Jahren beweist, wie man Journalismus kaputtsparen kann und jeden Tag belegt, dass nicht alles, was auf Papier gedruckt wird, auch qualitativ hochwertig sein muss. Ich lese Ihre Zeitung seit einigen Jahren und stelle eine massive Zunahme von inhaltlichen Fehlern, Rechtschreibfehlern und Leitartikeln ohne jede - von Ihnen hier geforderte - Analyse. Das was in der FR steht, habe ich in den allermeisten Fällen bereits journalistisch hochwertiger im Netz gelesen, bevor Ihre Zeitung überhaupt gedruckt wurde.



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