Spät erst, mit Anfang, Mitte 40 nahm Michael Korstick seine erste CD auf. Beethovens Hammerklaviersonate spielte er so extrem, die Ecksätze rasend schnell, den Mittelsatz radikal ausgebremst, dass man dazu Stellung beziehen musste. Und plötzlich wurde der Mann, von dem kaum einer Notiz genommen hatte, zum Liebling der Feuilletons. Ein kompromissloser, widerständiger Geist, hieß es, einer, der sich nicht vereinnahmen lässt. Geschichten, wie man sie eben liebt.
Die Wogen haben sich inzwischen geglättet. Korstick erarbeitet auf einem kleinen Label eine Gesamteinspielung aller Beethoven-Sonaten und machte noch einmal Furore, als er gegen die Vermarktung einer von ihm eingespielten Beethoven-Bagatelle auf einem Kuschel-Klassik-Sampler klagte. Mit Erfolg im übrigen. Dem Betrieb aber ist er fremd geblieben. Auch der Große Saal der Alten Oper Frankfurt weist eklatante Leerstellen auf. Dabei ist sein Programm ausgerichtet auf die großen Werke, auf die Weltliteratur. Haydn, Beethoven, Schubert. Das kann sich sonst nur Alfred Brendel leisten.
Anders als Brendel aber ist Korstick ein Zupacker. Zumindest auf den ersten Blick. Bei Beethovens vorletzter Sonate, As-Dur, op. 110, aber wird das rasch zur Pose. Die linke Hand, die schwer auf die Tastatur fällt, wirkt bald starr und unbeweglich. Sie verkündet bloß Kompromisslosigkeit, ohne sie zu begründen. Umgekehrt verliert Korstick das Gefühl für die Freiheit, die sich Beethoven hier erarbeitet wie nirgends sonst. Fast wirkt sie ihm suspekt, als müsse sie metrisch gefangen, denkend gebannt werden - eine seltsame, ambivalente Interpretation.
Ganz anders Schubert. Korstick setzt ihn gar nicht unter Druck, im Gegenteil. Der Eröffnungssatz seiner letzten Sonate B-Dur D960 ist von einer unerhörten Ruhe getragen. Kaum ein Detail streckt sich der Aufmerksamkeit entgegen - er hört die Musik als langen, langen Erzählstrom. Die Wirkung ist immens. Indem Korstick jede psychologisch-seismographische Überzeichnung vermeidet und ganz der äußeren Ereignislosigkeit vertraut, entfaltet sich Schubert in seiner radikalen Eigensinnigkeit. Doch auch das ist nur eine Momentaufnahme. Später rast Korstick über das Scherzo hinweg. Ohne Delikatesse. Es ist, als wolle er in solchen Momenten zu viel. Wenn er aber nicht treibt, sondern loslässt, ist er an diesem Abend unwiderstehlich.

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